Es klirrt und scheppert. Ein Kühlschrank surrt. Dutzende Besucher quetschen sich an langen Regalwänden, gestapelten Bierkästen, Flaschen- und Kronkorkensammlungen vorbei. Sie alle sind auf der Suche nach einem neuen Geschmack auf der Zunge. Würzig, fruchtig, schokoladig oder doch lieber herb? Eine Tabelle an der Wand lässt erahnen, welche Biervielfalt sich in jedem Winkel des kleinen Ladens versteckt – egal ob Lager, Ale, Pilsener oder Stout, hier gibt es diverse Sorten aus verschiedenen Ländern, aus kleineren und größeren Brauereien, lokal und global, zu erschmecken.

Über 300 verschiedene Biersorten

Wer mag, direkt vor Ort. Es geht gesellig zu. An Tischen und Sofas wird fleißig ausprobiert, gerochen und gesprochen. Für deutsche Besucher etwas Besonderes: Aufgrund einer anderen Gesetzgebung dürfen in Ungarn bis abends um 21 Uhr auch in Geschäften und nicht nur in Kneipen Getränke ausgeschenkt werden. Neben der Stammkundschaft, den sogenannten „Bier-Enthusiasten“, wie Ladenbesitzer Gergely Kővári sie nennt, kommen auch immer wieder neue Kunden in den kleinen Laden in der Kertész utca. Hier werden sie gut beraten. Trotz Zulauf bedauert Kővári, dass viele Menschen nur die großen Industriemarken kennen. „Wir versuchen zu zeigen, dass Bier mehr als Dreher, Borsodi und Soproni bedeutet“, sagt der 38-Jährige. Unabhängig und unkonventionell – damit werben Bierbrauer wie Kővári und sprechen damit weniger traditionsbewusste Trinker, und eher junge Leute an.

Trend aus den USA – unabhängig und unkonventionell

Neben dem eigenverantwortlichen Experimentieren mit geschmacklicher Intensität gilt vor allem die eine Faustregel: Es wird nur mit natürlichen Rohstoffen gearbeitet.Vor knapp acht Jahren eröffnete Kővári den ersten Bierfachladen in Budapest. Damit war er der Vorreiter eines neuen Trends in Ungarn, wenn auch verspätet im internationalen Vergleich. Ursprünglich stammt das craft brewing, also das handwerkliche Brauen von Bier, aus dem Amerika der 1980er Jahre. Seit rund zehn Jahren bilden sich nun auch in ganz Europa Mikrobrauereien, in denen ambitionierte Bierbrauer neue Rezepte ausprobieren.

Bier kann mehr sein als die traditionellen und bekannten Marken.
Bier kann mehr sein als die traditionellen und bekannten Marken.

Weiterhin gilt: Qualität statt Quantität. Darum geht es laut Kővári auch den derzeit rund fünfzehn existierenden Mikrobrauereien in Ungarn. Entscheidend sei nicht das schnelle und billige Endprodukt, das möglichst preisgünstig mit Extrakten versetzt als Massenware auf den Markt kommt. Vielmehr sollten echte Rohstoffe verwendet werden, denn erst die verschiedenen Röststufen von Malz und Hopfen machten die geschmackliche Vielfalt von Bier möglich. Das sei zudem äußerst gesundheitsverträglich, so Kővári. Das und der arbeitsintensivere Herstellungsprozess machen sich aber auch im Preis bemerkbar. Ein handwerklich gebrautes Bier kann im Gegensatz zum industriell Hergestellten das Doppelte und mehr kosten, fängt also bei 600 Forint an und geht hoch bis zu 3700 Forint. Käufer gibt es trotzdem ausreichend.

Aus einem Hobby wurde ein Beruf

Geselliges Ausprobieren neuer Geschmäcker, direkt vor Ort.
Geselliges Ausprobieren neuer Geschmäcker, direkt vor Ort.

Ob das an der Kompetenz des Ladenbesitzers liegt? Man merkt Kővári an, dass er weiß, wovon er spricht. Er hat natürlich alle 300 Sorten in seinem Laden probiert und kann zu jedem Bier eine kleine Geschichte erzählen: Wo wird es gebraut? Wer braut es? Was bedeuten die Symbole auf dem Etikett? Welcher Geschmack verbirgt sich hinter Begriffen wie Mikkeller, Indian Pale Ale und Keserű méz (dt.: bitterer Honig)? Seine Leidenschaft für Bier kommt nicht von ungefähr. Bis 2003 absolvierte Kővári eine Lehre zum Brauer und arbeitete danach mehrere Jahre „in der Industrie“, wie er sagt.

Gleichzeitig fing er an zu sammeln. Von jedem unbekannten Ort, den er bereiste, brachte er ein Bier mit nach Hause. Rund 3.000 Flaschen stehen bei Kővári zuhause, ein paar von ihnen hat der Sammler zum Dekorieren mit in den Laden genommen. Was als Hobby anfing, wurde zum Beruf und schließlich zum Erfolg.

Zu jedem Bier eine eigene Geschichte

„Heute gibt es in Budapest sehr viele Läden und Kneipen, die handwerklich gebrautes Bier anbieten. Und es werden immer mehr“, sagt der Bierkenner. Er nennt es eine „Revolution“ und ist sich sicher, dass bald auch in kleineren Städten Ungarns neue Läden eröffnet werden. So stecke etwa gerade in Szeged ein Geschäft in den Startschuhen. Einen richtigen Durchbruch habe die junge Bierszene vor zwei Jahren gehabt, beim ersten gemeinsamen Festival der Mikrobrauereien in Budapest, dem Főzde Feszt. Extra für das Festival habe Kővári ein Bier gebraut, das sogenannte „Grabanc, ein Indian Pale Ale mit Zitrusgeschmack. 5,4 Prozent.“ Mit dem Rezept gewann er dann gleich den ersten Platz, sodass die Sympathiewerte für seinen Laden bei vielen Bierliebhabern der Stadt anstiegen. „Seitdem rennen mir die Leute die Bude ein. Vor allem Donnerstag- und Freitagabend ist hier meistens eine große Party. Aber um Neun ist Schluss.“ Wer einmal Lust auf das etwas andere Bier hat, ist bei Gergely Kővári genau richtig.

Csak a jó sör

VII. Kertész utca 42-44

Montag bis Samtag 14 bis 21 Uhr

www.csakajosor.hu

Die Budapester Zeitung bleibt an diesem Thema dran und wird in der Folgezeit einige der kleinen Brauereien, deren Brauer und Gebrautes vorstellen.

Von Theatralik keine Spur:
Bestsellerautor Daniel Kehlmann wirkt vielmehr bodenständig.
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