Durch die historischen Ereignisse eines geteilten Deutschlands während des Kalten Krieges von 1949-1989 und des tatsächlichen Mauerfalls ist in der Literatur eine beachtliche Vielzahl an Werken entstanden, welche die Geschehnisse aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchten. So hat die deutsche Literatur zu diesem Thema seit dem Mauerfall individuelle, poetische Konzepte entwickelt. Mit den kulturellen, sozialen und gesellschaftlichen Unterschieden, aber auch banalen Gemeinsamkeiten zwischen BRD und DDR, beschäftigen sich auch David Wagner und Jochen Schmidt in ihrem Roman „Drüben und drüben“. Zwei befreundete Männer, beinahe zeitgleich im Jahre 1971 geboren, berichten vom Aufwachsen in einem Land, welches in zwei Staaten geteilt ist. David Wagner wächst weit im Westen der BRD auf, in einer gutbürgerlichen Gegend nahe der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Jochen Schmidt hingegen verbringt seine Kindheit als Sohn zweier Sprachwissenschaftler in der DDR, in einer Neubausiedlung in Buch, Ostberlin. Sie tun alltägliche Dinge. Zeitlose Dinge, die ein Kind einfach gerne macht, ganz gleich, in welche Staatsform es hineingeboren wird: Ob spielen in der Wohnung, im Garten, zwischen Plattenbauten oder auf Baustellen, Fahrrad fahren mit Freunden, Familienausflüge mit dem Auto – den beiden Jungs fehlt es zunächst an nichts und es gibt keinen Negativaspekt, der die heile Kinderwelt trüben könnte. Mit der deutschen Teilung werden sie lediglich im Fernsehen oder in der Schule konfrontiert, wo es heißt: „Drüben ist die Welt schlechter“.

Unspektakuläre Kindheitserzählung statt Ideologie-Zerriss

Das Werk „Drüben und drüben“ beschreibt nicht etwa die politisch fragwürdigen Zustände dieser Zeit, sondern vielmehr zwei deutsche Mittelschichtkindheiten innerhalb einer behüteten, unspektakulären Kindheit. „Das Thema Kindheit steht im Vordergrund. Natürlich findet die Identifikation mit West oder Ost zwangsläufig unterbewusst statt, aber im Gegensatz zu anderen Büchern, haben wir es uns nicht zur Aufgabe gemacht, die Ideologien jener Zeit zu zerreißen, sondern die Welt aus den Augen eines unvoreingenommenen Kindes zu sehen“, erklärt David Wagner während einer Lesung auf dem 23. Internationalen Buchfestival in Budapest. Nichtsdestotrotz vereint das Buch von beiden Seiten die Kontroversen – Melancholie und pure Lebenslust. „Von der Warte eines Kindes wäre es auch nicht möglich, die gesellschaftliche Situation kritisch zu beschreiben. Was sollte ein Kind aus der DDR auch an einem gut gefüllten Westpaket auszusetzen haben? Das sind positive

Erinnerungen“, fügt Jochen Schmidt hinzu. Beide sind sich auch einig, dass der Roman in gewisser Weise ihre Kindheit verlängert hat. Dem Leser wird eine Welt eröffnet, in der sich die Autoren auf das Kleine, Individuelle einlassen – und im Endeffekt daraus das Große schaffen.

Kindheitsgeschichten mit Zwillingscharakter

Deutlicher wird dies in den jeweiligen Kapiteln. Wagner und Schmidt hatten im Vorfeld bestimmte Themenkomplexe bekommen, über die sie eigenständig Erinnerungstexte verfassen sollten, wie zum Beispiel Tag des Mauerfalls, aber überwiegend Räume der Häuser, in denen sie aufgewachsen sind, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad. Die Kapitel tragen einfache Namen wie „Wege“, „Garten“, „Schule“, „Ferien“, „Im Auto“ und „Niemandsland“. Das Buch lässt sich von hinten oder von vorne lesen. Ob der Leser zuerst Jochens DDR- oder Davids BRD-Kindheitsgeschichte, oder auch abwechselnd lesen möchte, ist ihm selbst überlassen. Im Nachhinein, sagen beide, fiel es ihnen manchmal schwer, die Kindheitsperspektive mit dem heutigen Erwachsenendasein zu vereinbaren. Für Schmidt spielte der Westen allein schon wegen Verwandten, die dort lebten, eine große Rolle, bei Wagner hingegen, war die DDR bis zum Mauerfall eher ein Mysterium: „So richtig gibt es die DDR erst, seit es sie nicht mehr gibt.“ Trotz des unverkennbaren Zwillingscharakters sind die Erzählstimmen der beiden durchaus unterschiedlich: Schmidt arbeitet mit Anekdoten, kreiert jede Geschichte mit viel Witz. Wagner ist informativer, bietet Hintergrundverständnis, doch auch dies sehr humoristisch. Beeindruckend ist es, wie beide ihre Kindheit vor dem geistigen Auge sehen und dies zu Papier bringen konnten, zumal keiner der beiden Tagebuch geführt hat. So sagte David Wagner einmal hinsichtlich seiner Erinnerungen: „Ich habe diese Kindheit immer dabei, aus ihr komme ich nicht heraus, alles, was war, schleppe ich mit mir herum.“ Wie soll einer da die Wiedervereinigung als wirklich lebensverändernd empfunden haben?

