Die ungarische Tochter der deutschen Commerzbank wurde nach ihrer Gründung 1993 zehn Jahre lang von deutschen CEOs geführt. Dann folgte bis zu Ihrem Kommen eine 13-jährige „ungarische“ Phase. Was war die Überlegung Ihres Mutterhauses, nun wieder eine „deutsche Phase“ einzuläuten?

Es war von Anfang an Strategie der Commerzbank, Unternehmen aus Deutschland und Europa nach Ungarn zu begleiten und ungarische Unternehmen in die Welt. Der Fokus eines deutschen CEOs ist naturgemäß stärker an die Kernstrategie des Mutterhauses angelehnt. Ich bin schon 28 Jahre für die Commerzbank tätig und habe daher auch unsere Werte und unsere Philosophie entsprechend tief verinnerlicht. Nichtsdestotrotz denke ich, dass alles Vor- und Nachteile hat. Wahrscheinlich ist ein Wechselspiel aus Beidem ideal. Ein ungarischer CEO ist allein auf Grund der Sprache besser vernetzt auf dem hiesigen Markt. Diese Sprachbarriere ist momentan noch eine Herausforderung für mich. Neben dieser Herausforderung machen es mir das Land, die Stadt und die Menschen aber wirklich leicht – meine Familie und ich fühlen uns sehr wohl in Budapest!

Was sind Ihre konkreten Aufgaben?

Unser Hauptziel ist es, kräftig zu wachsen und unsere Position insbesondere bei international aufgestellten ausländischen und ungarischen Firmen vor Ort auszubauen. Ich bringe viel Erfahrung mit, weil ich in Deutschland für die unterschiedlichsten Produkte für Firmenkunden global Verantwortung tragen durfte. Ungarn ist aus den schwierigen Jahren heraus, in denen wir aber unser Portfolio stabil halten konnten. Nun wollen wir wieder mit aller Kraft wachsen – das sehe ich als meine Hauptaufgabe an.

Wie wollen Sie das erreichen? Was hat Ihre Bank den Mitbewerbern voraus?

Unsere Kunden sagen mir immer wieder: Ihr seid anders, immer erreichbar, sehr service- und lösungsorientiert und kompetent und die Betreuer sind klasse. In Ungarn sehe ich keine Bank, die so stark international positioniert ist, wie unsere. Die Commerzbank mit dem Kernmarkt Europa ist international von New York bis Tokio präsent. Einige unserer Wettbewerber in Ungarn sind zwar stark in Osteuropa positioniert, können eine solche internationale Aufstellung aber nicht bieten. Diese ermöglicht uns auch die Abdeckung von Länderrisiken über Garantien und Akkreditive – auch hier haben wir eine wesentlich breitere Abdeckung.

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„Das Vertrauen ist von beiden Seiten da und ich erwarte keine bösen Überraschungen mehr."

Gibt es weitere Alleinstellungsmerkmale?

Ein weiteres ist unser hohes fachliches Knowhow, das von unseren Kunden auch stark genutzt und anerkannt wird. Hier geht es vor allem um maßgeschneiderte Finanzierungs- und Cash-Management-Lösungen für Unternehmen sowie strukturierte Zins-, Währungs- und Länderabsicherungen. Hier sind wir durch unsere Fokussierung auf das Firmenkundengeschäft oberhalb von 12 Millionen Euro Umsatzvolumen klar im Vorteil. Außerdem bieten wir ein sehr spezielles Produkt, die Treuhandverwaltung, die hier gesetzlich geregelt ist. Wenn man in Ungarn eine Investition tätigt, dann muss die Bereitstellung von Fördergeldern über eine Treuhand erfolgen. Der Kunde bekommt über ein Treuhandverwaltungssystem dann sein Geld, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Eine solche Dienstleistung in dieser Form bietet meines Wissens bisher noch keine Bank in Ungarn. Für uns hat das den weiteren Vorteil, dass wir mit dem Kunden bereits sehr früh in Kontakt kommen.

Wie stark spiegelt sich die Herkunft Ihrer Bank in Ihrem Kundenportfolio vor Ort wieder?

Etwa die Hälfte unserer Kunden sind ungarische Unternehmen. Die andere Hälfte sind internationale Kunden, von denen die meisten einen deutschen Hintergrund haben. Die Commerzbank ist seit 1993 erfolgreich auf dem ungarischen Markt tätig. In unserem Segment finden wir zahlreiche Unternehmen, mit denen wir gemeinsam erfolgreich arbeiten und unsere Kompetenz unter Beweis stellen können. Hier in Ungarn schauen wir über den deutschen Tellerrand und verfolgen eine landesspezifische Strategie. Diese basiert auf dem hohen Potential, welches wir bei ungarischen Unternehmen sehen.

Wie zufrieden sind Ihre internationalen Kunden mit den Standortbedingungen vor Ort?

