Das Sicherheitsgefühl und seelische Wohlbefinden der in Ungarn lebenden und hier Werte produzierenden Deutschen scheint der ungarischen Regierung sehr am Herzen zu liegen. So nahm sich Premier Orbán am Dienstag gleich zwei Mal Zeit, um persönlich an die Vertreibung der Ungarndeutschen vor 70 Jahren zu erinnern: Am frühen Nachmittag legte er auf dem Friedhof von Budaörs am zentralen Vertreibungs-Denkmal einen Kranz nieder, einige Stunden später hielt er in der dortigen Kirche zum Heiligen Nepomuk eine Gedenkrede.

In seiner Ansprache nannte er deutlich beim Namen, was damals unter dem Mantel der scheinbaren Legalität geschah: „Die offizielle Bezeichnung lautete Aussiedlung, doch dieses Wort hatte mit der Wahrheit nichts zu tun. Was Aussiedlung genannt wurde, bedeute die Ausplünderung und die Vertreibung der ungarischen Schwaben.“ Außerdem brandmarkte er das Prinzip der Kollektivschuld, das diesem Raubzug zugrunde lag: „Es ist der traurige gemeinsame Nenner des National- und des internationalen Sozialismus, dass sie beide auf Grundlage des Prinzips der Kollektivschuld ganze Völker in Viehwaggons trieben.“

Für das den Ungarndeutschen zugefügte Unrecht entschuldigen, musste sich Orbán nicht mehr. Darüber ist das neue Ungarn schon lange hinweg. Seit der Wende kamen Spitzenvertretern von Parlament und Regierung diesbezügliche Worte der Entschuldigung schon mehrfach und leicht über die Lippen. So häufig und so selbstverständlich, dass es Orbán jetzt zu Recht als überflüssig erschienen sein könnte, sich auch noch in die lange Reihe der „Entschuldiger“ zu stellen. Stattdessen äußerte er sich in seiner Rede mehrfach sehr anerkennend über die Leistungen der Deutschen für Ungarn – in der Vergangenheit und Gegenwart, und das war sicher ein Sinn dieser Übung und schwebte zwischen diesen Zeilen: Hoffentlich auch noch in der Zukunft!

An anderer Stelle befand er: „Wir Ungarn haben von den schwäbischen Menschen gelernt, dass die fleißige Arbeit der einzig mögliche Weg zum Erreichen ehrlichen Wohlstandes ist.“ Dieses Kompliment ging durch die Wahl des Wortes „schwäbisch“ (ungarisch: sváb, so werden in Ungarn umgangssprachlich die klassischen Ungarndeutschen genannt) zwar scheinbar an diese, mit Blick auf das Publikum hatte er dabei aber sicher auch die, in den vergangenen Jahrzehnten nach Ungarn gekommenen Deutschen im Sinn. Schon mehrfach äußerte er sich bei deutschen Firmenveranstaltungen ähnlich anerkennend über Deutsche und deren Arbeitsethik.

Einmal mehr brachten Orbán, und am Vormittag schon sein deutsch-affiner HR-Minister Balog zum Ausdruck, wie willkommen und geschätzt Deutsche in Ungarn sind. Schön, dass das nicht nur Worte sind. Jeder Deutsche, der in Ungarn lebt, kann dies bestätigen. Ungarn und vor allem „die“ Ungarn machen es einem sehr leicht, sich in diesem Land rasch sehr wohl zu fühlen. So wohl, dass für immer mehr deutsche Expats ein zunächst befristeter Aufenthalt für eine vor Ort tätige Organisation über Vertragsverlängerungen schließlich in ein unbefristetes Hiersein mündet, sie also quasi zu Neu-Ungarn-Deutschen werden. Einige erwerben sogar die ungarische Staatsbürgerschaft.

Warum auch nicht! Immerhin ist Ungarn eines der wenigen europäischen Länder, in dem man sich als Deutscher wie ein Fisch im Wasser oder besser: wie in einer zweiten Heimat fühlen kann. Keine Ressentiments, keine versteckten Spitzen, kein vermintes Gelände und keine scheelen Blicke. Nichts dergleichen! Auf dieser festen positiven Basis bewegen sich auch die Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn, und entstand das diplomatische Meisterstück der 1989er Grenzöffnung für nach Ungarn geflüchtete Ostdeutsche. Sicher werden sich auch die gegenwärtigen Unstimmigkeiten zwischen den Regierungen der beiden Länder in der Flüchtlingsfrage früher oder später lösen und wird das partielle Gegeneinander bald auch hier wieder dem für deutsch-ungarische Beziehungen typischen konstruktiven und respektvollen Miteinander Platz machen.

Vor dem Hintergrund des heiteren deutschungarischen Himmels scheint es heute unvorstellbar, welches Leid man sich einmal gegenseitig zufügen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so etwas auch nur ansatzweise noch einmal wiederholt, scheint heute bei Null zu liegen. Damit das auch garantiert so bleibt, ist es aber sicher nicht verkehrt, sich regelmäßig gemeinsam, nicht nur an das deutsch-ungarische Jubeljahr ’89, sondern auch das dunkle Kapitel der Vertreibung zu erinnern.

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