„Wie viele andere kam auch ich – eigentlich – nur kurz nach Budapest und habe mich sofort in die Stadt verliebt”, erzählt der 27-jährige Engländer. Als professioneller Kleinkünstler wurde er vor fast zwei Jahren nach Budapest eingeladen, um einen Kurs im Feuerspucken und Bühnenperformance zu geben. Damals arbeitete er nicht nur professionell im Zirkus, sondern auch als Sozialarbeiter mit körperlich eingeschränkten Kindern und Jugendlichen aus Problembezirken. Hier unterstütze er die Heranwachsenden in der Selbstfindung. Schon damals hatte Ed angefangen zu sparen, wusste aber noch nicht, für was.

„Als ich mich entschied, nach Budapest zu kommen, arbeitete ich bereits mehr im Zirkus als mit den Kindern. Ich traute mich aber einfach nicht, zu kündigen und meine Zeit und Kraft in die Zirkusarbeit zu stecken”, sagt Ed. „Ich war mit meinem sozialen Umfeld in England nicht mehr zufrieden und sehnte mich nach einem Neustart, einem anderen Leben. Ich musste erst mit der Nase drauf gestoßen werden, um den Entschluss zu fassen, wegzugehen.”

Neustart Budapest

Bevor Ed nach Budapest zog, lebte er noch nie außerhalb seiner Heimatstadt Newcastle. „Ich war vom ersten Moment an von dieser besonderen Stadt fasziniert. Nach nur einer Woche packte ich meine Sachen in England, bestieg abermals das Flugzeug und bezog ein Zimmer im Hostel”, berichtet der junge Engländer. Er kündigte seinen Job fristlos und wagte den Schritt – auch, um es später nicht zu bereuen. Obwohl der Lebensunterhalt in Ungarn günstiger ist als in England, und Ed etwas Geld gespart hatte, brauchte er möglichst schnell einen Job, um in der neuen Stadt Fuß zu fassen.

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Auch wenn Ed Atkins in Budapest den Beruf des Kleinkünstlers nicht ausübt, nutzt er jede freie Minute, um weiter zu trainieren.

„Die ersten Wochen schlief ich auf dem Boden einer italienischen Freundin eines Bekannten, bis ich einen Job fand. Ohne Ungarisch zu sprechen war das aber gar nicht so einfach”, meint Ed. Über ein Portal für Kleinkünstler fand er eine professionelle Clownsdame, die Unterstützung bei ihren Kindern suchte. So fing er an, als Tagesmutter zu arbeiten. Er betreute die Kinder, brachte ihnen jonglieren bei und gab ihnen Englischnachhilfe – im Gegenzug bekam er etwas Geld und durfte bei der Familie wohnen.

Internationale Meetups als Starthilfe

„Doch das war für mich keine Langzeitlösung. Ich blieb so lange, bis ich etwas mehr angespart hatte. Über soziale Netzwerke informierte ich mich über verschiedene Treffen für Englischsprachige in Budapest und besuchte sie. So traf ich auch meine Freundin”, erzählt Ed. „Wir haben uns auf Anhieb verstanden, es passte.” Beide waren sie pleite und suchten eine Bleibe. Gemeinsam hat das Paar schließlich ein Studio gemietet und lebt dort seit anderthalb Jahren glücklich zusammen.

Mit der Wohnung musste er sich auch offiziell in Budapest anmelden und brauchte für beides einen festen Job. „Durch das Babysitting bekam ich Geld bar auf die Hand. Das konnte ich natürlich in meinem Mietvertrag nicht als Einkommen angeben. Wenn ich offiziell hier arbeiten und wohnen wollte, musste ich auch anfangen, es richtig zu machen.” Ed wurde zu der Zeit mehr und mehr in der Ungarischen Jongliergemeinschaft aktiv und bekam dort schon bald einen Job als Nachtportier in einem Hostel in der Király utca vermittelt.

Budapest: ein Ort der Kontroversen

„Für den Moment reicht der Job im Hostel aus”, meint Ed. Er kann so seine Miete bezahlen, sich ab und zu einen Flug nach Newcastle leisten und sich in seiner Freizeit dem Kleinkünstlerdasein widmen. „Es ist so erfrischend, dass der Sommer hier nicht nur zwei Tage lang ist – so wie in England”, sagt er grinsend. „Interessant auch zu beobachten, wie auf der einen Seite die Menschen hier maßlos offen und freundlich sind und auf der anderen Seite niederschmetternd unfreundlich – zum Beispiel im Supermarkt.” Für ihn ist Budapest ein Ort der Gegensätze: zwei Tante-Emma-Läden in einem Historismus-Palast und dazwischen ein hochmoderner Vodafone-Shop. „Es ist so, als ob sich die Stadt nicht entscheiden kann, in welcher Zeitzone sie lebt – und das ist atemberaubend.”

Am Anfang war es für Ed nicht einfach, sich in Budapest zurechtzufinden: Die fremde Währung, das Auf- und Abrunden im Supermarkt und natürlich die Sprachbarriere waren und sind auch heute noch Hürden für ihn. Aber er fühlt sich wohl und hat das Gefühl, sich in der Atmosphäre der Stadt selber zu finden. Seit gut anderthalb Jahren lernt er nun Ungarisch. „Was ich bis heute nicht verstehe, ist die Kultur kleiner Restaurants, Essen in der Mikrowelle aufzuwärmen, anstatt es direkt frisch zuzubereiten. Auch mich an die ungarische Bierkultur zu gewöhnen, fällt mir noch etwas schwer – ich vermisse das dunkle Bier!” Trotzdem genießt er die jeden Tag in vollen Zügen. Was er hier gelernt hat: Den englischen Akzent seiner Heimatstadt zu vergessen. „Meine Mutter findet das zwar gar nicht so gut. Aber hier den Mut gefunden zu haben, die Kleinkunst zu meinem offiziellen Beruf zu machen, entschädigt das allemal. Das wird dann mein nächster Schritt sein.”

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