Was für ein Gefühl ist es für Sie, in Ungarn aufzutreten?

Man muss das losgelöst von der Politik betrachten. Ich habe hier in Ungarn bisher nur sehr freundliche Menschen erlebt. Ich spiele hier ja nicht für Herrn Orbán, obwohl er bei meinem Auftritt natürlich vorkommen wird, also Urban et Orbán. Dabei werde ich ihn ganz sicher nicht schonen.

Auftritte im Ausland dürften generell eine spezielle Herausforderung darstellen.

Es ist sehr spannend: Man weiß nie, wer kommt und aus welchen Gründen. Da hat es im Vorfeld und auch nach solchen Veranstaltungen schon sehr interessante Begegnungen gegeben…

Was waren Ihre interessantesten Auftritte der letzten Zeit?

Im letzten Jahr, als die Flüchtlingsdebatte so richtig losging, war ich in Prag, Bratislava und Ljubljana. Da hat man schon gemerkt, dass es dort einige Ressentiments gibt, was man an Reaktionen auf Themen wie das vereinte Europa und Flüchtlinge gemerkt hat. Vor fünf Jahren, als die Griechenlandkrise gerade so richtig losging, bin ich in Athen und in Thessaloniki aufgetreten, was auch sehr aufschlussreich war. Auftritte im Ausland erweitern den Blickwinkel.

Viele Kabarettisten sind eher unauffällig gekleidet. Sie nicht gerade…

Ich habe es generell gern bunt und gut gemustert, die Welt ist grau genug. Da kann man auch mal ein Zeichen dagegen setzen.

Die Kunstfigur Urban Priol hat also auf den privaten Urban Priol abgefärbt.

Ja, oder auch umgekehrt. Ich bin meistens auch privat so, wie ich auf der Bühne bin.

Auch was Ihre Frisur betrifft?

Die Haare nicht ganz. Die lasse ich im privaten Alltag sich so legen, wie sie sich legen. Ich habe das für die Bühne mal aus Bequemlichkeit gemacht, einfach mit dem Frotteehandtuch rüber und dann stehen sie halt irgendwohin ab und das ist OK. Ich war generell auch nie so der Glattkämmer.

Der Urban Priol auf der Bühne ist also keine fürs Publikum inszenierte Kunstfigur?

Nein, das bin wirklich ich.

Wie wichtig ist der Dialekt für Sie?

Er gehört zu mir. Ich verstecke ihn nicht.

Sie beackern das Kabarettfeld seit gut drei Jahrzehnten. Was hat sich in dieser Zeit wesentlich geändert?

Es ist arbeitsintensiver geworden. Früher war alles viel übersichtlicher: Schwarz-weiß. Links-rechts. Ost-West. Das war alles sehr überschaubar. Dann fielen die Mauer und die Eisernen Vorhänge, die leider gerade in Ungarn im letzten Jahr wieder hochgezogen wurden. Man muss viel schneller reagieren und am besten noch 10 Minuten, bevor man auf die Bühne geht, noch mal einen Blick ins Internet werfen. Sonst heißt es im Publikum, das stimmt doch gar nicht, ich habe gerade in den Breaking News das und das gelesen. Früher, in der analogen Zeit, hatten wir unsere Zeitung. Wenn man die ordentlich gelesen hatte, dann hatte man einen soliden Informationsvorsprung vor dem Publikum und genug Zeit, sich Pointen zu überlegen. Mit der Digitalisierung und der Globalisierung ist es ein weiteres Feld geworden. Das macht es aber auch so spannend.

„Auch Merkel hat
eine charakteristische
Redeweise. Es ist
nur schlimm, dass
die halt nichts
Konkretes sagt.“
„Auch Merkel hat eine charakteristische Redeweise. Es ist nur schlimm, dass die halt nichts Konkretes sagt.“

Was ist mit den Politikern?

