Dass es bei der Wahl um mehr als nur den Gewinn eines Wahlkreises geht, war schon früh zu erkennen. Premier Viktor Orbán reiste persönlich nach Dunaújváros, um die Kandidatin des Fidesz, Fruzsina Lassingleitner, zu unterstützen. Im Rahmen des „Moderne Städte“-Programms versprach er der Stadt Subventionen in Milliardenhöhe: „Die Bewohner der Stadt sollen wissen, solange die Stadt unter unserer, der Fahne der Fidesz-KDNP ist, kann sie auf die Regierung zählen.“

Die Unterstützung kommt nicht von ungefähr, hatte doch der Fidesz in den vergangenen Zwischenwahlen eine Schlappe nach der anderen einstecken müssen. Obwohl die Werte der Regierung bei den Sonntagsfragen unverändert gut sind und weit vor denen der Opposition liegen, konnte die Regierungskoalition auf Kommunalebene in den vergangenen Monaten keinen Sieg verbuchen. Die Wahl in Dunaújváros wurde daher vielerorts als Indikator verstanden, inwiefern die landesweite Beliebtheit des Fidesz auch auf lokaler Ebene zum Sieg verhelfen kann.

Oppositionsparteien uneins

Doch auch auf oppositioneller Seite maß man dem Urnengang Bedeutung bei, denn auch der frisch im Amt bestätigte Jobbik-Parteichef Gábor Vona und Ex-Premier Ferenc Gyurcsány statteten der kleinen Stadt einen Besuch ab, um den jeweils eigenen Kandidaten zu unterstützen. Ob das unerwartet starke Abschneiden des Kandidaten der Gyurcsány-Partei DK, Zsolt Huszti, direkt damit zusammenhängt, ist ungewiss, dass der Sieg der Fidesz-Kandidatin Lassingleitner wiederum unmittelbar mit den Uneinigkeiten auf linker Oppositionsseite zu tun hat, scheint indes sicher.

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DK-Vorsitzender Ferenc Gyurcsány: „Die Parteien müssen kooperieren, um den Fidesz abzulösen.“

Denn erneut brachten es die Parteien DK, MSZP und „Dialog für Ungarn“ nicht fertig, sich über die jeweils eigenen Interessen zu erheben. Statt wie 2014 einen gemeinsamen Kandidaten zu stellen, erging man sich lieber im Klein-klein der individuellen Präferenzen und wessen Kandidat die Linke denn nun vertreten soll. Nachdem sich selbst die Parteivorsitzenden Ferenc Gyurcsány (DK) und József Tóbiás (MSZP) in den Streit eingeschaltet hatten – mit wenig Erfolg wohlgemerkt –, beschlossen die linken Parteien, jede für sich selbst einen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Tatsächlich sorgte dies für eine Überraschung bei der Gyurcsány-Partei. Zsolt Huszti gelang mit 21 Prozent ein Überraschungserfolg. Zwar liegt er damit noch immer weit abgeschlagen hinter der Gewinnerin Lassingleitner (36 Prozent), allerdings konnte er sich als bester linker Kandidat favorisieren. Endre Barta, der Kandidat der Jobbik, errang 17 Prozent und damit Platz drei, József Selyem, der MSZP-Kandidat konnte nur 8,5 Prozent der Stimmen für sich gewinnen. Jeweils sieben Prozent gingen an die „Gemeinsam“-Kandidatin Ilona Grabant Pappné und den unabhängigen Kandidaten Bálint Gebei. Rein rechnerisch hätte also ein gemeinsamer linker Kandidat die Fidesz-Kandidatin auf Platz zwei verweisen können.

Noch am Sonntagabend meldete sich DK-Vorsitzender Ferenc Gyurcsány zu Wort: „Mit aller nötigen Zurückhaltung, aber wir möchten festhalten: Die DK zieht aus diesem Ergebnis nicht den Schluss, dass die MSZP in Zukunft um jeden Preis besiegt werden muss, sondern dass die demokratischen Parteien kooperieren müssen, um den Fidesz und die Orbán-Regierung abzulösen.“

Doch dies ist nicht der einzige Schluss, der gezogen wurde. József Tóbiás, Vorsitzender der MSZP, forderte seinen Parteikollegen aus Dunaújváros am Montag auf, zurückzutreten. Attila Pintér, Vorsitzender der Ortsgruppe der MSZP und erst eine Woche zuvor in dieses Amt gelangt, hatte index.hu zufolge bereits am Sonntag, unmittelbar nach der Wahlschlappe diesbezüglich eine Aufforderung aus Budapest erhalten.

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Sieht den Fehler nicht bei sich: MSZP-Kandidat Attila Pintér (r.).

Am Montag wurde es dann offiziell; in einer Presseaussendung der Parteizentrale ließ Tóbiás wissen, man habe „organisatorisch versagt. Wir haben, im Vertrauen auf das Funktionieren der Demokratie, die Ortsgruppe in Dunaújváros selbstständig über die Aufstellung eines Kandidaten entscheiden lassen. Wir müssen leider feststellen, dass sie aus Sicht der Wähler eine schlechte Wahl getroffen hat.“ Ganz nachvollziehbar ist diese Auffassung nicht, scheint es doch schwer vorstellbar, dass eine Wahl, der landesweite Bedeutung beigemessen wird, nicht auch in der Parteizentrale besprochen, beratschlagt und entsprechende Direktiven an die örtlichen Parteikollegen gegeben werden. Pintér selbst sieht die Aufforderung als unnötig, wollte er sich doch ohnehin am Mittwoch in seiner Ortsgruppe einer Vertrauensfrage stellen. Abhängig von deren Ergebnis werde er eine Entscheidung über den Verbleib auf seiner Position treffen. Jedoch sieht er seine Entscheidung in Sachen Kandidatenwahl schon jetzt als gerechtfertigt an. So sei es keineswegs sicher, dass es sich gelohnt hätte, mit der gesamten Linken zu kooperieren, „zwar mag das Ergebnis mathematisch gereicht haben, aber es ist nicht sicher, ob es auch politisch funktioniert hätte“.

Auch nannte der Abgekanzelte die Reaktion des Parteivorsitzenden scheinheilig, schließlich hätte man in einer nicht-öffentlichen, in geschlossener Runde abgehaltenen Meinungsumfrage eindeutig festgestellt, dass sich eine Kooperation mit der Gyurcsány-Partei auf keine große Zustimmung bei den Wählern stützen kann. Außerdem hätten auch Meinungsumfragen im Vorfeld ergeben, dass der Kandidat der MSZP der stärkste ist. Dass es am Ende nur für den vierten Platz reichte, überraschte dann wohl am meisten die Sozialisten selbst.

Auch Politikanalyst Gábor Török meldete sich in Sachen Dunaújváros zu Wort. Im konservativen Fernsehkanal HírTV sagte er: „Dunaújváros ist an sich eine bedeutungslose Episode, die Auswirkungen dieser Wahl können aber bedeutsam werden. Wir werden die Kommunalwahl von Dunaújváros noch oft als schlechtes Beispiel hervorholen.“ Mit Blick auf die Parlamentswahlen 2018 sagte der Politologe: „Wenn sich die ungarische Linke 2017 nicht endlich einig wird und eine gemeinsame Antwort auf die Kandidatenfrage gibt, dann wird das Ergebnis das gleiche wie 2014.“

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