„Obdachlose nehmen die Stadt anders wahr, viel intensiver als wir, die wir immer nur von A nach B hetzen. Sie kennen versteckte Orte, an die wir nie gehen, und können uns Budapest aus einer ganz anderen Perspektive zeigen.“ Das erhofft sich Bernadett Fekete, Initiatorin von „My Budapest“, einem Fotowettbewerb für Obdachlose, von den Bildern, die Mitte Juli im Rahmen des Projektes entstehen werden. Insgesamt 100 Einwegkameras sollen dafür in Obdachlosenheimen und auf der Straße ausgeteilt, mit Schnappschüssen gefüllt, wieder eingesammelt und entwickelt werden. Die besten Fotografien werden in einer Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Jury wählt unter Berücksichtigung einer öffentlichen Abstimmung 13 Bilder aus, die dann als Kalender herausgebracht werden. Der Erlös des Verkaufs geht an die Künstler.

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ROL, Cover des 2016 "Cafe Art My London"-Kalendar

Die Idee zu „MyBudapest“ stammt ursprünglich aus London, wo das Fotoprojekt, das dort unter dem Namen „My London“ seit 2013 existiert, bereits seinen dritten Kalender herausgibt. Hinter dem Konzept steht die Organisation Café Art, die sich dafür engagiert, obdachlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in der Kunst zu probieren und auszuleben. Durch einen Artikel wurde Fekete auf die außergewöhnliche Aktion aufmerksam: „Mein erster Gedanke war: ‚So etwas müssen wir auch in Budapest machen.‘ Danach habe ich direkt versucht, mit den Organisatoren Kontakt aufzunehmen“, erzählt Fekete, die sich neben ihrem Job an der Central European University bei der „Budapest Bike Maffia“ sozial engagiert. Der wohltätige Verband selbstloser Fahrradenthusiasten macht es sich seit 2011 zur Aufgabe, unter anderem Menschen, die auf der Straße leben, zu helfen. Regelmäßig versuchen sie mit Aktionen, wie etwa dem „Vitaminkommando“ oder dem „Guerilla Picknick“, Obdachlose nicht nur mit dem Notwendigsten zu versorgen, sondern auch einen Dialog zwischen dieser oft stigmatisierten Bevölkerungsgruppe und dem Rest der Gesellschaft herzustellen.

Das Bild in den Köpfen ändern

„Das Bild, das viele Menschen von Obdachlosen haben, ist, dass sie dreckig und betrunken sind oder in dunklen Ecken herumlungern“, erzählt Fekete, „genau diese negativen Stereotypen, aber auch die Apathie will die Budapest Bike Maffia mit ihren Aktionen und eben auch mit dem Fotoprojekt ‚MyBudapest‘ ändern.“ Dabei übersehen laut Fekete viele Menschen, was uns bei allen Unterschieden doch verbindet: „Obdachlose Menschen haben auch gute Ideen, sie haben Kreativität, man muss ihnen nur die Chance geben, diese auszuleben.“

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Marco Aurelio Alves Silva, 2015, Sao Paulo.

Der Fotowettbewerb „MyBudapest“ ist so eine Chance. Bei der Umsetzung in Budapest steht Fekete das britische Café Art zur Seite. Schon bald nach der Kontaktaufnahme erhielt sie aus London einen ganzen Katalog voll mit hilfreichen Tipps, Anhaltspunkten für die zeitliche Planung und das Know-how für die Organisation. „Wir waren nicht die Einzigen, die sich dafür interessierten, dieses tolle Fotoprojekt auch in ihrer Heimatstadt umzusetzen. Paul, einer der Organisatoren in London schrieb mir, dass in diesem Jahr noch circa sechs weitere Städte einen Fotowettbewerb für Obdachlose nach dem Vorbild Londons veranstalten.“ Die Städte Sao Paulo, Sydney und Toronto gehören bereits zu den internationalen Nachahmern. In Budapest steckt die Veranstaltung, die Fekete ab jetzt jährlich durchführen möchte, noch in den Kinderschuhen.

Aller Anfang ist schwer

Es braucht Monate der Vorbereitungszeit: Alle wichtigen Schritte, die bis zur Austeilung der Kameras im Juli, der Entwicklung der Fotos im August und der Ausstellung der Gewinnerbilder sowie dem Druck der Kalender im September gemacht werden müssen, hat die sozial engagierte Budapesterin jedoch bereits geplant. Gerade sucht sie vor allem nach Sponsoren, unter anderem für die Finanzierung der Einwegkameras und die spätere Entwicklung. Für Letzteres hat bereits der Kunstförderverein ArtBázis Összművészeti Műhely seine Unterstützung zugesagt, der sein Fotolabor für die Entwicklung der Bilder zum Selbstkostenpreis zur Verfügung stellen wird. Rund 2.600 Euro muss Fekete im Vorfeld unter Berücksichtigung aller Kostenfaktoren zusammensammeln. Dazu plant sie ab der kommenden Woche eine Crowdfunding- Kampagne auf der Online-Plattform gofundme.com zu schalten.