Die Idee zum Buch

Drüben und drüben: Ein wahrlicher
Wende-Roman.
Drüben und drüben: Ein wahrlicher Wende-Roman.

Die Schlüsselidee, ein gemeinsames Buch zu schreiben, entstand relativ spontan. In der Vergangenheit hatten beide Autoren Geschichten für verschiedene Zeitungen veröffentlicht. So hatte Jochen Schmidt im Rahmen von „Schmidt liest Proust“ bereits viele Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. David Wagners Pendant dazu war das Buch „Spricht das Kind“. Da Wagner und Schmidt auch beide selbst Väter sind, wurden sie auch von ihren Kindern oft nach der Zeit vor dem Mauerfall gefragt. „Irgendwann dachten wir uns einfach: Wir kennen uns jetzt schon so lange und müssen etwas zusammen schreiben“, so David Wagner. „Ein Jahr lang ist dann erst mal gar nichts passiert, doch als wir den Buchvertrag sicher hatten, ging alles ganz schnell. Doch es fühlt sich immer noch wie ein Wunder an, dass es das Buch tatsächlich auf den Markt geschafft hat, nun sogar auf den ungarischen.“ Während der Schaffensphase inspirierten sich die Autoren gegenseitig hinsichtlich der speziellen Kapitel. Heute freuen sich die „Brüder im Kindheitsgeiste“ darüber, dass ​Nationalliteratur wie „Drüben und drüben“ trotz dieses sehr deutsch-historischen Themas internationalisiert wird.

Ungarn als Zwischending

Nicht einmal zwei Jahre nach der Erscheinung in Deutschland wurde der erfolgreiche Roman nun ins Ungarische übersetzt. Doch warum findet die Thematik gerade in Ungarn so viel Anklang? „Jochen hatte Verbindungen nach Ungarn und auch ein anderes Buch von mir wurde früh ins Ungarische übersetzt. Die Ungarn scheinen deutsche Literatur sehr wertzuschätzen“, erzählt David Wagner. „Außerdem ist das Thema in Ungarn noch längst nicht so abgehandelt, wie bei uns in Deutschland, wo die Erinnerungen an die Zeit vor dem Mauerfall für viele sehr präsent sind und es eine beachtliche Anzahl an Literatur dazu gibt. Ungarn war in meinen Augen immer so ein Zwischending. Sie konnten zum einen nach Westdeutschland reisen und waren somit nicht so eingesperrt wie der Osten, aber eben auch nicht so frei, wie der Westen.“ Jochen Schmidt fügt hinzu: „In Westdeutschland gab es oft Verbindungen nach Ungarn. Ost- und westdeutsche Familien trafen sich häufig in Ungarn, beispielsweise am Balaton, um ungestört Zeit miteinander verbringen zu können. Auch ich war in den 80er-Jahren auf dem Zeltplatz in Budapest und habe mir Schallplatten gekauft und Melone gegessen.“ Auch jetzt entdeckt Schmidt alte Leuchtreklamen, die ihn an diese Zeit erinnern. „Damals empfand ich Ungarn als so westlich, heute suche ich hier den Osten.“

Wenn die beiden Autoren nicht gerade ihren ins Ungarische übersetzten Roman in Budapest vorstellen, leben sie in Berlin Prenzlauer Berg. „Berlin ist so kosmopolitisch und international, dass die Verschmelzung zwischen West und Ost vollzogen ist. Die Unterschiede sind eher in der Provinz spürbar, was wir immer wieder merken, wenn wir deutschlandweite Lesungen geben. Schön ist, dass jeder seine individuellen Anschlusspunkte ans Buch findet, was wahrscheinlich auch ein wenig das Erfolgskonzept ist. Wir hoffen, dass es auch viele begeisterte Leser in Ungarn geben wird“, sagen die beiden abschließend.

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