Das Instrumentengeschäft Paganini Music befindet sich an einem historischen Ort der Musik, nämlich neben der Franz-Liszt-Musikakademie im Herzen Budapests. Schon bevor Pál Rácz die Räume des Ladens und der Instrumentenwerkstatt bezog, gab es an eben dieser Stelle ein Violinengeschäft. Der vorhergehende Instrumentenbauer gründete den Laden 1880, seine Familie musste aber aufgrund der politischen Situation das Land verlassen und lebt heute in Toronto. Das Geschäft, welches er hinterlassen hat, wird aber immer noch – und das bereits in vierter Generation – weitergeführt. Pál Rácz ergriff vor gut sieben Jahren die Gelegenheit, übernahm die Räumlichkeiten und bezog somit seinen zweiten Laden. Heute hat er mit János Martin einen Angestellten und zwei Lehrlinge. Gemeinsam mit ihnen führt er den Instrumentenladen und die Werkstatt für Seiten- und Streichinstrumente. Die Wände im Verkaufsraum sind von Violinen und Celli gepflastert. In der Werkstadt liegen Holzstücke und -späne auf dem Boden verteilt, an den Wänden hängen technische Zeichnungen von Instrumenten und Werkzeugen, sodass es schon fast an eine Tischlerwerkstatt erinnert.

Bis zum ersten Laden war es ein holpriger Weg

“Meine Eltern, meine Familie, alle arbeiten seit Generationen im Musikgeschäft. Ich habe, als ich vier Jahre alt war, angefangen Violine zu spielen. Musik in meinem Leben zu haben, war unumgänglich und Musik zu meinem Leben zu machen naheliegend”, erzählt der Violinenmaestro über sich selbst. Doch bis zur Eröffnung seines ersten Ladens war es ein langer Weg. Pál Rácz wurde zu Zeiten des Kommunismus geboren, in einem Land, in dem es keinen Platz für das Studium des Instrumentenbaus zu geben schien. Er begann in den 1970er-Jahren zu reisen, auf den Bühnen der Welt Salonmusik auf der Violine zu spielen und sammelte Erfahrungen in verschiedenen Instrumentenwerkstätten im Ausland. Er bereiste Japan, Italien, Deutschland, die Schweiz, Australien und Griechenland, bis er schließlich in Italien und Deutschland eine Instrumentenschule besuchen konnte. Doch der Maestro ist überzeugt, dass er nie ausgelernt haben wird. Er erzählt: “Antonio Stradivarius ist mit 92 Jahren verstorben. Für sein letztes Kunstwerk, ein Cello, hat er eine vollkommen neue Form gefunden. In einem kreativen Beruf hat man nie ausgelernt und wird nie vollkommene Perfektion erreichen.”

#

Instrumentenbauer Pál Rácz: Seine erste Schöpfung war eine Violine. (BZT-Fotos: Nóra Halász)

Sein erstes Instrument baute Pál Rácz, als er 20 Jahre alt war – es war eine Violine. “Natürlich klang sie schrecklich, aber irgendwo muss jeder Meister einmal anfangen. Heute baue ich lieber Celli, sie klingen männlicher und man kann mit einer viel größeren Fläche arbeiten.” In seinem Geschäft hat sich der Instrumentenbauer heute auf das Reparieren und Nachbauen von Meisterstücken spezialisiert. Mit diesen nimmt er regelmäßig an Wettbewerben teil, aus denen er nicht selten als Gewinner hervorgeht. Zum Beispiel hat der große Meister den Instrumentenbauwettbewerb in Pisogne, einer Gemeinde in der italienischen Provinz Brescia in der Lombardei, mit seinen Replikaten bereits dreimal gewonnen. Mit seinem Nachbau des „Andrea Amati 'The King' Cellos“ (1530 Cremona) gewann er fünfmal den internationalen Gold-Laurate-Wettbewerb für Violinenbauer.

