Das sind zwar deutlich weniger als jene fünf Prozent, von denen Premier Orbán noch vor ein paar Tagen schwadronierte, und sicher auch etwas zu wenig, um den ewigen Rivalen Österreich „innerhalb einer Generation“ einzuholen – auch dies ist eine öffentlich bekundete Überlegung der ungarischen Regierung –, mit Blick auf die krisengeschüttelte EU-Realität sind zwei Prozent aber solider Mainstream.

Dennoch könnte das im ersten Quartal gemessene halbe Prozent Wachstum für die hiesigen Wirtschaftspolitikgestalter ein Anstoß mehr sein, einmal ganz realistisch über die Quellen, aber auch die Grenzen des hiesigen Wachstums nachzudenken. Recht schnell waren sie sich über die Ursachen der aktuellen Wachstumsdelle einig. So hatten sie von der Bauwirtschaft, der Industrie und dem EU-Geld-Transfer mehr erwartet, als dann eintraf. Warum sie ausgerechnet nach erfolgtem Wechsel im EU-Haushaltszyklus gleich einmal mit der erfolgreichen Abrufung von ambitionierten 500 Milliarden Forint kalkulierten – es wurden im ersten Quartal schließlich „nur“ 150 Milliarden Forint –, darf durchaus verwundern.

Weniger verwunderlich dürfte sein, dass die Wirtschaftspolitik nach wie vor sehr stark auf eine florierende Industrie, und dabei vor allem einen permanent wachsenden Automotive-Sektor als maßgeblichen Konjunkturmotor setzt. Umso herber muss es der Regierung jetzt aufstoßen, dass im ersten Quartal insbesondere ihre gehegte und gepflegte Automobilindustrie so wenig zum Wachstum beitrug und ihm wohl auch auf Jahresbasis keine wesentlichen Impulse verleihen wird. Vielleicht ein Grund mehr, einmal über alternative Konjunkturmotoren nachzudenken.

Was ist etwa mit dem von der Orbán- Regierung lange Zeit etwas verächtlich behandelten Dienstleistungssektor? Insbesondere dem IT-Sektor, wo inzwischen Löhne gezahlt werden, von denen die meisten ungarischen Industriearbeiter nur träumen können. Abgesehen davon, dass gute Löhne natürlich geeignet sind, den noch immer vor sich hin dümpelnden Binnenkonsum als weiteren Konjunkturmotor in Position zu bringen, dürften sich für den Staat unterm Strich neue Arbeitsplätze etwa in einem Software-Unternehmen mehr rechnen, als bei einem Automotive-Unternehmen mit einer, durch einen hohen Importanteil bedingten, geringen heimischen Wertschöpfung sowie einem, durch diverse Steuergeschenke gedrückten Steueraufkommen. Ganz zu schweigen von den, durch den harten internationalen Standortwettbewerb notwendigen gewaltigen Investitionsanreizen, die erst einmal fließen müssen, damit internationale Industrieunternehmen überhaupt auf die Idee kommen, in Ungarn neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Macht man eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auf, könnte dem Dienstleistungssektor also durchaus mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung zustehen, als er momentan erhält. Das gilt auch für seine Versorgung mit der wichtigsten Ressource, nämlich gut ausgebildeten Arbeitskräften, die etwas mehr können sollten, als irgendwo bei einem Automobil-Zulieferer den lieben Tag lang für ein bescheidenes Gehalt an Kabelbäumen herumzuflechten. Genau das sollte auch bei den hitzigen Auseinandersetzungen, die derzeit um das Bildungswesen geführt werden, im Vordergrund stehen. Nämlich die Wirtschaft mit möglichst gebildeten, fach- und sozialkompetenten sowie in Fremdsprachen bewanderten Arbeitskräften zu versorgen. Nur das sollte als Leitmotiv über dem Reformieren des Bildungswesens stehen.

Die Orbán-Regierung tut mit ihrer Sportbegeisterung ja schon Beachtliches für die Physis der künftigen Steuerzahler, sie sollte aber auch ihrer geistigen Ausstattung die gebührende Achtung schenken. Schöne neue Sportstätten sind für die heranwachsende Generation sicher nicht verkehrt, modern ausgerüstete Computerkabinette aber auch nicht. Der Dienstleistungssektor könnte es einst danken. Und vielleicht wird es dann auch etwas mit dem fünfprozentigen Wachstum und dem Einholen von Österreich.

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