Was bedeutet ÉrMe?

ÉrMe bedeutet auf Ungarisch „Érték Megörző“ also auf Deutsch Wertewahrung oder Wertebewahrung. Es ist zugleich auch ein Wortspiel, denn Érme bedeutet Münze. Im Jahr 2000 ist aus dem Treffen von einem Dutzend befreundeter Unternehmer in Budapest der erste ÉrMe-Klub entstanden. Heute ist ÉrMe ein Netzwerk von Organisationen mit etwa 230 Mitgliedern und darüber hinaus knapp tausend Interessenten.

Was ist das verbindende Element bei ÉrMe?

ÉrMe-Mitglieder treffen sich nicht in erster Linie, um miteinander Geschäfte zu machen, obwohl dies natürlich ein Nebenprodukt sein kann. Was die Mitglieder interessiert, ist die Frage, wie sie ihr Unternehmersein als Berufung leben können. Sie sind davon überzeugt, dass diese Berufung über das Erzielen von Profiten hinausreicht und eine gesellschaftliche Verantwortung mit einschließt. Überraschenderweise liefert die Soziallehre der katholischen Kirche sehr gute Anhaltspunkte. Überraschend deshalb, weil diese Fragen bereits vor über hundert Jahren in der Enzyklika „Rerum Novarum” aufgeworfen und seither in weiteren Enzykliken fortgeschrieben und behandelt wurden, ohne dass diese Gedanken in das allgemeine gesellschaftliche Bewusstsein vorgedrungen wären. Daher ist ihre Aktualität auch in der Unternehmenswelt wenig bekannt.

Kann eine Organisation von Unternehmern, die sich mit Prinzipien der christlichen Soziallehre beschäftigt, die Gesellschaft auf breiterer Basis ansprechen?

Es gibt genug Vorurteile gegenüber Unternehmern auch von Seiten der Kirchen. „Christliche Unternehmer“ erscheint vielen geradezu als Widerspruch. Vieles beruht auf Unwissenheit und einem Misstrauen, gegenüber dem Berufsstand der Unternehmer an sich, da dieser mit Profitmaximierung und Ausbeutung assoziiert wird. Im Jahr 2009 entstand aus dem Bedürfnis einiger Unternehmer, dieses Bild zu korrigieren, ein Programm. Für 300 Klassen der 11. und 12. Jahrgangsstufe wurde eine Sonderstunde während der Klassenleiterstunde abgehalten, in der über die Aufgabe von Unternehmern, über deren Verantwortung und über die Rolle von Geld informiert wurde. Zum zehnjährigen Jubiläum hat ÉrMe sich dann über die Medien einem weiteren Kreise der Öffentlichkeit vorgestellt. Ebenfalls 2010 hat ÉrMe seinen ersten offenen Abend veranstaltet.

Können Sie ein Beispiel für ein Prinzip nennen, das auch für Unternehmer ohne christliche Affinität von Interesse sein könnte?

Eines dieser Prinzipien ist die Subsidiarität. Entscheidungen werden soweit wie möglich und sinnvoll auf der Ebene gefällt, die den betroffenen Menschen am nächsten steht. Wie lebensnah diese Prinzip ist, hat sich auch in der Entwicklung des ÉrMe-Netzwerkes gezeigt. Die Idee, die die Mitglieder von ÉrMe letztendlich zusammengebracht hat, wurde am Anfang von einer sehr starken Persönlichkeit repräsentiert. Die Hierarchie war sehr steil und Ziele wurden von oben vorgegeben. Als die Zahl der Mitglieder wuchs, hat sich dies als begrenzender Faktor erwiesen. Das Subsidiaritätsprinzip entsprach dem organischen Wachstum der Organisation viel besser. Es haben sich mehrere Klubs mit eigenen Führungspersönlichkeiten gebildet. Im nächsten Entwicklungszyklus haben diese Klubs dann wieder verstärkt die Zusammenarbeit gesucht, wobei die Klubs ihre Autonomie bewahrt haben. Langfristig hat dies zu einer dynamischeren Entwicklung und zu mehr Produktivität beigetragen.

In der Broschüre, in der sich das ÉrMe-Netz vorstellt, findet sich die Darstellung einer hierarchischen Anordnung mit der ÉrMe-Stiftung an der Spitze und den Klubs an der Basis. Wie ist ÉrMe also organisiert?

Ich bin nicht ganz glücklich mit dieser Darstellung. Die Stiftung ist kein Organ, das eine Weisungsfunktion hat, im Gegenteil, ihr sind von den Mitgliedern bestimmte Aufgabenbereiche zugewiesen worden, sie hat also eher eine dienende Funktion. Die Stiftung hilft zum Beispiel bei der Koordination der Zusammenarbeit der einzelnen Klubs und unterstützt neue Klubs in der Anfangsphase. Eine wichtige Aufgabe der Stiftung ist die Organisation von Konferenzen zur Wissensvermittlung und zum Erfahrungsaustausch. Da sich in letzter Zeit immer mehr Interesse an unserer Arbeit geregt hat, ist der Stiftung auch die Rolle zugefallen, die Werte und Aktivitäten des Netzes nach außen zu kommunizieren.

Können Sie noch ein anderes Prinzip nennen, das sich in den Aktivitäten des ÉrMe-Netzes wiederspiegelt?

