Mit der Veranstaltung setzte der Lions Club die Reihe von Vorträgen fort, die den hier lebenden deutschsprachigen Expats Hintergründe zum Verständnis ungarischer Geschichtsnarrative anbieten. In den vergangenen Jahren waren unter anderem Professor András Oplatka und Dr. Krisztián Ungváry zu Gast.

Betonung der christlich-patriotischen Kontinuität

Die Erinnerungspolitik und die Neubewertung historischer Ereignisse waren Schlüsselfragen im Prozess des Systemwechsels in Ungarn, zum Beispiel bei der gesetzlichen Bestimmung des neuen Staatsfeiertages. Welcher Gedenktag sollte den 4. April ersetzen? (An diesem Tag hatte das kommunistische Ungarn die Befreiung durch die Rote Armee im Jahre 1945 gefeiert.) Zur Wahl standen der 15. März, der 20. August und der 23. Oktober. Mit dem 15. März hätte man sich in die liberale Tradition der Revolution von 1848 gestellt, der 23. Oktober erinnert an die Revolution von 1956. Mit der Entscheidung für den 20. August, den Tag der Heiligsprechung des Staatsgründers König Stefans, betonten die Abgeordneten des ersten freigewählten Parlaments nach der Wende mehrheitlich die christlich-patriotische Kontinuität Ungarns.

Attila Pók gab zunächst einen Überblick über die Hauptströmungen der Geschichtsinterpretation nach 1945 und beleuchtete die Folgen für den Geschichtsunterricht an den Schulen. Der zunächst romantischen Betonung der revolutionären Ereignisse – freilich ohne den Volksaufstand 1956, der als Konterrevolution galt – wurde bald schon eine realistische Sicht der nationalen Tragödien gegenübergestellt. Zu den wichtigsten Streitfragen bis heute gehören die Verantwortung für die Folgen des Ersten Weltkriegs und die Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg, die Bewertung der Zwischenkriegszeit, zum Beispiel der rassenpolitisch fundierten Sozialpolitik des Horthy-Regimes sowie die Stellung der kommunistischen Periode in der ungarischen Geschichte.

Nachfragen des deutschsprachigen Publikums galten unter anderem der häufig betonten Opferrolle Ungarns im politischen Diskurs, dem Versöhnungsgedanken in Europa sowie der Schärfe der innenpolitischen Auseinandersetzungen. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass die nüchterne, sachlich fundierte ungarische Historiographie, wie sie Attila Pók in hervorragender Weise verkörpert, den aufgeregten Instrumentalisierungen historischer Themen durch die Tagespolitik Paroli bieten kann.

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