In der Schule habe ich schon immer sehr gerne Politiker nachgemacht. Da gab es Wehner, Strauß, Brandt und später Schmidt. Das waren noch Figuren! Heute stelle ich fest, dass es innerhalb des Polit-Spektrums schon viele gefrustete Leute gibt, die mitbekommen haben, dass sie im Grunde genommen nur noch die Marionetten der Lobbyisten ist. Deswegen wechseln wohl auch so viele Politiker nach ihrer politischen Laufbahn in die Wirtschaft.

So wie Schröder, den sie ja besonders gern imitieren. Ein Wort von Ihnen, und jedem im Publikum ist sofort klar, um wen es geht…

Das war Gerd! Aber auch Merkel hat eine charakteristische Redeweise. Es ist nur schlimm bei ihr, dass sie halt nichts Konkretes sagt. Und man dann das, was sie nicht gesagt hat, deuten muss.

Welche anderen Politiker der Gegenwart imitieren Sie noch gerne?

Eigentlich immer die, die dran waren. Selbst einen Pofalla. Nach dem Ende der Ära Kohl haben alle gesagt: „Mein Gott der Kohl ist weg. Was macht ihr jetzt?“ Da habe ich gesagt: „Wartet mal ab. Das wird noch lustiger.“ Und so kam es dann auch. Und als Schröder ging, wurde man wieder gefragt: „Wie wird es denn jetzt?“ Da habe ich gesagt: „Lasst Frau Merkel erst mal machen. Die liefert schon!“ Und sie liefert beständig. Das ist beruhigend.

Nach den schönen Steilvorlagen von Kohl und Schröder schien die Kabarettszene am Anfang der Merkel-Ära aber doch etwas ratlos zu sein.

Sie war ja vorher Familienministerin und Umweltministerin und konnte schon da zeigen, was sie so alles nicht kann. Warum sollte sich das als Bundeskanzlerin ändern? Inhaltlich kommt wenig von ihr. Gerd war der Mann von der Straße. Merkel ist die Wissenschaftlerin. Sie wägt alles immer sehr genau ab.

Teilweise auf Kosten von markigen Sprüchen wie bei ihrem Vorgänger.

Was ich ihr zum Vorwurf mache, ist, dass sie seit über zehn Jahren den Politikbetrieb einschläfert. Diese berühmte asymmetrische Demobilisierung ist ihre Masche: „Ich bin alles. Ich bin FDP, SPD, CDU, Grüne…“ Bis man sich am Ende fragt, was sie jetzt eigentlich ist. Das ist für eine streitbare Demokratie nicht gesund.

Ist es für Sie schwieriger geworden, über gewisse Themen zu sprechen? Man denke nur daran, was Ihr Kollege Böhmermann derzeit durchlebt…

Diese Frage hat sich mir noch nie gestellt. Ob ich etwas sagen darf, und wen ich damit vielleicht verletzen oder beleidigen könnte. Durch mein tagesaktuelles Kabarett habe ich immer geäußert, was mich aufregt. Wer sich dadurch angesprochen fühlt, ist nicht mein Problem. Und wenn sich einer auf den Schlips getreten fühlt, dann ist es auch in Ordnung.

„Wenn sich einer auf den Schlips getreten fühlt, dann ist das auch in Ordnung.“
„Wenn sich einer auf den Schlips getreten fühlt, dann ist das auch in Ordnung.“

Problematisch könnte es nur werden, wenn der auf den Schlips Getretene etwa Erdoğan heißt…

Böhmermann hat ja von vornherein gesagt, dass man so etwas im Fernsehen eigentlich nicht machen darf. Und er hat dann vorgetragen, warum man so etwas nicht machen darf. Das war so etwas wie Satire in der Satire. Dass sich da jetzt alle so daran aufhängen, erstaunt mich. Ich denke, so etwas müssen Demokraten aushalten.

