“Vor den Geschäften, in denen für günstige Angebote geworben wird, versammeln sich Menschenmengen, auf der Suche nach billiger Beute.” Der Kurzroman des damals Mittzwanzigers Andor Endre Gelléri beschreibt tiefgreifend und realitätsnah das Leben der Arbeiterklasse im Budapest der 1930er-Jahre.

Der Autor selbst wuchs inmitten von Arbeitern und Tagelöhnern auf. Sein Vater war Schlosser, so erfuhr er die oft schwierigen Lebensumstände der Arbeiterklasse am eigenen Leib. “Mein Schicksal hat mich in das Land der Armen geworfen, und hier hat sich mein sozialer Blick ausgebildet”, sagte der Schriftsteller einmal gegenüber der Zeitschrift Literatura.

Gelléri liebte von Kindeszeiten an das Kreative, wurde aber von seinem Vater gezwungen, das Gymnasium abzubrechen und stattdessen die Industriefachschule zu absolvieren. Trotz alledem wurde bereits 1924, noch zu Gelleris Schulzeiten, seine erste Novelle in der Budapester Tageszeitung Az Est (Der Abend) veröffentlicht; deren Redakteur Lajos Mikes wurde bald Vaterersatz für den jungen Autor. Im Laufe seiner Karriere wurde ein Teil seiner Literatur in der bedeutenden, progressiven Literaturzeitschrift Nyugat publiziert. Gelléri versuchte seinen Traum zu verwirklichen, eben wie die Charaktere in seinem Kurzroman – nur war der Autor selbst meist erfolgreicher, als seine Protagonisten.

Das Leben als Schinderei

In seinem Roman beschreibt Gelléri die Budapester Großwäscherei Phönix. Dort arbeiten hundert zusammengepferchte Angestellte inmitten von lärmenden Maschinen, eingehüllt in den beißenden Geruch von giftigen Chemikalien. Die Wäscherei wird zum Schauplatz vielschichtiger Lebensgeschichten in einer Zeit, in der zum einen Apathie gegenüber der Lebenssituation und zum anderen die Sehnsucht nach Menschlichkeit und einer gerechteren Welt dominieren. Die Wäscherei ist ein Betrieb, in dem die Angestellten nicht nur durch die Chemikalien verpestet, sondern von ihrem Chef Taube tyrannisiert werden. Er bildet den Gegenpol zu seinen Arbeitern – ein deutscher Jude, der die süßen Vorzüge des gehobenen Lebensstandards überschwänglich genießt und mit Verachtung auf seine Angestellten hinabsieht. “Er zittert und ringt um Atem, würde sich am liebsten die Brust zerreißen, doch dann, auf einmal springt er brüllend zur Seite, denn das kaputte Ventil hat sich geöffnet, die schwarze, kochende Farbe schwappt in Wellen aus dem Kessel, in seine Stiefel.” Der Betriebsleiter Taube reagiert mit dem Kommentar, dass Rindvieh, im Gegensatz zu seinen Angestellten, ein wahrer Segen sei.

Gelléri lässt den Leser hinter die Kulissen schauen und gibt den Arbeitern eine Stimme. Er beschreibt viele ihrer erzählenswerten Lebensgeschichten: Von dem Heizer Tir, der gelesen hat, dass in China eine Revolution ausgebrochen sei und nun davon träumt, dass eben dies in Ungarn geschehe. Oder von dem Waschmeister Angelov, der jede Hoffnung verloren hat und sich, zermürbt von seiner Arbeitsumgebung, mit Schwefelsäure und Chlor selbst vergiftet.

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Andor Endre Gelléri war von Kindeszeiten an dem kreativem Handwerk zugetan. Er verwiklichte seinen Traum und wurde Schriftsteller.

“Jeder wird flink, die Nerven spannen sich an, in den Gesichtern tanzen Qual und Lächeln, auch in denen der Verkäufer, die mit ganzem Körper gestikulieren, dabei schmeicheln, sich ehrerbietig ergeben, oder aber denjenigen, der geht, ohne etwas gekauft zu haben, laut verfluchen.” Unweigerlich stellt der Autor den harten Kampf ums Überleben in den frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts dar. Durch die empathische und respektvolle Darstellungsform fühlt man sich als Leser wie ein Teil der Geschichte.

