Auch eine Softdiktatur ist eine Diktatur

Bis 1973 mag es gedauert haben, ehe ich begriff, dass auch eine Softdiktatur eine Diktatur ist, weshalb ich erneut die Initiative ergriff und mich mit einem falschen Pass über die DDR-BRD-Grenze in den anderen Teil meines Vaterlands absetzte. Irgendwann dann glaubte ich zu erkennen, dass ich weder in Ost- noch in Westdeutschland willkommen war. Im einen Teil störte mich der nahtlose Übergang von der faschistischen in die sozialistische Volksbeglückungsideologie, im anderen die demokratisch-ideologische Erotik der Belanglosigkeit.

1991, nach einem kurzen Versuch und Irrtum in Polen, dem Land meiner galizischen Ahnen, ging ich reumütig zurück nach Westdeutschland. In Polen stellte sich einer Integration eine nicht zu vergessende Familiengeschichte in den Weg. Ich hätte auch in den Osten Deutschlands gehen können, wo mein Status als persona non grata inzwischen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet war. Doch der Gedanke an die vielen ehemaligen Nazis, Kommunisten, Staatssicherheitsdienstler und IMs, nicht zu vergessen die Neonazis und ewig Gestrigen, denen ich auf der Straße, im Café, auf den Ämtern und im Bekanntenkreis begegnen könnte, befremdete mich.

Stattdessen entschied ich mich für eine Rückkehr in mein erstes Exilland, in dem Kádárs lebenslänglich über mich verhängtes Einreiseverbot inzwischen gleichfalls dort gelandet war, wo solche Dinge hingehören. Eine irrationale Entscheidung! Als gäbe es in Ungarn keine ehemaligen Nazis, Kommunisten, Staatssicherheitsdienstler und IMs, nicht zu vergessen die Neonazis und ewig Gestrigen!

Pendeln zwischen zwei Ichs

Ja, Entscheidungen sind oft irrational, Ausdruck eines kaum zu erklärenden Lebensgefühls. Im Exilland gehen dich die Dinge irgendwie weniger an. Dort bist du mittendrin und zugleich auch ein Außenstehender, hast dir eine neue Heimat geschaffen, ohne die andere je wirklich loszuwerden. Heimat ist eng an deine Biographie gebunden, an die aufgenommene Kultur, an die Muttersprache und an die neue Sprache, die fremde Geliebte, die dir nie ganz gehören wird, dennoch aber mit dir verschmilzt, so dass du am Ende zwei Identitäten besitzt. Ohne schizophren zu werden, pendelst du zwischen deinen beiden Ichs hin und her.

Doch genug von mir! All das stichwortartig Erzählte musste ich vorausschicken, um zu verdeutlichen, dass ich durchaus ein Freund von Wanderern zwischen zwei Welten bin, alles andere als ein Feind von Flüchtlingen, Unzufriedenen mit ihrer Situation im Heimatland, Abenteurern. Und schon gar nicht bin ich ein Feind von Kriegs- und politischen Flüchtlingen, deren physische und geistige Existenz in akute Gefahr geraten ist.

Ich bin kein Politiker, weiß aber natürlich, dass die Institution des politischen Asyls ein hohes Gut ist, weiß, dass wir, denen es in jeder Hinsicht gewissermaßen unverdient gut geht, moralisch in der Pflicht sind, Hilfsbedürftigen nicht die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Doch wie viele Menschen müssen notwendigerweise draußen vor der Tür bleiben? Weil kein Platz mehr ist oder die Menschen keinen Platz machen, Fremden keinen Einlass gewähren wollen? Hat ein Gastgeber das Recht, sich seine Gäste auszusuchen, hat er das Recht, Einladungen auszusprechen? Vielleicht auch Gäste in eine ihm nicht oder doch zumindest nicht allein gehörende Wohnung einzuladen? Oder den Wohnungsinhaber zu zwingen, Gäste in schwindelerregender Höhe zu beherbergen, Gäste mit einem Frauenbild, das als frauenfeindlich bezeichnet werden könnte, das im Konfliktfall bis hin zu Vergewaltigungen gehen kann, um die Ehre des Gegners zu beschmutzen, Gäste, die von einer sexuellen Befreiung träumen, von bisher in das Reich der Träume gehörendem Wohlstand, von einer neuen, friedlichen Heimat, die sich ansonsten nicht von der alten unterscheiden sollte?

Ungereimtheiten über Ungereimtheiten!

