In Ungarn leben fast 500.000 Menschen mit Behinderungen. Allerdings haben von jenen, die sich im arbeitsfähigen Alter befinden, nur 15 Prozent eine Anstellung. Dabei bedeutet eine Arbeitsstelle für diese Menschen nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft. Zwar hat sich der Arbeitsmarkt in den letzten Jahren geöffnet, der Weg zur vollständigen Integration ist allerdings noch weit. Das Nem Adom Fel-Café bietet für Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen die Möglichkeit, sich trotz Einschränkung auf dem Arbeitsmarkt einzubringen.

Nicht aufgeben!

Erst vor knapp vier Wochen eröffnete das Nem Fel Adom-Café (deutsch: nicht aufgeben) im VIII. Budapester Bezirk.

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Der Weg dahin war jedoch ein langer. „Die Idee für das Café gab es schon seit einigen Jahren“, erzählt Nóra Csorba, Projektmanagerin. 41 Millionen Forint (rund 137.000 Euro) staatliche Förderung machten das Projekt letztendlich möglich. Nach wochenlangen Umbauarbeiten ist ein modern eingerichteter, gemütlicher, hundefreundlicher Ort zum Verweilen entstanden, wo man Kaffee, Kuchen Sandwiches und andere Köstlichkeiten zu günstigen Preisen genießen kann. Rund 90 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen bewarben sich für eine Anstellung im Café, von denen letztlich 24 fest angestellt wurden. Für die meisten ist es der erste Job. Mit einem festen Gehalt, regelmäßigen Arbeitszeiten und zusätzlichen staatlichen Förderungen können sie sich jetzt ein eigenständiges Leben aufbauen.

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Noch befindet sich das Nem Adom Fel-Café in der Anfangsphase. Das heißt: kurze Öffnungszeiten und ein reduziertes Speisenangebot. „Das möchten wir aber gern ausweiten“, fügt Csorba hinzu. Dazu müssen sich jedoch gewisse Arbeitsabläufe etablieren und die Mitarbeiter Routine entwickeln. Derzeit arbeitet die Küchencrew ab morgens neun Uhr „und bereitet alle Kuchen und Sandwiches frisch zu“. Damit in Zukunft morgens sieben Uhr, statt wie momentan 13 Uhr, geöffnet werden kann, versucht man durch routiniertes Arbeiten die Vorbereitungszeit von vier auf eine Stunde zu reduzieren. Jeder Handgriff muss sitzen: „Wenn zum Beispiel ein Sandwich gemacht wird, müssen unsere Mitarbeiter einfach wissen, wo sie Salat und Schneidebretter finden.“ Auch das Angebot ist dementsprechend noch übersichtlich, aber für die Crew umsetzbar. „Wir stellen lieber wenige gute Produkte aus gesunden Zutaten her“, fügt die 22-jährige hinzu.

Vollwertige Arbeitskraft, trotz Behinderung

Im Nem Fel Adom-Café arbeitet man derzeit in Vier-Stunden-Schichten. „So sehe ich alle regelmäßig und kann ihre

Entwicklung verfolgen“, erklärt Csorba. So sind zwar gleichzeitig viele Mitarbeiter vor Ort, das hat aber auch positive Seiten: Alle können sich aneinander gewöhnen und voneinander lernen. Die Mitarbeiter sind in insgesamt drei Arbeitsbereiche eingeteilt: Küche, Bedienung und die Vorbereitung an der Bar. Zwar sieht man dem einen oder anderen seine Schwierigkeiten mit den einzelnen Aufgaben an, „aber jeder gibt sein Bestes“. Ein wichtiges Augenmerk lag daher auch darauf, jedem Mitarbeiter eine passende Position zuzuordnen, um sie einerseits nicht zu überfordern, aber andererseits auch in ihren Fähigkeiten zu bestärken und zu fördern. Vor der Caféeröffnung fanden daher dreimonatige Trainings statt, um die Mitarbeiter auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten. Dabei wurden unter anderem alle möglichen Alltagssituationen durchgespielt, „zum Beispiel, es kommt mal jemand rein, der betrunken ist oder rumschreit.“

„Unsere Leute müssen einsehen,
dass sie einen regulären Arbeitsplatz
haben. Das ist kein Wunschkonzert.“
„Unsere Leute müssen einsehen, dass sie einen regulären Arbeitsplatz haben. Das ist kein Wunschkonzert.“

Damit sieht sich das Nem Fel Adom-Café auch einigen Herausforderungen in der Arbeit mit behinderten Menschen konfrontiert. „Wir wissen natürlich nicht alles über jeden im Team“, erklärt Csorba und fügt hinzu: „Schon gar nicht, wie die einzelnen Personen in verschiedenen Situationen reagieren.“ Die Mitarbeiter müssen einsehen, dass sie, trotz ihrer Behinderung, einen ganz regulären Arbeitsplatz haben, „der kein Wunschkonzert ist“. „Wir würden den größten Fehler machen, wenn wir unsere Leute verhätscheln. Davon wird niemand besser“, erklärt Nóra Csorba.

Gegen Vorurteile und Mitleid

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Ziel des Cafés und der gleichnamigen Stiftung ist es, Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft zu integrieren, ihnen zu helfen, an sich zu glauben und etwas aus sich zu machen. Dazu soll diesen Menschen ein Raum geboten werden, um ihre Träume zu verwirklichen und so die Kluft zwischen gesunden und behinderten Menschen zu schließen. Auch der sehbehinderten Zsuzsi konnte so schon in vielerlei Hinsicht geholfen werden. Die Arbeit mit anderen Behinderten gefällt ihr besser als mit gesunden Menschen: „Die haben oft Vorurteile oder Mitleid und konnten mich nie als vollständiges Mitglied des Teams akzeptieren. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich wieder Kind.“ Im Nem Adom Fel-Café dagegen sind alle gleich. „Wenn einer von uns Hilfe braucht, ist es ganz normal, dass wir uns gegenseitig helfen“, fügt sie hinzu.

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Derzeit profitiert das Nem Adom Fel-Café noch vom „Reiz des Neuen“ und ist daher sehr gut besucht. Aufgrund der Einzigartigkeit des Projektes wurde vor seiner Eröffnung in allen Medien über das Café berichtet. Mit verlängerten Öffnungszeiten und eventuell der Vermietung der Räumlichkeiten soll es auch nach Abebben des Medientrubels weiter bestehen können. „Wir können das schaffen“, ist sich Nóra Csorba sicher.

Nem Adom Fel-Café

Budapest, VIII. Bezirk, Magdolna utca 1

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 13 bis 20 Uhr

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