Meiner Meinung nach wird Ungarn von internationalen Medien viel kritischer bewertet, als der Lage angemessen ist. Daher sollte es darum gehen, Aufklärung zu betreiben, die Dinge zu versachlichen und auf die Relevanz für das jeweilige Geschäftsfeld zu beziehen. Das erfordert Fingerspitzengefühl, bietet aber auch die Chance, einen Impuls in die richtige Richtung zu setzen. Das Wesentliche ist und bleibt die Relevanz für unsere Kunden. Ungarn ist gut positioniert und ich fühle mich manchmal wie ein Botschafter Ungarns, wenn es darum geht, die guten Standortfaktoren transparent zu machen und in unserem Netzwerk für Investitionen in Ungarn zu werben. Derzeit überlegen wir, einen übersichtlichen Flyer mit allen Standortvorteilen Ungarns zu entwerfen. Insbesondere für Länder wie etwa die Schweiz könnte Ungarn sehr interessant sein. Aufgrund des starken Schweizer Franken können viele Unternehmen nämlich nicht mehr profitabel in der Schweiz produzieren. Ungarn hat einiges zu bieten und muss neben Tschechien und Rumänien wieder mehr als interessante Alternative platziert werden, sodass Unternehmen auf das Land aufmerksam werden.

Die beste Werbung sind zufriedene, vor Ort aktive internationale Firmen…

Unbedingt. Diesbezüglich muss sich Ungarn nicht verstecken. Bei nahezu allen Kundenterminen wird mir ausgesprochene Zufriedenheit gespiegelt. Schauen wir uns daneben einmal die Ergebnisse des letzten DUIHK-Konjunkturberichts an! Die Mehrheit der vor Ort aktiven befragten Unternehmen ist zufrieden. Trotz durchaus vorhandener negativer Aspekte stimmt das Gesamtpaket. Ich kann Investitionen in Ungarn also reinen Gewissens empfehlen. Logischerweise gehört übrigens auch unsere Bank ins Lager der zufriedenen Investoren, auch wenn uns die Sonderbelastungen naturgemäß nicht gefallen haben. Dennoch – auch in den schweren Krisenjahren schrieben wir stets schwarze Zahlen. Durch unsere Ausrichtung auf Firmenkunden hat für uns die Problematik mit den Devisenkrediten eine geringe Rolle gespielt. So können wir jetzt auch viel unbelasteter bei Kreditverhandlungen agieren als mancher Mitbewerber.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Regierung und den staatlichen Organen?

Aus meiner bisherigen Erfahrung kann ich sagen, dass ich alle persönlichen Kontakte, sowohl mit der Nationalbank, als auch mit verschiedenen Ministern und Staatssekretären stets als sehr offen und konstruktiv empfunden habe. Selbst wenn Ungarn den Banken mit gewissen Maßnahmen schwere Jahre bereitet hat, sind wir heute eher an einem Punkt angelangt, an dem diese Dinge zurückgenommen werden. Wir sind auf einem guten Weg. Das Vertrauen ist von beiden Seiten da und ich erwarte keine bösen Überraschungen mehr. Auch die Sondersteuern für Finanzinstitutionen werden sich nach aktuellen Informationen 2018/19 dem Ende entgegen neigen. Ressentiments gegenüber ausländischen Investoren konnte ich bisher nicht wahrnehmen. Im Gegenteil: Ich spüre ein großes Interesse und die Bereitschaft von politischer Seite, Ideen aufzunehmen und umzusetzen. Hierbei wird eher die Chance gesehen, mit einer Commerzbank als europäische Bank interessante Investitionen nach Ungarn zu holen.

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Motiviert der auf eine Belebung der Kreditvergabe gerichtete Kurs der ungarischen Nationalbank auch die Commerzbank, mehr Kredite zu vergeben?

Diese Motivation haben wir unabhängig hiervon. Aber man muss da klar differenzieren: Für kleinere Unternehmen ist das Wachstums-Kredit-Programm der Nationalbank durchaus sinnvoll. Wir betreuen aber mittlere und große Unternehmen mit einem Jahresumsatz ab 3,5 Milliarden Forint, also rund 12 Millionen Euro. Bei diesen Kunden gibt es praktisch keine Kreditklemme, die von staatlicher Seite behoben werden müsste. Die Nachfrage nach Krediten ist bei diesen Firmen eher durch die Nachfrage nach ihren Produkten und eine zurückhaltende Investitionsneigung limitiert. Hier versuchen wir, im Rahmen unserer Möglichkeiten für unsere Kunden aktiv zu werden und Ideen, beispielsweise bezüglich möglicher Absatzmärkte oder eine stärkere Digitalisierung zu liefern. Dabei können sie abermals von unserem internationalen Netzwerk und unseren Risikoabsicherungsmöglichkeiten profitieren.

Die Commerzbank ist seit 1993 in Ungarn präsent. Neben der Zentrale in Budapest ist die Bank auch in Kecskemét, Miskolc und Győr vertreten. Die Commerzbank Zrt. bietet vor Ort sämtliche, für Firmenkunden relevante Leistungen: Corporate Finance, strukturierte Finanzierungen, die gesamte Palette des Cash-Managements sowie lokalspezifische Cash-Management-Lösungen, Dokumenten- und Garantiegeschäft, strukturierte Export- und Handelsfinanzierungen, Absicherung von Währungs-, Zins- und Rohstoffrisiken und Einlagengeschäft sowie Währungs- und Geldmarkthandel. Mit 121 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 912 Millionen Euro erwirtschaftete die Bank 2015 einen Nachsteuergewinn von rund 2,5 Millionen Euro (IFRS).

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