„Er gibt den Menschen Würde“

In seinem 221 Seiten langen Roman “Die Großwäscherei” beschreibt Gelléri, was er wahrscheinlich am eigenen Leib erfahren hat. Auch er arbeitet drei Jahre als Färber in einer Wäscherei in Budapest. Der Autor weist auf antikapitalistische Ansätze eben dieser Zeit hin – einer Zeit, in der die Löhne und die Arbeitsbedingungen, gerade in Hinsicht auf Gesundheit, erbärmlich und die Lebensumstände der Arbeiter oftmals menschenunwürdig waren.

Die Übersetzerin Timea Tankó schreibt im Nachwort: "Gelléri hat sich als Missionar gesehen, er stammte ja selbst aus der Arbeiterklasse, und er hat auch gesagt, dass er durch seine Literatur den Menschen etwas Gutes tun will. Er hat nicht gesagt, dass er ihr Leben verändern möchte, sondern dass sie überhaupt präsent sind in der Literatur.” Sie hebt hervor, dass Gelléri durch das Beschreiben der Lebensumstände den Menschen dieser Zeit zu einer bestimmten Würde verhilft, gerade dadurch, dass er die vom Schicksal gestraften Figuren nicht als Opfer darstellt. “So schlimm das auch ist, was sie erleben, trotzdem hat man das Gefühl, dass das Menschen sind, die genauso Entscheidungen fällen wie andere, und auch wenn Entscheidungen über sie gefällt werden, gibt es immer bestimmte Momente in ihrem Leben, in denen sie frei oder noch viel freier als andere sind.”

Die Detailbeschreibung wird zum Verhängnis

“Aus unzähligen kleinen Gassen strömen Wagen, galizische Juden in Kaftanen, magere Arbeiter, immer in Eile, in die enge Császárok utca. Auf einem Pferdewagen flattern Hähne, schnattern Enten in kleinen Käfigen; von einem anderen hängt der blutige Kopf eines geschalteten Ochsen herab. Ein mit Mehlsäcken voll beladener Lastwagen hupt, (….) Die gesamte Straße dröhnt vor Geschrei: Niemand hier spricht leise, jeder hebt unwillkürlich die Stimme, sobald er die Schwelle der Straße mit den vielen Fleischereien überschritten hat.”

Ab der ersten Seite ist der Leser in den Bann des pulsierende Lebens des alten Óbudas gezogen. Der Autor beschreibt mit einer einzigartigen Wortakrobatik das damalige Geschehen und verleiht durch seine liebevolle Feder dem Inhalt einen unverdienten Glanz. Beim Leser entstehen unweigerlich Bilder; ein sprachliches Erlebnis in dem Inhalt und Form zu verschmelzen scheinen. Doch ziehen sich die detaillierten Beschreibungen der Atmosphäre teilweise so, dass der Leitfaden der Erzählung geschwächt wird. Obwohl “Die Großwäscherei” durch die poetischen Sprachbilder Gelléris glänzt und es unweigerlich eine umfassende und realitätsnahe Beschreibung des damaligen Budapests und der detaillierten Schicksalsschläge schenkt, ist es eher ein Buch für graue Herbsttage und keines, welches so in den Bann zieht, dass man ein schönes Wochenende auf dem Sofa verbringt. Trotz alledem ist der wertvolle Einblick in die Welt der Arbeiterklasse nicht zu unterschätzen, der mit Sicherheit auf so manch einen Betrieb - auch im 21. Jahrhundert - übertragbar ist: Eine Einsicht in Arbeitsverhältnisse, die Menschen bedrängen, deformieren und so sehr verderben, dass der Einzelne entmenschlicht wird und den Ansprüchen des Kapitals kraftlos erliegt.

Gelléri konnte die Literaturwelt mit gut 80 weiteren Novellen bereichern. Als Jude war er in Ungarn Repressionen ausgesetzt, musste zum Arbeitsdienst und wurde später sogar in das KZ Mauthausen verbracht. Obwohl er die Befreiung des Lagers durch die Alliierten erlebte, verstarb er kurz darauf an einer Typhusinfektion. Seine Autobiografie, die er während dieser Zeit in Fragmenten verfasste, blieb unbeendet.


Andor Endre Gelléri „Die Großwäscherei“

Roman, erschienen 2015 im Berliner Guggolz Verlag

Aus dem Ungarischen von Timea Tankó

ISBN: 978-3-945370-04-9

22,- €.

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