Allerdings ist es schade, dass nur noch über Böhmermann und die Beleidigung Erdoğans geredet wird und die wirklich wichtigen Themen außen vor bleiben, beispielweise, dass in der Türkei Kurden bombardiert und Studenten verprügelt werden und missliebigen Journalisten bis zu dreißig Jahre Haftstrafe droht. Ich finde es unglücklich, dass die wichtigen Debatten so hintenan stehen.

Nicht zuletzt hat Merkels langes Zögern dazu geführt, dass Erdoğan sie nun nach Herzenslust erpressen kann…

Das war schon immer so bei ihr. Wenn sie gemerkt hat, es geht jetzt um sie selbst, um ihre Macht, dann ist sie über alle Schatten, die sie noch nie geworfen hat, gesprungen. Dann hat sie gesagt: „Es geht jetzt um mich, und dann ist mir egal, ob ich mit Herrn Erdoğan einen Deal mache…“ Vor ein paar Tagen hat sie gesagt, auch mit Libyen müsse man verhandeln, damit die EU-Außengrenzen geschützt werden. Dabei hat Libyen noch nicht einmal eine handlungsfähige Regierung, was selbst der Außenexperte der Union, Herr Röttgen, bestätigt hat. Das ist ihr in solchen Momenten aber einfach egal. Da ist sie ganz schmerzfrei gegenüber dem deutschen Wähler, der ihr die Macht am Trog sichert.

Wie sehen Sie den Fortgang der Flüchtlingskrise, was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Wir machen momentan eine Politik, die sehr kurzfristig gedacht ist. Weltweit sind bis zu 60 Millionen Menschen in Bewegung. Noch ohne die Klimaflüchtlinge. Oder die Hunger-Flüchtlinge. Im Moment reduzieren wir das ein wenig zu sehr auf Syrien. Wenn wir den Krieg in Syrien irgendwie beenden, dann ist wieder alles gut, dann herrscht wieder Ruhe. Nein, das ist eine zu einfache Vorstellung. Wir leben in einer aufgeklärten, vernetzten und globalisierten Welt. Da erwarte ich von den Regierungen, dass sie sich Gedanken machen, wie wir damit umgehen. Es ist normal, dass irgendwann die, die sich so benachteiligt fühlen, sich darüber informieren können, wie benachteiligt sie sind. Und sich dann früher oder später auf den Weg machen. Das werden wir nicht mit Stacheldraht verhindern können. Ebenso wenig wird man das mit einem Erdoğan-Deal verhindern können. Wir müssen einmal überlegen, wie wir die Sonntagsreden von der Bekämpfung der Flüchtlingsursachen wirklich umsetzen. Viele denken bei den Fluchtursachen nur an Schlepper, Schleuser und Schlauchboote. Und nicht an das, was dahintersteckt. Was wir machen können, damit sich die Lage wieder normalisiert. Diese Debatte fehlt mir. Diese Debatte wird einfach nicht geführt. Alle denken, wir haben ein angestammtes Recht darauf, dass wir zum Glück in Europa leben, in fruchtbaren Gegenden, in einer gemäßigten Klimazone. Wir haben keine Erdbeben, wir haben eine relativ geringe Kriegs- und Tsunami-Gefahr… Dass man von diesem Geschenk, das wir besitzen, ableitet, dass wir ein natürliches Recht auf diese Gegebenheiten haben, das erschließt sich mir nicht.

Im Moment richten sich alle Blicke auf die Türkei und den Merkel-Erdoğan-Deal.

Dabei geht es höchstens um eine kleine Verschnaufpause. Wenn diese Verschnaufpause so lange anhält, dass sich Merkel 2017 wieder in die Regierung retten kann, dann ist es ihr recht. Für eine Regierung, die ja eigentlich visionär und zukunftsorientiert denken und handeln sollte, ist das für meine Begriffe zu wenig.

