Seit Wochen geistert ein Thema durch die ungarischen Medien: Der Spuk von den Arbeitskräften, die uns schon morgen ausgehen könnten. Das ist die Kehrseite der Jubelmeldungen über Vollbeschäftigung. Über ein anderes Problem wurden bislang kaum Worte verloren, doch bringt es der allgegenwärtige Mangel nun zwangsläufig an die Oberfläche: mit den von der Zeit überholten Löhnen wird bald kein Blumentopf mehr zu gewinnen sein.

In Deutschland fehlen seit Jahren permanent mindestens 100.000 Ingenieure, in Ungarn sind es nach einer eher konservativen Schätzung des von Großunternehmen gegründeten Verbandes „Gemeinsam für die Ingenieure der Zukunft“ immerhin schon viertausend. Dabei behelfen sich gerade die ganz Großen des Wettbewerbssektors am besten selbst; sie haben die duale Hochschulausbildung nach deutschem Vorbild nunmehr auch in Ungarn ins Rollen gebracht. Entgegen den hochgesteckten Erwartungen traten im Herbst aber kaum mehr als 400 Studenten ein duales Hochschulstudium an, von denen sich mehr als die Hälfte für eine technische Fachrichtung entschieden, jeder Achte für Informatik.

Weil die Eltern ihre Kinder lieber ans Gymnasium als an eine Berufsschule schicken, ist die Lage an den Hochschulen dabei noch gar nicht so kritisch. Der Personaldienstleister Manpower rechnet schon für die nächsten Jahre mit einem Defizit von 150.000 Facharbeitern in Ungarn, das hauptsächlich demographisch zu erklären ist. Heute hat schon jeder dritte Arbeitgeber Schwierigkeiten bei der Suche nach entsprechend qualifizierten Arbeitskräften. Wer einmal ein Abitur in der Tasche hat, entscheidet sich erst recht nicht mehr für einen handwerklichen Beruf. Dabei stürzt das Niveau der Berufsausbildung rasant ab, weil jenen Teenagern, die es von der Grundschule kommend nicht aufs Gymnasium schaffen, immer häufiger elementarste Kenntnisse fehlen – nicht einmal Lesen (erst recht nicht verstehendes Lesen) und Schreiben dürfen vorausgesetzt werden. Mit den Anforderungen des theoretischen Unterrichts kommen die Azubis zuhauf nicht klar, mittlerweile rauschen 40-50 Prozent durch die Abschlussprüfung!

Die Unternehmen suchen also in der Tendenz immer mehr Arbeitskräfte auf einem Markt, der schon demographisch bedingt immer weniger zu bieten hat, geschweige denn Arbeitnehmer von annehmbarer Qualität. Wurden vor einigen Jahren noch Mangelberufe gelistet, sind derartige Auflistungen heute für die Katz, weil Fachkräfte einfach in allen Wirtschaftszweigen fehlen, ob im Service- und Dienstleistungsbereich, ob bei Spediteuren oder Logistikern, in den traditionellen Industrieberufen wie Dreher, Zerspaner, Maschinist, ganz zu schweigen vom Handel oder von Fachleuten, die Gabelstapler fahren können oder Fremdsprachen beherrschen.

Da erwarten Personalabteilungen wie bei Opel in Szentgotthárd wirklich nicht mehr als das Allgemeinwissen von der Schule; das spezifische Know-how wird man den Bewerbern schon beibringen, wenn diese nur ausreichend Motivation mitbringen. Personalchefin Csilla Molnár beklagte gegenüber der Wochenzeitung hvg, dass die Schulung der heute noch erreichbaren potenziellen Arbeitskräfte immer höhere Aufwendungen bedeutet. Denn im Angesicht der hochmodernen, zunehmend komplexeren Technik sind Abstriche beim Kompetenzniveau der Mitarbeiter nicht machbar – die Leute von der Straße müssen aber immer häufiger zunächst einmal für die Arbeitswelt sozialisiert werden. Immer mehr Unternehmer beklagen zudem, die öffentlichen Arbeitsprogramme der Regierung würden ihnen Arbeitskräfte entziehen, die einfachere Anlernjobs verrichten könnten. Womit sie sich selber ein Armutszeugnis ausstellen, denn demnach sind die noch weit unter Mindestlohn bezahlten Arbeitsprogramme „wettbewerbsfähig“ mit den bei solchen Firmen gezahlten Löhnen.

Lächerliche Löhne

Während Arbeitgeber den guten alten Zeiten nachtrauern, muss vielen Arbeitnehmern die Vergütung ihres Jobs wie ein schlechter Witz erscheinen. Als Studenten eingangs des Jahrtausends im Sommer bei McDonald´s jobbten, rührte ihre Begeisterung wohl eher aus der Liebe zu den Hamburgern, die unter jungen Leuten nun mal weit verbreitet ist, als aus Stundenlöhnen von 500 Forint. Aber auch heute zahlen zahlreiche Industriebetriebe weiterhin 500 Forint pro Stunde, als wäre die Zeit stehengeblieben. Da kann man nicht umhin, von lächerlichen Bezügen zu sprechen.

Multis haben sich diese Jacke gewöhnlich nicht angezogen; sie hielten ihre Mitarbeiter mit 20-30 Prozent über dem Branchentarif bei der Stange. Dabei sind die von der Orbán-Regierung gefeierten Reallohnerhöhungen im Kreis von Unternehmen, für die der Forint bestenfalls eine Verrechnungseinheit darstellt, nicht wirklich relevant. Unter den früheren sozialistischen Regierungen stand ein Eurokurs von 265 Forint auf der Tagesordnung, im vergangenen Jahr sind wir auf einem neuen Tief von im Jahresmittel 310 HUF/ EUR angelangt. Da mindestens bis zu den Parlamentswahlen 2018 kein Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik mehr zu befürchten ist, können wir uns getrost auf 320-325 oder mehr einrichten. Die ungarischen Arbeitnehmer mögen nominal Jahr für Jahr mehr Geld mit nach Hause nehmen, im Durchschnitt lagen ihre Nettolöhne in den jüngsten Statistiken erst bei rund 500 Euro – wohlgemerkt im Monat.

