„Ja, meine Stücke sind alle Einzelstücke” erklärt die junge Frau lächelnd. Die dunklen Locken reichen ihr bis auf die zierlichen Schultern. Sie trägt einen ihrer selbstgenähten Pullover: „Ich kaufe fast keine Kleidung mehr, ich nähe mir viel selbst.” Und so fing auch alles an.


Durch Zufall zum Design

„Nähen habe ich schon als Teenager von meiner Mutter gelernt”, allerdings war Dóras Mutter keine Näherin, sondern schlug zuhause nur die Hosen hoch, wenn der Saum zu lang war und ähnliche Kleinigkeiten. Gern hätte Dóra schon damals ihre eigene Kleidung hergestellt, „allerdings waren Stoffe damals noch sündhaft teuer und der Stoff für ein T-Shirt hätte ebenso viel gekostet wie ein fertiges Oberteil.” Das war ihr schlicht zu teuer, um einfach nur zu üben.

2012 sollte alles ein wenig anders werden. „Ich arbeitete als Grafikerin. Auf meiner Homepage veröffentlichte ich ein Bild von einem selbstgenähten Oberteil.” Eigentlich wollte sie nur zeigen, dass sie sich auch außerhalb des Grafikerdaseins kreativ verwirklicht. Eine junge Frau nahm aber daraufhin mit ihr Kontakt wegen des Oberteils auf, „und so verkaufte ich mein erstes Stück”.

Während Dóra also zuerst nur für sich selbst schneiderte, fragten nach und nach immer mehr Freunde und Bekannte nach, ob es nicht doch möglich wäre, eines ihrer Oberteile, Pullover oder Kleider zu ergattern. „Zuerst habe ich alles noch zum Materialpreis verkauft.” Doch als die Nachfrage wuchs, beschloss sie, sich intensiver mit dem Thema Nähen zu beschäftigen. „Zuerst habe ich noch so viele Aufträge als Grafikerin gehabt, dass ich teilweise zwei Wochen für die Fertigstellung eines Kleides gebraucht habe.” Mittlerweile hat sie sich aber bewusst dafür entschieden, sich mehr auf das Nähen zu konzentrieren.

Ihre Entwürfe sind schlicht, unaufgeregt und schon beim Anschauen einfach bequem. „Ich nähe nur Sachen, die ich auch selbst tragen würde”, sagt Dóra, die zwar keine Ausbildung als Näherin hat, aber mittlerweile auch Taschen nähen kann, wie sie stolz berichtet. Deswegen ist es auch mit den Größen etwas schwierig für sie: „Ich schneidere prinzipiell auf mich. Da meine Sachen aber alle relativ weit sind, sind die Größen nicht so streng zu nehmen.” Auch deswegen hält sie sich lieber an Pullover, Kleider und T-Shirts, „denn bei denen kann man etwas mit der Größe spielen, bei Hosen ist Passgenauigkeit schon viel wichtiger.”

Keine festen Pläne

Wie entstehen eigentlich ihre Entwürfe? „Ich zeichne fast nie etwas auf. Meine Kleider haben alle eine ähnliche Form, deswegen muss ich auch nicht viel an den Schnittmustern ändern.” Wer aber glaubt, dass sich die Pullover Dóras alle nur wiederholen würden, der irrt gewaltig. „Ich nähe nur ganz selten ein Stück zwei oder mehrmals genauso.” Entweder verändert sie ein wenig die Farbzusammenstellung, oder den Kragen. „Ich mag einfach nicht, zwei Mal das Gleiche nähen, das würde mich zu schnell langweilen”, lacht sie. Und dass ihr nie die Kombinationsmöglichkeiten ausgehen, dafür sorgt sie weit im Voraus.

„Ich kaufe Stoff oft nur, weil er sich gut anfühlt”, erklärt sie ihre Arbeitsweise. Farben und Muster seien manchmal nur zweitrangig, viel wichtiger sei das Tragegefühl, ist sie überzeugt. Und so kann es dann auch vorkommen, was ihr mit einem Pullover geschehen ist: „Eigentlich wollte ich die Ärmel verlängern, hatte aber nicht mehr genug von diesem Stoff. Aber ich hatte noch ein wenig in einer anderen Farbe, die dazu aber sehr gut passt.” Also machte sie aus der Not eine Tugend, setzte einfach ein

wenig Stoff zusätzlich ein und schon war das Problem gelöst – und ein charmantes Augenzwinkern in einem ihrer Pullover zusätzlich eingearbeitet.

Generell ist es genau das, was ihre Kleidung so sympathisch macht. Nicht nur möchte man sie sofort anziehen und sich wohlfühlen, man merkt jedem Stück die Liebe zum Unikat einfach an. Hier wird nichts gefühllos auf Masse produziert. Deswegen ist sich Dóra auch noch nicht sicher, wie und ob sie sich um die Verbreitung ihrer Stücke in Bekleidungsgeschäften bemühen sollte: „Eben weil ich nie zwei gleiche Pullover mache, wüsste ich nicht, wie ich entscheiden soll, was wohin geht. Und wenn ich etwas auf meiner Homepage präsentiere, und es dann doch in einen Laden gebe, müsste im Laden vermutlich mehr bezahlt werden, als bei mir direkt und ich weiß nicht, wie ich das meinen Kunden erklären soll.” Gern würde sie ihre Kleider bekannter machen, aber vorerst bleiben ihr außer Facebook und Mundpropaganda nicht viele Möglichkeiten. Aber auch hier möchte sie demnächst mehr Fokus auf die Näherei legen. „Die Grafikjobs möchte ich langsam aufgeben. Das ist mir zu sehr mit Stress, Deadlines und Kompromissfindung mit den Kunden verbunden. Beim Nähen kann ich alles selbst entscheiden.”

Wie wichtig ihr ihre Freiräume bei der Gestaltung sind, wird deutlich, wenn man einen Blick in ihr Stoffelager wirft. Gemustert, einfarbig, grau, blau, gelb, rot – aber von allem nur ein wenig. „Ich kaufe immer nur ein-zwei Meter eines Stoffes und eigentlich weiß ich nie genau, was daraus werden soll, wenn ich ihn kaufe.” Einmal im Regal gelandet, findet es sich dann fast von allein, was daraus werden soll. „Oft sehe ich erst zuhause in meinem Regal nach, welche Stoffe gut zueinander passen und dann fällt mir auch ein, was ich daraus machen möchte.”

Ihre Inspiration sucht Dóra übrigens nicht nur auf Pinterest und Ähnlichem, derzeit belegt sie auch einen Kurs zur Damenschneiderin. „Allerdings wird da mit ganz anderen, viel festeren Stoffen gearbeitet, das ist so gar nicht meine Welt.” Doch vergebens ist der Kurs trotzdem nicht, denn die Umrechnung von Kleidergrößen will auch für eine Selfmade-Designerin gelernt sein. Und wenn dadurch noch mehr junge Frauen die Möglichkeit erhalten, sich in Dóras Kreationen wohl zu fühlen, dann wünscht man sich das Ende des Kurses schnell herbei.

Weitere Informationen zu KovácsDóra unter www.facebook.com/kovacsdora

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