Es ist fast sommerlich warm, als wir die Schauspielerin in einem Café im II. Bezirk treffen. Sie wirkt müde, aber keinesfalls unzufrieden: „Die Zeit ist jetzt sehr intensiv, ich bin nur für eine Woche hier, wir proben jeden Tag.” Geprobt wird derzeit das Stück „Die Parasiten” vom deutschen Dramatiker Marius von Mayenburg. Die Filmadaption bringt Regisseur Attila Kasvinszki auf die Leinwand (Lesen Sie mehr dazu auf der Seite 27). „Man spürt deutlich, dass Attila aus der Theaterwelt kommt, so viel wird vor Filmen normalerweise nicht geprobt”, erklärt sie, während sie in ihrem Cappuccino rührt. Mit dem Dreh zum Film soll es demnächst losgehen, allerdings ist die Finanzierung nie ganz einfach: „In Ungarn kommt der finanzielle Hintergrund von 50 unterschiedlichen Stellen zusammen. Wenn da alles geklärt ist, können wir mit dem Dreh beginnen.”

„Unsere Proben laufen sehr gut”

Das Stück selbst reizt die Schauspielerin sehr: „Das Geschehen spielt sich in einer Wohnung ab, die aufs Meer blickt. So wie Attila uns die Konzeption bisher vorgestellt hat, wird dieses Kammerstück für die Leinwand geöffnet.” So ist Erika besonders auf die Auflösung des Kontrastes zwischen dem Eingesperrtsein in der Wohnung und dem Blick aufs weite Meer gespannt. Das Stück selbst ist ihr nicht neu, sie hat schon in der Schauspielschule von Mayenburg gelesen, „und ich glaube, ich habe auch eine Inszenierung des Stückes hier in Budapest gesehen”.

Im Stück spielt sie die Ehefrau des an den Rollstuhl gefesselten Hauptdarstellers. „Attila war sich von Beginn an relativ sicher, dass er mich für genau diese Rolle will. Das hat sich, glaube ich, nun während der Proben noch verfestigt. Attila hatte sicher noch eine Alternative im Hinterkopf, aber ich denke, unsere Proben laufen sehr gut.” Wohl auch deswegen tut der passionierten Theaterschauspielerin das gemeinsame Proben gut.

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Immer unterwegs: Erika Marozsán pendelt zwischen den USA und Europa und wirkt dabei kein Stück verloren zwischen den Welten. (BZT-Fotos: Nóra Halász)

Dabei fordert „Die Parasiten” den Schauspielern einiges ab: „Das Stück ist trickreich, jede Szene hat Tausend Bedeutungen.” Zwar scheinen die Szenen auf den ersten Blick einfach und unkompliziert, aber „man kann so tief in sie hineintauchen, mit jedem Satz in so viele Richtungen gehen, was Dialogen nur sehr selten gelingt.“ Jedes Wort spiegelt sich in den Bewegungen ihrer zarten Hände wider, und man könnte ihr zweifelsohne stundenlang zuhören, wie sie voller Leidenschaft über ihre Arbeit spricht. Voller Leidenschaft und gleichzeitig mit der ihr eigenen Demut dem Schaffen als Schauspielerin gegenüber: „Das Stück ist unglaublich reichhaltig. Wie gute Handwerker versuchen wir jetzt, das ganze Stück auszupacken und kennenzulernen.”

Erika genießt diese Zeit sehr, denn während der Proben gibt es noch keinen Zwang, dass alles sitzen muss. „Wir können unserer Fantasie freien Lauf lassen, uns ausprobieren”, sagt sie.

Nähe zu Deutschland

Für eine Woche war sie jetzt in Budapest, um zu proben, ihren Lebensmittelpunkt hat die Mutter einer siebenjährigen Tochter aber mittlerweile in New York. „Aber ich habe auch viel in Deutschland gearbeitet. Hamburg, Berlin, Köln – da habe ich viel gedreht, aber gelebt habe ich nie dort. Deutschland ist ein wenig wie meine zweite Heimat.” Der deutsche Habitus gefalle ihr besonders, vom ersten Moment an fühlte sich Erika in der neuen Kultur angekommen: „Die Menschen dort sind viel klarer, eindeutiger” und schnell fühlte sie sich aufgenommen.

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„Eine andere Sprache bietet immer die Chance, hinter einer Maske zu verschwinden."

Zu ihrem größten Bedauern hat sie nie auf deutschen Bühnen gespielt: „Ich habe von Theatern zwar viele Angebote bekommen, aber zu der Zeit habe ich noch viel gedreht und so blieb dafür leider keine Zeit.” Dabei hätte sie die Herausforderung gereizt, denn „auf Deutsch einen Film zu drehen und auf Deutsch Theater zu spielen, sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. „Zutrauen würde ich mir das deutsche Theater, wenn ich meinen Text sehr gut kann, dann müsste es gehen. Aber seltsam wäre es schon, weil, wenn man dort mit dem Text in Schwierigkeiten gerät, ist das ungleich schwerer.” Ausprobiert hätte sie es aber trotzdem gern, gibt Erika lächelnd zu.

