Der Festsaal der Deutschen Schule Budapest füllt sich am Vormittag des 25. Februars mit leseinteressierten Schülerinnen und Schülern. Auch Alina Horváth vom József-Eötvös-Gymnasium Tata ist unter ihnen, sie ist bereits zum zweiten Mal „Lesefuchs” ihrer Schule geworden. Die Regionalrunde Ungarn-Nord beginnt und Alina wetteifert mit vier anderen Schülerinnen und Schülern um die Finalnominierung. Die anfängliche Zurückhaltung weicht einer lebhaften Diskussion der Teilnehmer, Gegenstand sind vier zeitgenössische Jugendromane mit einem Gesamtumfang von weit über tausend Seiten.

Hemmungen gegenüber dem Konsum deutschsprachiger Literatur abbauen

„Lesefüchse International” heißt das Projekt der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), das Deutschlernenden die Gelegenheit bietet, sich mit Jugendromanen auseinanderzusetzen, über deren Inhalt und Relevanz zu diskutieren und so auch vorhandene Hemmungen gegenüber dem Konsum deutschsprachiger Literatur abzubauen. Darüber hinaus soll das Projekt, das in zahlreichen ost- und mitteleuropäischen Ländern von der ZfA durchgeführt wird, Schreibanlässe initiieren, zu fächerübergreifendem Arbeiten anregen und relevante Kompetenzen für die zweite Stufe der Deutschen Sprachdiplomprüfung der deutschen Kultusministerkonferenz (DSD II) fördern.

Arbeitsreiche Monate liegen hinter den Finalisten, aber auch generell hinter den insgesamt 200 ungarischen Schülern, die an dem Projekt in Ungarn teilnehmen und die von Lehrern ihrer Schule während der Vorbereitung auf den Wettbewerb pädagogisch begleitet wurden. Dafür haben die Lehrer zusätzlich ein Einführungsseminar der ZfA in Budapest besucht. „Man kann den Einsatz der ungarischen Deutschlehrer für dieses Projekt gar nicht hoch genug schätzen“, meint Susan Kersten, Fachschaftsberaterin der ZfA in Pécs und Leiterin des Projekts. „Ohne die engagierte Arbeit, die die Lehrer an den 19 teilnehmenden Schulen – häufig neben dem Unterricht – allein aus Interesse an Literatur und mit Freude an der Vermittlung deutscher Landeskunde leisten, wäre das Projekt undenkbar. Von daher danke ich vor allem den Lehrkräften, die ihre Schüler auf so hohem Niveau auf diesen Wettbewerb vorbereitet haben“, ergänzt die Niedersächsin.

Gespannt lauschte die Jury den „Lesefüchsen“ während des Wettbewerbs.
Gespannt lauschte die Jury den „Lesefüchsen“ während des Wettbewerbs.

Teilnahme ist Ergebnis arbeitsreicher Monate

Auch Alina hat die Erfahrung arbeitsreicher Monate gemacht und darf nun ihr Können unter Beweis stellen. Zuerst stellen die Teilnehmer den Inhalt der Werke vor und diskutieren danach darüber, aber auch über Motive, Figuren, Aussage und Gegenwartsrelevanz der Jugendwerke. Schlussendlich geben sie noch eine Leseempfehlung (oder -nichtempfehlung) ab. Souverän reagiert Alina auf Anregungen, Standpunkte und Überlegungen der Mitstreiter, und setzt dabei eigene Akzente. Die halbstündige Runde unter der Leitung von Susan Kersten geht langsam zu Ende, auch wenn noch viel Redebedarf seitens der Teilnehmer zu bestehen scheint.

Ziel der Veranstaltung ist neben der literarisch-sprachlichen Bildung auch die Förderung kommunikativer und argumentativer Kompetenzen. Damit zeigt dieser Wettbewerb, der auf der Schulebene beginnt und im internationalen Finale im September in Berlin endet, gewisse Ähnlichkeiten mit dem ebenfalls international ausgerichteten und auch in Ungarn angebotenen Wettbewerb „Jugend debattiert international”.

Stunde der Wahrheit

Die Stunde der Wahrheit ist gekommen, die Sieger der Regionalrunde werden verkündet. Auch wenn es Alina diesmal nicht ins Landesfinale schafft, steht für sie eins fest: „Ich bin mit diesem Ergebnis sehr zufrieden”. Denn nicht nur ihr Können konnte sie unter Beweis stellen, sie hat auch ein gutes Stück an Selbstbewusstsein hinzugewonnen.

Die Spannung steigt aber für die sechs Finalisten aus den drei Regionalrunden, die sich schon jetzt als Sieger, besser gesagt Siegerinnen, fühlen können, denn ein Sprachstipendium der deutschen Kultusminister, vermittelt durch die ZfA, hat jede von ihnen bereits in der Tasche. Die Diskussion im Finale wird merklich lebhafter, die Gedankengänge tiefer. Aber auch diesmal schafft es nur eine Teilnehmerin nach Berlin. Die Jury zieht sich zurück und verkündet kurze Zeit später ihre Entscheidung: Andrea Bálint vom Friedrich-Schiller-Gymnasium in Pilisvörösvár wird die ungarische Fuchsgemeinde in Berlin vertreten.

Der Autor ist deutscher Gastlehrer am József-Eötvös-Gymnasium in Tata.

Am Projekt nehmen aktuell die folgenden Länder teil:

Weißrussland

Bulgarien

Estland

Georgien

Lettland

Litauen

Mongolei

Rumänien (mit den Regionen Sibiu und Temeswar)

Russland (mit den Regionen: Moskau, Petersburg, Jekaterinburg, Nowosibirsk)

Ungarn

Die vier behandelten Jugendbücher:

„Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther

„Vakuum“ von Antje Wagner

„Die besseren Wälder“ von Michael Baltscheit

„Seefeuer“ von Elisabeth Hermann

Konversation

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