Dass Ottó Szabó als Kind gerne Comics gelesen haben muss, sieht man seinen Skulpturen an: Roboter, Metallmonster, Superhelden und andere von Science-Fiction inspirierte Elemente sind häufig Bestandteil seines künstlerischen Schaffens. Dabei macht sich der plastische Künstler oft Materialien zu eigen, die andere wohl nur als Schrott bezeichnen würden. Rostige Eisenstangen, Lampenteile und Tankbehälter werden durch Szabó nicht nur recycled, sondern vielmehr zum Kunstobjekt veredelt. Dieser auch als „Upcycling“ bezeichnete Prozess ist typisch für den Stil des Künstlers. „Bereits während meiner Unizeit habe ich angefangen, verschiedene alte Metallteile aneinanderzuschrauben oder zusammenzuschweißen und dadurch Skulpturen zu kreieren.“ Ein Beispiel dafür sind Szabós‘ „Trash Heroes“.

Ein ungarischer Superheld

„Wir Ungarn hatten nie Superhelden“, erklärt Szabó, „deshalb wollte ich uns einen erschaffen.“ Allerdings entspricht die Figur, die Szabó „Superbrick“ (oder „El Brico“) getauft hat, so gar nicht dem Bild des glänzenden, mit Superkräften ausgestatteten Hochglanzhelden, den man aus amerikanischen Comicheften kennt. „Superbrick“ besteht aus einem einfachen Ziegelstein und etwas Metallmüll. „Wir Ungarn haben keine glänzenden Dinge, wir haben nicht viel Macht und Einfluss, und wir haben eben auch keine allmächtigen Superhelden.

Dafür haben wir jetzt ‚Superbrick‘“, erklärt Szabó scherzhaft seine „Trash Heroes“. Hinter vielen Werken des plastischen Künstlers stecken komplexe Geschichten, die Szabó beständig weiterentwickelt. So entstand aus den „Trash Heroes“ eine ganze Serie an Skulpturen. Dabei begegnet Szabós kleiner Held immer wieder metallenen Verbündeten oder kämpft gegen Blechdosen-Ungeheuer. Unter die Reihe um „El Brico“ setzte Szabó zwar 2011 mit seiner Skulptur „The End“ einen Schlussstrich, die Idee der liebenswürdigen Schrottskulpturen begleitet Szabó jedoch bis heute.

Drollige Schrottkrieger

Eine unmittelbare Weiterentwicklung dieser Idee sind Szabós „Lunch Break Warriors“. Diese Skulpturenserie kreierte der 26-jährige während seines zweijährigen Aufenthalts in London. Damals arbeitete Szabó an der English National Opera als Bühnenbauer. „Es war eine harte Zeit“, erinnert sich Szabó. „Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet. Nach der Arbeit in der Oper habe ich noch im Atelier der deutschen Künstlerin Liane Lang ausgeholfen. In der ersten Zeit habe ich sogar auf dem Boden des Ateliers geschlafen.“ In seinen Mittagspausen spazierte der junge Ungar

gerne entlang der Themse. Aus den Materialien, die er am Flussufer sammelte – meist angeschwemmter Müll oder weggeworfene Teile – baute er später seine „Lunch Break Warriors“. Die kleinen Schrottkrieger portraitiert er in seinen Skulpturen in Alltagssituationen: etwa beim Baden oder beim Ausführen des metallenen Haustiers. Dass die Charaktere in Szabós‘ Skulpturen mit denselben alltäglichen Problemen wie ihre menschlichen Konterfeis zu kämpfen haben, lässt sie gleich weniger mörderisch erscheinen. Trotz martialischer Metallhelme und Waffen bewahren sie sich sogar eine gewisse Niedlichkeit – so unbeholfen stehen die klumpigen Körper auf den zumeist dünnen Beinchen.

