Die ungarische Wirtschaft ist im I. Quartal 2016 um 0,9 Prozent gewachsen, gab das Zentralamt für Statistik (KSH) am vergangenen Freitag bekannt. Schon damit wurden manche Illusionen zerstört, saisonal und nach Kalendertagen bereinigt konnten die Statistiker aber gerade einmal 0,5 Prozent Wachstum ausweisen – eine verheerende Schlappe. Das sind die Jahreszahlen. Gegenüber dem IV. Quartal 2015 brach die Konjunktur bereits vollständig ein, mit einem Minus von 0,8 Prozent. Abgesehen von der Mini-Rezession 2012 (die der damalige Volkswirtschaftsminister György Matolcsy mit einer Flut von neuartigen, zusätzlichen und Sondersteuern heraufbeschwor) zeigte sich Ungarns Wirtschaft seit der großen Krise von 2008 nicht mehr so schwach auf der Brust.

Modell zum Nachahmen?

Seitdem die Orbán-Regierung die Konjunkturlokomotive 2013/14 auf Kurs brachte, bediente sie zu gerne den europäischen Vergleich. Das hat etwas mit dem ungarischen „Modell“ und vermutlich im Hintergrund mit der hiesigen Mentalität zu tun, die schon immer offen für einen ungarischen Sonderweg war. Die Wirtschaftspolitik à la Matolcsy wurde im Westen alsbald als „unorthodox“ abgestempelt, wahrscheinlich setzte dort niemand auf einen durchschlagenden Erfolg. Ab 2013 mussten diese Leute eine neue Einsicht gewinnen: Mit Wachstumsraten von rund vier Prozent (auf Jahresebene) sahen die Politikmacher in Budapest die Zeit reif, das eigene Modell anderen zum Nachahmen anzupreisen.

Vielleicht etwas zu voreilig, um glaubwürdig zu erscheinen. Denn im Moment liest sich die Eurostat-Zahlenreihe aus ungarischer Sicht wieder wenig werbewirksam. Gegenüber dem Winterquartal haben abgesehen von Ungarn noch Kroatien, Griechenland, Lettland und Polen einen Fehlstart ins neue Jahr hingelegt, Tschechien und Estland stagnierten. In allen anderen EU-Mitgliedstaaten wuchs die Wirtschaft, im Durchschnitt der EU-28 ebenso wie der Eurozone um 0,5 Prozent. Über diesem von Ungarn um einen kompletten Prozentpunkt verfehlten Durchschnittswert siedelten sich Deutschland als wichtigster Handelspartner (+0,7 Prozent), aber auch die Nachbarn Österreich und Slowenien (jeweils +0,6 Prozent), Slowakei (+0,7 Prozent) und Rumänien (+1,6 Prozent) an.

Auf Jahresebene ist die Lage weniger dramatisch. Da europaweit einzig in Griechenland Rezession angesagt ist, ist Ungarn in dieser Statistik nicht das Schlusslicht. Mit einem Prozent wächst aber schon Österreich doppelt so schnell, Deutschland verfehlt mit 1,6 Prozent knapp den EU-Durchschnitt, Polen erreicht die hierzulande für dieses Jahr avisierten 2,5 Prozent, Tschechien und die Slowakei bewegen sich jenseits von drei Prozent, Rumänien als Spitzenreiter legt aktuell ein Wachstumstempo von 4,2 Prozent vor.

Gelassen in den Tag gehen

Solche Zahlen kennt man hierzulande eher aus den Zeiten der sozialistisch-liberalen Regierungen. Zwischen 2001 und 2006 war Ungarn tatsächlich schneller gewachsen. Damals fehlte aber die Nachhaltigkeit, die nun vermeintlich gegeben sein soll. Ministerpräsident Viktor Orbán wurde in jüngster Zeit so euphorisch, dass er im Rahmen des Programms der „Modernen Städte“ in Veszprém drei Prozent Wachstum zwar als gut und schön, fünf Prozent aber als erstrebenswert bezeichnete, um näher an die westlichen Wohlfahrtsgesellschaften rücken zu können. Im Parlament wurde eifrig mit der Verteilung der seit Jahresbeginn mehr geflossenen Steuereinnahmen begonnen – mit dieser Haushaltskorrektur warteten die Politiker nicht einmal die erste Konjunkturschätzung des KSH ab. Ein wenig Geduld wäre wohl klüger gewesen, sprechen wir ausgehend vom 2015 erreichten Bruttoinlandsprodukt (BIP) doch von knapp 350 Mrd. Forint, die mit jedem einzelnen Prozentpunkt mehr oder weniger Wachstum auf dem Spiel stehen.

