Von László Szily

Jeder normale Mensch weiß, dass die Lieblingsbegriffe der Politiker in Wirklichkeit nicht existieren. Zu diesen sinnleeren Begriffen zählt auch das „Verspotten der Demokratie“. Gerade deshalb war es am Dienstag (vergangener Woche – Anm.) schockierend, im Foyer des Nationalen Wahlbüros (NVI) zu sein, denn dort wurde nicht nur der Begriff mit Inhalt gefüllt, sondern all dies geschah dort wirklich und vor unseren Augen.

Stellen Sie sich ein ganz durchschnittliches Budapester Treppenhaus vor, auf der einen Seite ein Portier-Fenster, daneben ein Automat, der an Handtrockner in öffentlichen Toiletten erinnert, mit einem waagerechten Spalt im unteren Teil. Dies ist die Stechuhr. Laut Gesetz entscheidet das NVI über desjenigen Frage, der als erster ein Formblatt in diesen Schlitz dieser Uhr schieben kann. In einem Umkreis von zwei Metern stehen riesengroße, muskelbepackte, glatzköpfige, tätowierte Angstmacher, der MSZP-Politiker István Nyakó und eine stille, ältere Dame mit grauem Haar, auf der anderen Seite des Foyers befinden sich mehrere Dutzend Journalisten und Fernsehreporter.

Nur bei Nyakó ist klar, warum er hier ist: Er möchte eine Frage zum Sonntagsschluss für ein Referendum genehmigen lassen. Alle anderen verraten schlicht nicht, warum sie hier sind, höchstens aus ihrem Verhalten und den Mappen, die sie bei sich tragen, lässt sich erahnen, dass auch sie vielleicht mit einer Frage aufwarten. Und doch ist allen Anwesenden klar, wer warum hier ist: Die Glatzen ganz sicher, damit sie Nyakó irgendwie daran hindern können, seine Frage als erster einzureichen. Über die alte Dame lässt sich nur rätseln. (…)

Die Glatzen machen jedoch kein Geheimnis daraus, dass sie nicht einfache Staatsbürger sind, die von ihren Rechten Gebrauch machen wollen. Beispielsweise lassen sie über lange Zeit niemanden ins Treppenhaus, der nicht zu ihnen gehört. Deswegen können die eintreffenden Journalisten auch nur über einen Seiteneingang ins Gebäude gelangen. Das surreale Element hierbei ist, dass all dies vor den Augen der Mitarbeiter der NVI und der sich kurzzeitig vor Ort aufhaltenden Polizei abspielt, die es als ganz natürlich ansehen, dass die Glatzen eigenmächtig den Weg zu einer wichtigen staatlichen Institution versperren. Dabei sieht das Gesetz zu Referenden ein solches Szenario gar nicht vor. Mehr noch: Niemandem schien auch nur durch den Kopf zu gehen, die Glatzen zu bitten, den Eingang zu räumen. Stellen wir uns nur einmal vor, wenn ich oder Du versuchen würden, Ankömmlinge am Betreten des NVI zu hindern!

Der scheinheiligste Akteur war aber vielleicht der Büroleiter des NVI. Ein einziges Mal trat er zu den Muskelbergen, um sie höflich darum zu bitten, darauf zu achten, keinem, der eine Frage einreichen wolle, den Weg zum Automaten zu versperren. Der Büroleiter ging daraufhin mit zufriedener Miene wieder weg, also nicht etwa wie jemand, der mit widerlichstem Zynismus die ungarische Demokratie in Schutt und Asche legt.

Die ganze Reihe der Geschehnisse – der hilflose Nyakó, die stumme Tante und die zufrieden grinsenden Schlägertypen – war ausgesprochen surreal. Doch nicht etwa der Fakt, dass natürlich jeder der Anwesenden hinter den Glatzen in irgendeiner Form die Regierung vermutete, denn wer sonst hätte Interesse an solch einer Aktion. Das wirklich Surreale war der Anblick der tätowierten Ausführer, die genau wussten, dass sie unangreifbar sind. Deswegen grinsten sie auch so selbstsicher. (…)

Was ist das für eine Regierung, die mit Schlägertruppen ihr unangenehme Referenden verhindert? Was ist das für eine Regierung, die, wenn ihr die Argumente ausgehen, auf Muskeln und Betrug zurückgreift?

Würde ich einfach nur über die Geschehnisse lesen, hätte ich Angst. Da ich aber mit vor Ort war, finde ich das Ganze eher nur lächerlich. Wer sich an Glatzen um Hilfe wendet, der hat Angst. Wer stark und selbstsicher ist, der tut so etwas nicht. Nach sechs Jahren absoluter Macht ist so eine Furcht vor einer, im Grunde genommen marginalen Frage ein deutliches Zeichen der Angst. Dies wiederum war ein fantastisches Gefühl: Ungeachtet der Ländereien, der Bankkonten, der Autos und EU-Gelder – die Regierung traut sich nicht, sich zurückzulehnen.

Auch war amüsant zu sehen, wie hinterwäldlerisch unsere Regierung ist. Sich an solche Typen zu wenden ist – egal, ob es nun um einen persönlichen, geschäftlichen oder politischen Konflikt geht – ein Ausdruck von geschmacklosem Tölpeltum. (…)

Der einzige Lichtblick in der ganzen Geschichte war, dass die Auftraggeber ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Legionen in ein Amt schickten, das nur etwa 100 Meter vom Parlament entfernt ist. Demnach ist es also nur eine Frage der Zeit, bis vielleicht auch die parlamentarischen Angelegenheiten mittels Glatzen geklärt werden, was wiederum den politischen Alltag in Ungarn wieder interessanter machen würde.

Der hier in Auszügen erschienene Kommentar erschien am 23. Februar auf dem regierungskritischen Blog 444.hu.

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