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Zilvinas Vaiteikunas, 2016, London.

Auch im Bereich der Obdachlosenarbeit hat Fekete weitere Partner finden können: Wir haben mit unterschiedlichen Obdachlosenheimen Kontakt, die später Kameras austeilen und als Abgabeort dienen werden. Um den Teilnehmern des Fotowettbewerbs zuvor grundlegende Techniken des Fotografierens zu vermitteln, wird es ein Training geben. Hier kommt Gabriella Csoszó ins Spiel. Die professionelle Fotografin und Fotografiedozentin hat bereits in der Vergangenheit Fotolehrgänge unter dem Titel „Photography and Activism“ für Obdachlose gehalten. Unter denen, die sie unterrichtet hat, sind auch solche, die heute aktive Fotografen sind und deren Bilder sogar veröffentlicht werden. Fotografie hat ihnen geholfen aus dem Zirkel der Armut auszubrechen. Neben den allgemeinen Trainings hat sich Csoszó bereit erklärt, einen weiteren Fotokurs als Preis für die Gewinner zu stiften.

Hindernisse und Herausforderungen

Obwohl Fekete mehr als zuversichtlich ist, was die Organisation und Durchführung des Projekts angeht, gibt es doch ein paar Stolpersteine entlang des Weges. Dazu zählt beispielsweise die Frage, nach welchen Kriterien die Bilder beurteilt werden sollen, schließlich handelt es sich bei den Teilnehmern weder um Profis noch um Hobbyfotografen. Viele haben vielleicht noch nie eine Kamera in der Hand gehabt oder haben eine völlig andere Vorstellung davon, was ein gelungenes Bild ausmacht. „Deshalb werden wir zuvor mit den Obdachlosen diskutieren, was die Kriterien für die Bewertung der Bilder sein sollen. Welche Qualitäten sollte ihrer Meinung nach ein Gewinnerfoto besitzen? Wir werden mit ihnen gemeinsam auch vier Kategorien festlegen, in denen jeweils die drei besten Bilder ausgewählt werden. So kommen wir auf unsere zwölf Kalenderblätter“, erzählt Fekete.

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Rudnei Barbosa, 2015, Sao Paulo.

Eine weitere Herausforderung wird sein, die Kameras wieder einzusammeln. Wenn es an allem mangelt, ist die Versuchung groß, die Kamera zu Geld zu machen, um Essen zu kaufen. „Daher geben wir jedem, der seine Kamera wieder abgibt, eine Prämie von 2.000 Forint, das entspricht dem Einkaufswert der Kamera.“ Mit dieser Strategie konnte „My London“ 80 Prozent, der von ihnen verteilten Kameras zurückerhalten. „Wir wären aber schon mit 50 Prozent zufrieden“, gibt Fekete bescheiden zu. Ein Hindernis bürokratischer Natur, an dem Fekete noch arbeitet, ist, wie die Gewinner finanziell am Erlös der Kalender beteiligt werden können. Falls die geplante Auflage von 1.000 Kalendern restlos verkauft werden kann, würde man an die Gewinner einmalig rund 50-60.000 Forint auszahlen können. „Das ist für Ungarn beinahe ein halbes Monatsgehalt und wäre für viele Obdachlose eine große Chance. Doch der Staat macht es einem nicht gerade einfach, Geld an Bedürftige auszuschütten. Es gibt viele verschiedene gesetzliche Regelungen dazu und ich muss zuerst recherchieren, wie wir den Gewinnern am unkompliziertesten das Geld zukommen lassen können“, so Fekete.

Mehr Selbstvertrauen und neue Perspektiven

„Wir werden mit unserem Fotoprojekt vielleicht nicht gleich das Leben der Obdachlosen völlig verändern“, weiß Fekete, doch ihr reicht es auch, wenn sie den Menschen nur ein bisschen mehr Selbstvertrauen schenken oder neue Perspektiven eröffnen kann. „Diese Menschen haben die Möglichkeit zu erfahren, dass sie nicht ‚nur Obdachlose‘ sind, sondern auch Persönlichkeiten, die Talente haben und dafür sogar Wertschätzung erfahren.“ Bis September muss sich die Öffentlichkeit allerdings noch gedulden, um die Ergebnisse des Fotowettbewerbs zu begutachten. Die Budapester Zeitung hält Sie natürlich über den weiteren Weg von „MyBudapest“ auf dem Laufenden.

Falls Sie das Fotoprojekt „MyBudapest“ mit einer Spende unterstützen möchten, können Sie sich per E-Mail an mybudapestphotoproject@gmail.com wenden. Der Link zur Crowdfunding-Kampagne, für die Sie online spenden können, wird in der nächsten Woche auf der Facebookseite des Projekts unter www.facebook.com/mybudapestphotoproject bekannt gegeben.


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