Lebensmittelpunkt New York

Vielleicht ergibt sich dazu demnächst eine Gelegenheit in Amerika, denn dort lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter: „Sechs oder sieben Jahre nach der Premiere in Deutschland wurde „Gloomy Sunday” auch in Amerika gezeigt. Daraufhin rief mich eine Agentur an und lud mich nach Übersee ein.” Während Erika in Los Angeles ihr Glück suchte, zog auch ihr Mann nach. „Wir sind dann letztlich in New York geblieben, mein Mann konnte sich dort als Fotograf etablieren, ich konnte von dort aus nach L.A. Und auch nach Ungarn oder Deutschland ist es dichter.”

Obwohl sie den Großteil des Jahres in New York verbringen, zieht es Erika und ihre Familie jedes Jahr im Sommer nach Budapest. Dies liegt vor allem an Erika, denn gedreht wird hier zumeist im Sommer: „Wir leben in beiden Städten, unsere Tochter fängt hier das Schuljahr an und wechselt dann, wenn ich mit dem Drehen fertig bin, in eine Schule in New York.” Zwar sei das Pendeln sehr anstrengend, „aber es gibt einem auch unheimlich viel”, findet Erika. „Leicht ist es keinesfalls von Kultur zu Kultur zu wechseln, das Auge muss sich immer erst wieder an das neue Bild gewöhnen, der Verkehr ist anders, der Alltag an sich.”

Aber irgendwie passt das auch zu ihr, denn als Schauspielerin ist sie es gewohnt, in fremde Rollen zu tauchen: „Wenn ich im Ausland drehe, gibt mir das immer ein Gefühl von Sicherheit, denn ich schlüpfe durch die andere Sprache in eine andere Rolle. Das ist nicht meine Sprache, das macht mir das Einfühlen in einen anderen Menschen leichter.” Durch die fremde Sprache kann sie sich gegenüber der Rolle der anderen Frau viel mehr öffnen, „ich bin viel nachsichtiger mit ihr”.

Die Entwicklung einer Rolle

Der wohl größte Unterschied zwischen Film und Theater, sagt Erika, ist jedoch, dass im Theater alles immer zum Abschluss kommt, „du lebst und stirbst auf der Bühne”. Aber eben daraus ergibt sich auch, dass sich ein Stück im Laufe der Zeit verändert. Beim Film hingegen ist die Herausforderung, die ganze Tiefe der Rolle sofort zu erfassen und zu transportieren: „Beim Dreh werden die Szenen nicht chronologisch abgearbeitet, so kann man nicht, wie im Theater auf den Höhepunkt des Films „zuspielen”. Das macht es sehr spannend.” Doch beide Formen haben für Erika ihre Reize und ihre Schwierigkeiten, aber „beide sind spannend und unberechenbar”.

Erika ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass sie sich Kritik nicht zu Herzen nehmen darf. Es gibt Produktionen, bei denen sie spürt, sagt sie, dass sie unzufrieden ist. „Ich bin keine Masochistin, solche Kritiken lese ich erst gar nicht.“ Aber wenn sie mit einem Film und ihrer Leistung glücklich ist, ist es schwer, negative Kritiken hinzunehmen. „Vor allem, da es mittlerweile auch viel unmittelbarere Möglichkeiten der Meinungsäußerung gibt. Jetzt werden wir nicht mehr nur von offiziellen Kritikern bewertet, auch die Zuschauer geben uns Rückmeldungen.” Und wenn sich dann unter einem der ihr wichtigen Filme die negativen Kommentare häufen, stellt sich Erika unweigerlich die Frage: „Haben sie uns wirklich so sehr nicht verstanden? Hassen sie unser Wesen so sehr? Das kann sehr wehtun.“ Besonders, wenn ihr jemand zu eben diesem Film gratuliert, „dann kommt alles wieder hoch, was man eigentlich schon in einer Schublade verstaut hat”.

Deswegen liest sie auch nur sehr selten solche Kritiken. Dabei ist sie keinesfalls so sehr von sich überzeugt, dass sie schlicht auf niemandes Meinung etwas gibt, sondern „ich bin mittlerweile an einem Punkt in meinem Schaffen angelangt, an dem ich meine Rollen einfach ziehen lassen kann.“ Beim Dreh gebe Erika immer alles, aber danach lässt sie dem Geschaffenen seinen eigenen Lauf. „Filme sind immer das Produkt des Moments, ich schaue mir diese Momente nicht noch einmal an, versuche nicht im Nachhinein zu analysieren, sondern lasse sie fliegen. Sie gehören mir nicht mehr.”

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