Zum Vergleich: Im reichen Nachbarland Österreich sind monatlich etwa 2.500 Euro drin. Um die Abwanderung zu stoppen, sollten die Magyaren Experten zufolge jedoch nur etwa eintausend Euro weniger monatlich verdienen, als ihnen im goldenen Westen winken, denn ungefähr diesen Lohnunterschied fressen die dortigen höheren Lebenshaltungskosten auf. Dazu müsste das heute gängige Lohnniveau hierzulande jedoch verdreifacht (!) werden. Vermutlich würde schon eine Verdopplung sehr viele Arbeitnehmer zufriedenstellen, Regierung und Arbeitgeber backen aber weiterhin ziemlich mickrige Brötchen. Wie die Senkung der Einkommensteuer um einen Prozentpunkt, die laut Wirtschaftsministerium den Konsum ankurbeln wird. Oder beim Gefeilsche der Sozialpartner um Prozente, die natürlich ein Fetisch der Gewerkschaften sind, wohingegen die Arbeitgeber mehr Flexibilität bei der Lohngestaltung wünschen.

Es wird permanent, in vier Schichten rangeklotzt

Als würde der ungarische Arbeitsmarkt nicht Flexibilität im Überfluss bieten. Denn nicht nur die Löhne erinnern an Dritte-Welt-Standards, die von der angeblich so antiliberalen Orbán-Regierung geschaffenen Rahmenbedingungen sind auch nicht ohne. Es fängt bei den Gewerkschaften an, die sich noch vor der großen Krise diskreditierten und gemessen etwa an deutschen Verhältnissen kein Hinterland vorweisen können. So sehr nicht, dass die IG Metall jüngst ein Pilotprojekt für Ungarn auflegte, um der Interessenvertretung für die Arbeitnehmer im EU-Osten endlich auf die Sprünge zu helfen. Dabei hat man gar nicht so sehr die Multis im Auge, sondern eher deren Zulieferer. Aber wer drückt eigentlich auf deren Kosten?

Wer einen anständigen Job hat, der bringt auch im heutigen Ungarn eher 200- 250.000 Forint mit nach Hause, als die im volkswirtschaftlichen Durchschnitt ermittelten 150.000 Forint. Einschließlich Cafeteria- Leistungen, Prämien und sonstigen Zuwendungen des Arbeitgebers können Familien davon durchaus leben. Doch viel weiter verbreitet sind Jobs, wo am Monatsende netto 80-100.000 Forint verbleiben. Landauf landab rollen Busse durch die Nacht, mit armen Schluckern an Bord, die häufig bis zu zwölf Stunden am Stück malochen und dafür mit kaum 5.000 Forint pro Stunde abgespeist werden. In drei Schichten zu arbeiten, ist in der heutigen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches, doch wo die Auftragslage stimmt, wird permanent in vier Schichten rangeklotzt. Das bedeutet einen ständigen Wechsel in der Arbeitseinteilung, ohne Rücksicht auf Wochenenden – die gibt es für diese Arbeitnehmer einfach nicht. Hat das Parlament nicht ein Gesetz über das Verbot von Sonntagsarbeit verabschiedet? Nun ja, die Politiker nannten das so, weil im Zeichen der christlichen Nächstenliebe der Sonntag doch eigentlich von Arbeit „geheilt“ sein sollte. Gemeint war aber nichts weiter als der Handelssektor, die auf die Exportmärkte ausgerichtete Industrie muss ja das Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften.

Arbeitnehmer, die im Regen stehen

Nun könnte man sich fragen, wer eigentlich zynischer ist, die Politik oder die Wirtschaft? Dass die Arbeitnehmer häufig wirklich hilflos den Umständen ausgeliefert sind, bereitet den Boden für Extremfälle. So „loste“ ein Unternehmen bei der vorm Wochenende fälligen Lohnzahlung ein knappes Drittel seiner Arbeitnehmer aus, die per SMS die Nachricht erhielten, das Geld sei pünktlich auf dem Konto gelandet. Die Mehrheit – in dem konkreten Fall rund 60 Frauen und Mütter – hatte Pech, für sie gab es Geld erst am Montag; wer sich nichts pumpen konnte, musste zusehen, wie die Familie übers Wochenende kam.

Das Management eines altehrwürdigen Kosmetikherstellers, dessen Shampoo- Marke WU2 nach der Wende eine große Zukunft vorausgesagt wurde, ließ die verbliebenen 85 Mitarbeiter bei der Geschäftsaufgabe vor zwei Jahren vollständig im Regen stehen: Kein Geld und keine Papiere gab es für die treuen Arbeitnehmer, die seither – so ist halt das ungarische Recht – keine legale Arbeit mehr annehmen konnten. Gerade dieser Tage vermeldeten Gewerkschaftsvertreter als Erfolg, die Situation dieser Menschen würde sich nun endlich klären. Nach zwei Jahren (!) erhielten sie im Schnitt 700.000 Forint aus dem staatlichen Lohngarantiefonds, wozu es lakonisch hieß: „Etwas später als geplant und etwas weniger als erhofft“.

Konversation

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Geschrieben von Elisabeth Katalin Grabow

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