Um saftige 56 Prozent sind die Strompreise für private Haushalte innerhalb der Europäischen Union in den letzten zehn Jahren angestiegen. Heute erreicht der Durchschnittspreis für Haushaltskunden EU-weit 21 Eurocent pro Kilowattstunde (kWh), teilte Eurostat am vergangenen Freitag mit. Zwischen Dänemark mit dem teuersten und Bulgarien mit dem billigsten Strom klafft ein mehr als dreifacher Preisunterschied.

Familien zahlen in Ungarn die Hälfte des EU-Durchschnitts

In Ungarn mussten die Familien im vergangenen Jahr umgerechnet 11,5 Eurocent pro Kilowattstunde bezahlen, also nicht viel mehr als die Hälfte des europäischen Standardpreises. Bulgarien gehört aber zu den ärmsten EU-Staaten, weshalb die dortigen Bürger auch mit weniger als 10 Cent/kWh den höchsten Anteil – nämlich drei Prozent – ihres Nettoeinkommens für die Stromrechnung aufbringen müssen. Eine annähernd so hohe Belastung müssen nur noch die Letten ertragen, denen der Stromtarif innerhalb der letzten zwölf Monate um mehr als ein Viertel hochgeschraubt wurde.

Wegen der schwachen Einkommen gehört Ungarn bis heute zu den EU-Mitgliedstaaten, in denen die Bevölkerung den Strom zu schätzen wissen sollte, muss doch jeder Haushalt mehr als zwei Prozent seines Nettoeinkommens dafür aufbringen. Damit befinden wir uns in einer Liga mit Kroaten, Slowenen und Tschechen, aber auch den Skandinaviern, unter denen die Dänen – neben den Deutschen – unbeeindruckt von den absolut höchsten Preisen ihre Rechnung mit weniger Mühe begleichen. Unter den Osteuropäern sind Rumänen, Slowaken und vor allem Polen deutlich besser gestellt, als die Ungarn.

Instrument der Sozialpolitik

Neben dem Anteil an den Nettoeinkommen erweist sich der Vergleich der Kaufkraftparität als aussagekräftig. Hier ist Finnland mit kalkulierten 12 Cent/kWh Europameister, Portugal steht mit 29 Cent am schlechtesten da, Ungarn landet mit real 20 Cent nur im europäischen Mittelfeld. Die Orbán-Regierung hat dennoch Recht, wenn sie ihre Politik der sinkenden Wohnnebenkosten (die in erster Linie auf die Senkung der Strom-, Gas- und Fernwärmerechnungen abzielte) als sozialpolitisches Instrument auffasste, denn ohne diese Korrektur hätten die ungarischen Bürger ähnlich zu leiden wie die Bulgaren oder die Portugiesen.

Im Zehnjahresvergleich haben sich die Strompreise hierzulande nur um sechs Prozent erhöht – die Dynamik des Preisanstiegs erreichte somit gerade einmal ein Zehntel des europäischen Tempos. Bis 2010 sah das aber ganz anders aus: Schon vor fünf Jahren hatten die ungarischen Stromtarife (jeweils in Euro kalkuliert) gegenüber 2005 um 60 Prozent zugelegt. Die damaligen Regierungen rechtfertigten diese Preissprünge mit der Anpassung an die Weltmarktentwicklung, dabei wurde Strom in Deutschland und Österreich zur gleichen Zeit nur um 30-40 Prozent teurer. Seit 2010 könnte die Entwicklung in diesen drei Beispielländern kaum dramatischer divergieren: In Deutschland wurde Strom binnen fünf Jahren erneut um ein Viertel teurer, in Österreich stagnierten die Tarife für die Bevölkerung nahezu, und Ungarn senkte die Preise administrativ um ein Drittel!

Bunkern für schlechtere Zeiten

Die Gaspreise sanken in der gesamten EU im vergangenen Jahr um 1,7 Prozent, lagen aber auch so noch ein Siebtel über dem Vorkrisenniveau. In Ungarn und Rumänien mussten die privaten Haushalte weniger als die Hälfte des europäischen Durchschnittspreises zahlen, Schweden verlangte seinen Bürgern den vierfachen ungarischen Preis ab. Im Kaufkraftvergleich waren derweil die Spanier am schlechtesten gestellt; neben Luxemburg zahlten die Bürger gerade einmal in vier anderen EU-Mitgliedstaaten relativ weniger für ihr Erdgas als die Magyaren.

Die ungarischen Verbraucher bezahlen heute für das Erdgas ungefähr den gleichen Preis, wie die Deutschen zur Jahrtausendwende. Letzteren werden heute beinahe doppelt so hohe Tarife aufgebürdet, die Liberalisierung der Energiemärkte kommt bei den Endverbrauchern halt nicht wirklich an. Das Hamburger Forschungsbüro Energycomment rechnete nach, dass die deutschen Energieversorger den Kunden dank Dumping-Einkaufspreisen bis zu zehn Prozent mehr Preisvorteil gewähren könnten, und zwar jährlich. Vergleichsportale ermitteln bereits bis zu 40 Prozent Kostenunterschied zwischen Grundversorgungstarif und günstigstem Angebot.