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Der Trainingsroboter „Csepel G.E.“

Szabó beweist oft Humor. So bringen die meisten seiner Werke den Betrachter nicht nur zum Staunen – schmunzeln ist durchaus erwünscht. Eine Wirkung, die nicht ganz ungewollt ist: „Ich kann mit der für Ungarn typischen Melancholie nicht viel anfangen. Auch nicht mit der Einstellung, dass Kunst stets tiefgreifend und bedrückend sein muss. Ich bin ein fröhlicher Mensch. Und das sieht man auch in meiner Kunst.“ Oftmals sitzt Szabó dabei der Schalk im Nacken: In seiner Abschlussarbeit für die Akademie der Bildenden Künste in Budapest konstruierte er einen

Trainingsroboter der ungarischen Marke Csepel. Szabó unterlegte sein Werk mit einer umfassenden Mythologie, in der er den Zukunftsund Technologieoptimismus der 50er- und 60er-Jahre aufs Korn nimmt. Die kinetische Skulptur, die eine einfache Bewegung aus Hüft- und Armbewegungen ausführt, soll laut Beschreibung einer von zahlreichen Lehrrobotern gewesen sein, die den Menschen im Sozialismus der 60er-Jahre nicht nur das richtige Salutieren oder Marschieren, sondern eben auch Sportübungen beibringen sollte. Die fast zwei Meter hohe, bewegliche Metallskulptur brachte Szabó das renommierte Absolventenstipendium der KOGART Kunststiftung ein.

Eine post-humane Welt

Oft stellt Szabó in seinen Skulpturen das futuristische Prinzip des Roboters einer gewissen Retro-Optik entgegen. Für den Künstler, der seine Inspiration auch aus alten Science-Fiction- Filmen zieht, haben humanoide Roboter bereits den Glanz des revolutionär Neuen verloren. Dass sie einmal die Welt übernehmen werden, dessen ist sich Szabó sicher: „Schließlich sind wir es, die sie so konstruieren. Sie nehmen uns immer mehr Aufgaben ab – Smartphones werden zu unserem externen Gedächtnis, auf Skype übersetzt eine

Software simultan zwischen verschiedenen Sprachen. Es gibt vieles, das wir nicht mehr selbst beherrschen müssen, weil Maschinen es uns abnehmen. Eines Tages werden wir feststellen, dass wir zwar die Maschinen brauchen, sie uns aber nicht mehr.“ Auch darüber, wie eine posthumane Welt nach der Machtübernahme der Roboter aussehen könnte, hat sich Szabó bereits Gedanken gemacht. Seine aktuelle Ausstellung „Settlers“ in Paks, einer Stadt, die vielen nur durch sein Atomkraftwerk bekannt sein dürfte, zeigt Szabó eine Welt, in der humanoide Roboter versuchen, Samen des Lichts in eine ansonsten düstere und unfruchtbare Umwelt zu pflanzen. Auch in Zukunft will Szabó für seine Skulpturen Elemente der Robotik und neuer Technologien nutzen. Trotzdem sieht er sich selbst als „relativ konservativen Künstler“. „Ich gestalte nach wie vor mit meinen eigenen Händen – basierend auf Skizzen, die ich zuvor auf Papier gemacht habe. Viele Künstler arbeiten heute bereits am Computer und nutzen 3D-Drucker, um ihre Skulpturen zu realisieren.“ Mit seinen ungewöhnlichen Materialien und seinen oftmals futuristischen oder comichaften Motiven dürfte Szabó aber auch nicht dem Konzept eines Bildhauers im klassischen Sinn entsprechen. Zum Glück, möchte man ausrufen – denn anders als viele klassische Bildhauer hat Szabó das Potenzial, mit seinen Werken auch zahlreiche junge Menschen, die ebenfalls mit Comics, Trickfilmen und SciFi aufgewachsen sind, in die oft zu leeren Galerien zu locken.

In Budapest sind einige Arbeiten RobOttos noch bis zum 14. Februar in der Soloausstellung „Peaceful Things in Times of War“ in der Everybody-Needs-Art-Dachgalerie zu sehen. Besichtigungstermine können per Email an everybodyneedsart@ gmail.com vereinbart werden.

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▶▶ Katrin Holtz

Ottó Szabó (RobOtto)

  • geboren 1989 in Szekszárd, Südungarn
  • 2003-2007 Kunstgymnasium Pécs
  • 2007-2012 Ungarische Akademie der Bildenden Künste in Budapest (unter Zoltán Karmó, Tamás Körösényi, Valéria Sass und Ádám Szabó)
  • 2012-2014 Aufenthalt in London

Folgen Sie den Arbeiten von RobOtto auf der Künstlerplattform Behance unter www.behance.net/ottorobotto oder auf www.szabootto.blogspot.hu.

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