Während unsere Organisation nach dem Subsidiaritätsprinzip strukturiert ist, repräsentieren unsere Aktivitäten das Solidaritätsprinzip. Zunächst stand der Erfahrungsaustausch der Mitglieder im Vordergrund, dann kamen caritative Aktivitäten dazu. Jedes Jahr kommt etwa bei unserer nun schon traditionellen Weihnachtsauktion ein beachtlicher Betrag zusammen, mit dem wir vier Projekte sinnvoll unterstützen können. Darüber hinaus werden immer wieder Projekte an uns herangetragen, auf die die Mitglieder entsprechend ihrer vorhandenen Kapazitäten reagieren. Wir können natürlich nicht auf alle Anfragen helfend reagieren. Die Mitglieder müssen diese Anfragen selbst bewerten. Bei der Abwägung helfen unter anderem folgende Grundsätze: Ist der Einsatz und das erbrachte Opfer größer als das zu erwartende positive Ergebnis? Werden dadurch bereits bestehende Verpflichtungen vernachlässigt? Vor kurzem haben Mitglieder das Haus einer Familie wiedererrichtet, das durch eine Überschwemmung zerstört worden war. Als die Wirtschaftskrise 2008 die Existenzgrundlage vieler Familien gefährdet hat, haben ÉrMe-Mitglieder einen HR-Workshop ins Leben gerufen, der als Jobbörse funktioniert, aber auch bei der Vorbereitung auf Stelleninterviews hilft. ÉrMe hat auch die Initiative zur Gründung eines ÉrMe-Junior Klubs unterstützt. Erfahrene Unternehmer treten hier als Mentoren auf. Das ÉrMe-Netz unterstützt weiterhin die KETEG-Ausbildung (Christliche Soziallehre in der Wirtschaft) und beteiligt sich intensiv beim Konferenzmanagement.

All das zeugt von einem starken Sendungsbewusstsein.

Das stimmt. Wir sind überzeugt von dem, was wir tun. Wir sind jedoch keine Missionare, weder in unseren eigenen Reihen, noch nach außen. Es macht keinen Sinn, diese Prinzipien zu vertreten, wenn sie nicht in der Praxis funktionieren würden. Als Unternehmer sind wir in erster Linie mit der Produktion von Gütern und Leistungen beschäftigt, das stellt sicher, dass wir mit der Realität in Kontakt bleiben. Die Gefahr des Pharisäertums ist dadurch eher gering. Es ist nicht nur eine Überzeugungsfrage, ein verantwortlicher und vertrauenswürdiger Geschäftspartner zu sein, es hat durchaus auch Wettbewerbsvorteile. Mit zwölf Angestellten ist meine Firma im Handel tätig. Einer meiner Kunden ist eine große Ladenkette. Vereinbarungen – auch über größere Geschäftsvolumen – kann ich mündlich abwickeln. Die Zeit und Energie, die sich beide Partner sparen, können wir lukrativ für wichtigere Dinge nutzen.

Andererseits gibt es Firmen mit großem Gewicht im Markt, die ganze Rechtsanwaltsabteilungen beschäftigen, um zu prüfen, ob sie Zahlungsverpflichtungen ihren Zulieferern gegenüber in Frage stellen können.

Für uns sind das keine rechtlichen, sondern in erster Linie Fragen der Gerechtigkeit und der menschlichen Würde. Interessanter Weise haben sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus Ideen von Marx aufgegriffen, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Im Kommunismus wurde das Unternehmertum, die Bourgeoisie, für die Misere der Arbeiter verantwortlich gemacht. Im Kapitalismus hat sich die Idee von Marx durchgesetzt, dass die Arbeit ein Produktionsfaktor ist. So wird der Mensch zum Mittel in der Produktion, der unter dem Aspekt der Effizienz beurteilt wird. Damit verliert der Mitarbeiter seine Würde. Die Soziallehre hat hier Wichtiges zu sagen. Als Unternehmer sind wir für Menschen verantwortlich. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen Effektivität, Solidarität und menschlicher Würde. Nur ein profitables Unternehmen kann auf Dauer auch die Familien seiner Mitarbeiter ernähren. Andererseits sind nur Mitarbeiter, deren Würde gewahrt bleibt und die solidarisch mit ihrem Unternehmen verbunden sind, wirklich produktiv.

Ist es nicht unrealistisch zu erwarten, dass Unternehmer innerhalb dieses Spannungsfeldes zwischen Allgemeinwohl und Profitinteresse ihr Unternehmen erfolgreich führen können?

Diese Spannung erhält das Feuer am Leben. Unternehmer zu sein, ist eine Berufung. Wenn mir persönlich diese Herausforderung keine Freude machen würde, würde ich es nicht tun. Dies gilt auch für die anderen Mitglieder. Diese sind hoch motiviert, sie arbeiten gerne und sind erfolgsorientiert. Sie wissen aber auch, dass Erfolg mehr ist, als sich in Profitzahlen ausdrücken lässt. Erfolg schließt auch die Qualität der Beziehungen zu den Menschen ein, mit denen wir zusammenarbeiten und den Beitrag, den wir zum Allgemeinwohl leisten können. Sozialer Friede zum Beispiel hängt stark mit Gerechtigkeit zusammen. Geleistete Arbeit muss vergütet werden.

Das Gespräch führte Sonja Lázár.

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