„Solange es Themen und engagierte Menschen gibt, wird es auch das Kabarett geben.“
„Solange es Themen und engagierte Menschen gibt, wird es auch das Kabarett geben.“

So hart und selbstbewusst, wie Sie mit den Protagonisten des Polit-Geschäfts ins Gericht gehen, könnte man annehmen, Sie hätten ein großes Lager an besseren Alternativlösungen parat.

Mir macht es Angst, wenn nach der Vorstellung Leute zu mir kommen und sagen, dass wir Kabarettisten in die Politik gehen sollten. Dabei war es noch nie unsere Aufgabe, zu gestalten, sondern nur das, was Politiker machen, kommentierend zu begleiten. Das war lange Zeit in der Geschichte die Aufgabe des Hofnarren und in dieser Tradition befinden wir uns. Ich habe schon mehrfach gesagt, dass es doch schön wäre, wenn man nach einer Bundestagsdebatte die Kollegen unserer Zunft mal eine halbe Stunde reden und das Ganze zusammenfassen lassen würde… Aber dann heißt es immer, das würde die Würde des Hauses verletzen. Ich glaube, die Würde des Hauses wird schon genug durch die verletzt, die da reingewählt worden sind.

Sie sehen es also eher als Ihre Aufgabe an, schwache Konzepte als schwach zu bezeichnen und Widersprüche aufzudecken.

Was ich selbst nicht verstehe, das bringe ich gern auf die Bühne und sage: „Vielleicht versteht ihr es ja. Helft mir! Ich verstehe das nicht, ich habe die und die Fragen.“ Und dann merke ich immer, dass die Leute auch sehr viele Fragen haben.

Und der Hofnarr stellt diese Fragen dann hemmungslos.

Es geht letztlich darum, die Narrenfreiheit zu nutzen, um gewisse Fragen zu stellen. Insofern ist ein gut funktionierender Kabarettbetrieb ein wichtiges Korrektiv einer gesunden Demokratie.

Wie sehen Sie die Zukunft des politischen Kabaretts in Deutschland? Müssen wir uns bezüglich einer Comedysierung Sorgen machen?

Gegen eine gute Comedy ist nichts zu sagen. Man muss einfach zwei Stunden am Abend die Leute möglichst anspruchsvoll unterhalten und sein Publikum dabei nicht unterfordern. Wie sich das genau nennt, ist mir dann relativ egal. Das Kabarett wird schon vom ersten Tag an, also seit mehr als 100 Jahren, totgesagt und ist dennoch auch heute noch ganz lebendig.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Da mache ich mir gar keine Sorgen. Ich glaube, solange es Themen und engagierte Menschen gibt, wird es auch das Kabarett geben.

Und das Publikum? Zu einem guten Kabarett gehören ja immer zwei Seiten.

Beim Kabarett geht es um das Spiel mit dem erworbenen Wissen des Zuhörers. Die Menschen sind heute sehr schnell und gut informiert. In meinen Programmen sitzen teilweise Vertreter von drei Generationen. Mehr kann man nicht erreichen. Das ist das Schönste.

Das Publikum geht also so mit wie vor 30 Jahren?

Es geht zum Teil sogar besser mit. Vor 25 bis 30 Jahren bestand schon noch die Grundhaltung: „Das dürft ihr doch gar nicht machen! Gegen unsere Politiker…. Ujujuj… und die Obrigkeit.“ Innerhalb der letzten 30 Jahre müssen sie dann mitbekommen haben, wie diese Obrigkeit wirklich tickt. Der Respekt vor der Obrigkeit ist ein bisschen verloren gegangen, was mich beruhigt. Es war immer unser Anspruch, dass die Menschen vor den Menschen, die sie selbst

gewählt haben, nicht auch noch Angst haben müssen, sondern ihnen genau auf die Finger schauen sollten.

Ihre Zunft dürfte an diesem Gesinnungswandel nicht ganz unbeteiligt gewesen sein…

Wenn wir ein Stück weit dazu beigetragen haben sollten, dann haben wir etwas Gutes getan.

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