Das Wirtschaftsministerium versucht, Gelassenheit an den Tag zu legen. Der verhaltene BIP-Zuwachs zu Jahresbeginn sei in erster Linie mit dem EU-Haushaltszyklus, daneben aber auch mit der abgebremsten Automobilindustrie zu erklären. Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender M1 sagte Ressortleiter Mihály Varga, statt der eingeplanten 500 Mrd. Forint an EU-Fördergeldern seien bis Ende März nur 150 Mrd. Forint geflossen. Man war sich zwar bei der Planung im Klaren darüber, dass der Übergang zum neuen EU-Haushaltszyklus 2014-2020 nicht reibungslos verlaufen werde. Die konkreten Zahlen enttäuschten dann aber doch. Nichtsdestotrotz versprechen die stabilen Fundamente der Volkswirtschaft und verschiedene Konjunkturmaßnahmen der Regierung eine schnelle Rückkehr zu mehr Dynamik.

Die Inlandsnachfrage wird in den nächsten Quartalen eine spürbare Belebung erfahren. Dazu tragen die gemäßigten Ölpreise und die dauerhaft verbesserten Trends am Arbeitsmarkt bei. Die Beschäftigung hat binnen eines Jahres um ca. 150.000 Personen zugenommen. Vom neuen umfassenden Wohnungsbauprogramm CSOK und der auf 5 Prozent gesenkten Mehrwertsteuer auf Neubauwohnungen verspricht sich die Regierung noch in diesem Jahr einen Anstieg am Wohnungsbaumarkt auf 13.000 Einheiten. Bei rund vier Millionen Privathaushalten wäre eine jährliche Neubauquote von 40.000 Wohnungen natürlich – im vergangenen Jahr wurden aber nur 7.600 Wohnungen neu bezogen. Die Baubranche liegt am Boden: Weil im I. Quartal mangels Finanzierung auch die EU-Projekte ausblieben, stürzte die Bauleistung um mehr als ein Viertel ab.

Nachfrage wird orthodox belebt

Analysten sehen hier einen Hauptgrund für die enttäuschende Entwicklung der Wirtschaftsleistung. Im Konsens hatten die Experten auf Jahresebene etwas mehr als zwei Prozent Wachstum erwartet, das Wirtschaftsressort zeigte sich mit 1,7 Prozent zuletzt vorsichtiger. Weil die Detailangaben fehlen, herrscht große Verwunderung über den dramatischen Abstieg, den das Baugewerbe wegen seiner relativ untergeordneten Stellung nicht alleine verursachen konnte.

Weitaus mehr hat die Industrie das Debakel heraufbeschworen, die in den ersten drei Monaten eine sehr zurückhaltende Leistung zeigte. Der Dienstleistungssektor dürfte von der steigenden Konsumbereitschaft profitiert haben, aber auch hier könnte die Dynamik letztlich hinter den hochgesteckten Erwartungen zurückbleiben. Manche Wirtschaftsexperten wundert denn auch die plötzliche Lockerung der fiskalischen Politik nicht – die Regierung könnte auf die altbekannte Weise einer künstlichen Nachfragebelebung (reichlich orthodox) der Konjunktur auf die Sprünge helfen wollen.

Mehr Mitarbeiter und Konsum können helfen

Schon werden wieder Stimmen laut, unbedingt und dringend die einseitige Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu mindern. Innerhalb der Industrieexporte hat diese mittlerweile einen Anteil von 36 Prozent erreicht; im März verfehlte das Flaggschiff der ungarischen Industrie das eigene Exportvolumen aus dem März 2015 aber bereits um 8,6 Prozent. Noch ist unklar, ob dies wirklich nur Modellwechseln zuzuschreiben ist, wie einzelne Analysten glauben. Tatsächlich sind die beiden größten Automobilwerke des Landes, Audi in Győr und Mercedes-Benz in Kecskemét, im vergangenen Jahr an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Der Daimler-Konzern hat gerade erst angekündigt, den ungarischen Standort mit der Summe von 580 Mio. Euro rund um einen neuen Karosseriebau weiter auszubauen. Bis diese Investition 2018 zur Serienreife gelangt, kann theoretisch nur noch Suzuki in Esztergom ca. 100.000 Autos zusätzlich bauen. Selbst wenn die beiden deutschen Premiumhersteller weiter an ihre Grenzen gehen, werden sie dem ungarischen Wachstum also keine neuen Impulse mehr verleihen können.

Im Vorjahr legte die Industrieproduktion um 7,5 Prozent zu. Für 2016 erscheinen nach dem Fehlstart im I. Quartal derzeit selbst 3-5 Prozent Zuwachs optimistisch. Aber ganz so schwarz müssen wir die Zukunft auch wieder nicht zeichnen: In den letzten zwölf Monaten haben die Industriebetriebe ihre Belegschaft um rund drei Prozent aufgestockt, die Produktionsleistung je Mitarbeiter fiel derweil um mehr als zwei Prozent zurück. Wir dürfen sicher sein, dass die Planstellen nicht aus einer Laune heraus besetzt wurden. Ansonsten muss der Konsum über die Runden helfen, damit am Ende des Jahres wenigstens eine Zwei vor dem Komma steht.

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