Statt mehr Wettbewerb mit wenig Vertrauen erweckenden Resultaten setzt Ungarn auf die Interventionspolitik der sinkenden Wohnnebenkosten. Befanden sich die ungarischen Gaspreise 2012 noch auf Augenhöhe mit jenen in Deutschland, ging es seither hierzulande tariflich um nahezu ein Viertel bergab. Die Regierung senkte die Tarife in der Grundversorgung in drei Stufen administrativ, die Angebote freier Anbieter am Markt konnten nach dem unrühmlichen Aus für Emfesz nicht mehr mithalten. Seit die Verbraucher komplett zum staatlichen Versorgungsunternehmen ENKSZ umgeleitet wurden, erübrigt sich die Suche nach alternativen Offerten. So befindet sich der ungarische Staat heute in der komfortablen Lage, sinkende Weltmarktpreise nicht automatisch an die Kunden weitergeben zu müssen. Das Thema wird nicht an die große Glocke gehängt, doch wird in der gegenwärtig günstigen Lage gewissermaßen für schlechtere Zeiten (höhere Importpreise) „eingebunkert“.

Keine Illusionen wegen Billigstroms

„Schlechtere Zeiten“ haben aber nicht unbedingt nur mit dem Weltmarkt zu tun. Mit dem gigantischen Projekt zur Erweiterung des Kernkraftwerks Paks holt sich die Orbán-Regierung ein Problem freiwillig ins Haus. Für die zwei Reaktorblöcke mit einer Leistung von jeweils 1.200 MW sind 12 Mrd. Euro veranschlagt, das Projekt wird zu 80 Prozent aus einem russischen Staatskredit finanziert. Der Kredit wird von Orbán wie Putin gerne als freundschaftlicher Deal dargestellt, dabei muss Ungarn schon in der Vorbereitungsphase von Paks II. mehrere 100 Mrd. Forint aus dem Staatshaushalt abzweigen. Diese an anderer Stelle – etwa bei dringenden Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst – fehlenden Ausgaben werden in dem Moment kritisch, da sich das Projekt verzögert. Was beim Bau von Kernkraftwerken leider weltweit ganz und gar nicht selten vorkommt.

Produziert Paks II. dann endlich (die Pläne sehen eine schrittweise Inbetriebnahme ab 2025 vor), soll dies zu Selbstkosten von knapp 60 Euro pro Megawattstunde geschehen. Das kalkuliert ungefähr eine Verdopplung des Kostenniveaus beim einzigen ungarischen KKW ein, erscheint also nicht von vornherein unrealistisch. Bis 2030 sollen die Marktpreise bis auf 70 Euro/MWh anziehen, prognostiziert beispielsweise das Bundeswirtschaftsministerium, das bis 2040 sogar mit 80-85 Euro/MWh rechnet. Zwischen 2032 und 2037 gehen die längst amortisierten alten Pakser Reaktoren vom Netz; damit verliert Ungarn seine preiswerteste Energiequelle und den vorübergehenden Status als Stromexporteur. Die vier alten Reaktorblöcke werden durch die zwei neuen Reaktoren kompensiert, für die stillgelegten Gaskraftwerke sollen erneuerbare Energien einspringen.

Stabile Basis, alternative Zukunft

Deren Anteil an der heimischen Stromerzeugung lag mit 3.150 GWh im vergangenen Jahr erstmals über zehn Prozent. Das ist aber nur ein Viertel des Atomstromvolumens, selbst Kohle und Erdgas spielen im heutigen ungarischen Energiemix eine größere Rolle. Das Kohlekraftwerk in der Mátra wird zu drei Vierteln ausgelastet, Paks zu annähernd 90 Prozent, die Gaskraftwerke bringen es derweil nur auf 20-35 Prozent. Letzteres entspricht ungefähr der Auslastung von Windkraftwerken, weshalb Erdgas und Wind nicht eben als Rentabilitäts-Champions betrachtet werden können. Erstaunlich wenig verbreitet im sonnigen Ungarn ist noch immer die Solartechnik, die innerhalb der erneuerbaren Energien mit einem Anteil von drei Prozent das absolute Schlusslicht bildet. Wenn schon alternativ, setzt man hierzulande eher auf Biomasse, die aktuell für die Hälfte der grünen Energien aufkommt.

Das „Abenteuer“ Paks II. könnte Ungarn teuer zu stehen kommen, ob die von Umweltschützern verfochtenen Alternativen ohne den Atomstrom auskämen, erscheint jedoch nicht realistisch. In der Nationalen Energiestrategie bis 2030 setzt das rohstoffarme Land auf einen Mix aus Atom, Kohle und erneuerbaren Energien. Dass sich Ungarns Politik mit der Neuauflage des Kernkraftwerks auf Jahrzehnte festlegt, trifft natürlich zu. Außerdem zerstiebt die Illusion vom billigen Atomstrom. Der „nachwachsenden“ Energie gehört die Zukunft, aber eben nicht alternativlos. Die Regulierungsprobleme in Deutschland sind allgegenwärtig und beschränken sich nicht etwa auf die Preisgestaltung; ohne europäischen Stromverbund würden die Pioniere der grünen Welle schon heute sehr alt aussehen und nicht zuletzt eine verschmutzte Umweltbilanz hinlegen. Aber das ist ein deutsches Thema…

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