Im pluralis majestatis die Arme auszubreiten und zu erklären: Wir schaffen das, auch wenn diese Behauptung auf Widerstand stößt? Darf man Zäune und Mauern bauen, um sich gegen einen Flüchtlingsstrom sondergleichen zu schützen? Darf man derartige Mauern in einem Atemzug mit der Berliner Mauer nennen, wenn diese nicht die Flucht von dort, sondern das Eindringen verhindern? Darf man Millionen von nach Deutschland drängenden Flüchtlingen mit den auf Asyl angewiesenen deutschen Juden Hitlerdeutschlands gleichsetzen, die lediglich 0,5 Prozent, sprich 400.000 Menschen, der damaligen Bevölkerung ausmachten? Darf man riskieren, dass islamistischer Terror nach Europa getragen wird, dass demokratische Regierungen destabilisiert werden? Darf man sich hilflos der Gefahr aussetzen, den Antisemitismus in Europa Auferstehung feiern zu lassen? Ungereimtheiten über Ungereimtheiten! Vergebens bemühen Politiker und sogenannte Gutmenschen die Vergangenheit. Auf der Tagesordnung stehen Gegenwart und Zukunft.

Nicht nur die leidvollen aktuellen Kriege, auch die Bevölkerungsexplosion in außereuropäischen Ländern lassen Europa als einen Lösungsschlüssel für all die in ihren Heimatländern nicht zu bewältigenden Probleme erscheinen. Konflikte und Lebensgefühl werden nach Europa importiert. Warum nicht auch in die USA, die doch als Weltpolizist eine erhebliche Verantwortung für die gegenwärtige Misere tragen?

Gehört der Islam zu Europa? Zum Teil sicher schon. Aber noch nicht zum überwiegenden Teil! Haben die Mehrheitsnationen ein Recht darauf, sich abzugrenzen und auf der Wahrung ihres Mehrheitsstatus zu bestehen? Präsentiert die Dritte Welt jetzt die Rechnung für die Kolonialpolitik der zurückliegenden Jahrhunderte, für die ungeheure Ausbeutung fremder Völker? Wenn dem so wäre, dann würde sich die Frage stellen, was die Visegrad-Staaten damit zu tun haben? Ganz zu schweigen davon, dass so gut wie niemand unter den Migranten in den ärmeren Ländern Osteuropas für sich eine Lebensperspektive zu erblicken scheint. Es drängt sie alle in den reicheren Teil der Europäischen Union.

Darf Europa sich gegen diesen Migrationstsunami schützen?

Fragen über Fragen! Sicher dürfte einzig die Vermutung einer eklatanten Inkompatibilität des ziemlich unterschiedlichen Lebensgefühls sein. Und sicher könnte auch eine weltpolitisch sich abzeichnende Expansion des Islams sein.

Was bleibt den Menschen in den Armenhäusern der Erde, wenn die Zahlen der Weltbevölkerung explodieren, während die Europas implodieren? Sich auf die Wanderung, eine Völkerwanderung gigantischen Ausmaßes begeben! Darf Europa sich gegen diesen Migrationstsunami schützen? Gegen eine kollektive Überflutung?

Erfolgreich und konfliktarm aufgenommen und integriert werden können immer nur Einzelne. Kollektive Aufnahme führt zu Parallelgesellschaften. Und die wollen irgendwann einmal dem sozialen Frust entkommen und das Sagen haben.

Die Erdgeschichte ist eine Geschichte von Kriegen und Völkerwanderungen, eine Geschichte von untergehenden und aufsteigenden Völkern und Kulturen. Nationen und Kulturen werden geboren, erleben ihre Blütezeit und ihren Niedergang, ihre Todesstunde.

Spagat zwischen gebotener Menschlichkeit und Abschottung

Der Bevölkerungsschwund in Europa ist keine Katastrophe, lediglich ein Symptom für den Untergang einer Kultur. Wir dürfen dessen gewiss sein, dass unser Kontinent nicht unbewohnt bleiben wird, auch wenn die alten Völker, die alten Kulturen Europas eines nicht allzu fernen Tages aussterben, oder günstigeren falls assimiliert werden. Noch aber könnten die europäischen Gesellschaften den Spagat zwischen gebotener Menschlichkeit und Abschottung versuchen. Vielleicht schafft es Europa ja noch einmal, dem Tod von der Schippe zu springen.

Ach, Europa, du meine Geliebte!


Bei dem Essay handelt es sich um die schriftliche Wiedergabe eines am 9. Mai auf einer Tagung des Ungarischen PEN Clubs frei gehaltenen Diskussionsbeitrags.

Der Autor lebt in Budapest, wo er als Schriftsteller und Literaturübersetzer tätig ist. Demnächst erscheint im Mitteldeutschen Verlag sein autobiographischer Roman „Seelenschluchten - Incipit vita nova“.

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
PICK Deli und Gourmet im V. Bezirk

Die Gourmetkantine der Wurstfabrik

Geschrieben von Katrin Holtz

Die Salamis und Wurstspezialitäten aus dem Hause Pick lassen nicht nur in Ungarn, sondern in ganz…

Shell Beach

„In Budapest killen sie die Clubs“

Geschrieben von Andrea Ungvari

Post-Hardcore ist grundsätzlich ein Außenseiter, das will es auch sein. Die Musikrichtung, die einst…

Die Oppositionsseite / Kommentar zur Causa CEU

Uns stehen große Veränderungen bevor

Geschrieben von Zoltán Lakner

Schon vor vier Jahren war klar, dass sich die Regierung eher früher als später einmal der CEU…