Ein Trio: der Bogen, die Violine und der Musiker

“Am Anfang geht man in den Wald und fragt den Baum: 'Möchtest du in deinem nächsten Leben eine Geige sein oder nicht?'”, sagt Pál Rácz lachend. Sein Angestellter János Martin fügt hinzu: “Wenn er 'Ja' sagt, wird er gefällt. Dann muss man noch gut 20 Jahre warten, bis das Holz des Baumes gereift ist und an Charakter gewonnen hat, bevor man anfangen kann, es zu verarbeiten.” Auch János Martin hatte einen holprigen Weg, bis er seinen Traum, ein Instrumentenbauer zu sein, verwirklichen konnte. Er wurde in der Nachkriegszeit geboren und stammte aus eher ärmlichen Verhältnissen. Sein erstes Instrument baute er als Jugendlicher aus Holz, das er auf der Straße fand. Erst versuchte er sich an einer Orgel, dann an einer Harfe und erst später an Streichinstrumenten. “Wenn das Heizholz im Winter ausging, verfeuerte meine Familie meine Instrumente. So war das damals”, erzählt der Violinenbauer János Martin. Aber auch er fand eines Tages seinen Weg zu einer Instrumentenschule in Italien und konnte sich sein Geschäft aufbauen.

#

Wenn János Martin früher schnelles Geld brauchte, machte er Bögen. Unter anderem wegen seines Geschicks auf diesem Gebiet wird er heute von seinen Kollegen geschätzt. Der weltberühmte Violinenbauer Bernard Milliant sagte einst: „Eine Violine kann von jedem benutzt werden, aber der Bogen ist nur für eine einzelne Person gemacht. Der Klang eines Instruments entsteht mit drei Parteien. Die eine stellt der Musikant selber dar, die andere die Violine und die dritte, die wichtigste, der Bogen.” Auch wenn der Bogen heute seine Spezialität ist, baut János Martin doch am liebsten Violinen - er liebt die Detailarbeit auf kleiner Fläche. “Wenn ich hier Teile eines Instrumentes bearbeite und sie mit einem Lehrling zusammensetze, dann fällt es mir nicht schwer, mich von dem Endstück zu trennen. Doch wenn ich zu Hause ein Werk alleine zusammenbaue und es verkaufe, dann ist es, als ob ich ein Kind verliere - ich habe dem Holz eine Seele verliehen”, berichtet János Martin.

Wie das Instrument entsteht

“Zunächst sucht man sich für jedes Bauteil ein Stück Holz. Möglichst für den Boden zwei, ein weiteres für die Decke, eines für die Seiten und ein anderes für den Hals und die Schnecke - das geschwungene obere Endstück eines Streichinstruments. Jedes dieser Stücke ist verantwortlich für den Klang des Instruments”, erklärt der Violinenbauer János Martin. “Der Ton wird durch jede Ader des Holzes gehen. Er wird an immer neuen Stellen widerhallen und eine neue Bahn einnehmen. So wird kein Ton wie ein anderer dieselbe Bahn verfolgen, jeder einzelne wird etwas anders klingen.”

#

Das Holz sollte von trockenen, harzarmen Bäumen, wie etwa Fichte oder Ahorn stammen; auch Edelhölzer, wie zum Beispiel Teak-, Eisen- oder Pernambukholz aus warmen Ländern, wie Brasilien und Mexiko, eignen sich für den Instrumentenbau. Die Holzstücke dürfen nicht zersägt, sondern müssen gespalten sein. So kann sich das Holz auch während des Verarbeitungsprozesses natürlich weiterbewegen. Besonders für größere Holzinstrumente kann es schwer sein, einen entsprechenden Holzblock für die Decke zu finden. Die einzelnen Stücke werden sorgfältig manuell – ohne elektronische Hilfsmittel – bearbeitet. Bis die einzelnen Stücke fertiggestellt, die F-Löcher in die Decke hineingeschnitzt und danach die Teile des Instruments zusammengesetzt sind, vergeht im Schnitt ein Monat; drei weitere werden gebraucht, um das Instrument zu lackieren und zu polieren. “Der schönste Moment ist, wenn man das Kunstwerk, an dem man manchmal sogar sechs Monate gearbeitet hat, das erste Mal zum Klingen bringt”, sagt Pál Rácz lachend. “Dann tanze ich mit meiner Frau Csárdás.”
Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
4. Swiss Business Day 2017

Innovativer Zugriff erhöht Wettbewerbsfähigkeit

Geschrieben von BZ heute

Die Außenwirtschaftskraft Ungarns wird auch durch die hier tätigen schweizerischen Unternehmen…

Strudel Hugó im VII. Bezirk

Im Strudel der Leidenschaft

Geschrieben von Katrin Holtz

András Nagy war schon vieles in seinem Leben – Banker, Werbetexter, sogar Journalist, dabei ist er…

ORF-Auslandskorrespondent Ernst Gelegs über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Ungarn

Österreichische Ehrlichkeit

Geschrieben von Zita Hille

Ernst Gelegs, Budapester Auslandskorrespondent des Österreichischen Rundfunks (ORF), nahm am…