Die Zeit um die Wintersonnenwende war immer schon eine besondere Zeit. Alle Kulturen haben sie wohl auf irgendeine Weise feierlich begangen. In Skandinavien beim Julfest und im römischen Reich mit den Saturnalien (einem Fest zu Ehren des Gottes Saturn) und später wurde die Geburt des Sonnengottes Mithras am 25. Dezember gefeiert. Als das Christentum sich auszubreiten begann, war das Weihnachtsfest zunächst gar nicht so wichtig. Tod und Auferstehung des Messias an Ostern waren sehr viel bedeutsamer als seine Geburt. So erklären sich die unterschiedlichen Traditionen über den genauen Geburtstermin, die ab dem 4. Jahrhundert entstanden. Da die ältesten Zeugnisse über den Dezembertermin allerdings aus dem Nahen Osten kommen, ist die verbreitete Meinung, christliche Missionare hätten einfach nordische Julfeste umgewidmet, um die Germanen zu überzeugen, wohl nicht zutreffend. Aber sie knüpften zweifellos an vorhandene Traditionen an und über die Jahrhunderte überformte der christliche Glaube die alten Bräuche.

Weihnachten zwischen den Fronten

Nachdem die Spannungen zwischen Christentum und den alten Religionen im Mittelalter zu einer fruchtbaren Symbiose gefunden hatten, entbrannte innerhalb des Christentums der Streit zwischen Katholiken und Protestanten. Weil das Ringen um die konfessionelle Oberhoheit nie nur ein Streit der Lehre, sondern viel mehr ein Streit um die Herzen der Menschen war, wurde auch das Weihnachtsfest in diese Auseinandersetzungen hineingezogen. So

galten viele Bräuche bis weit ins 20. Jahrhundert hinein entweder als katholisch oder evangelisch und wurden deshalb von den jeweils anderen abgelehnt. Einige Beispiele:

Christkind: Evangelisch. Es wurde von Martin Luther als Weihnachtsfigur erfunden, die statt des Heiligen Nikolaus die Weihnachtsgeschenke bringt. Die Protestanten lehnten nämlich die katholische Heiligenverehrung ab. Geschenke wollten ihre Kinder aber trotzdem. Sie ihnen zu verweigern, wagten die protestantischen Missionare nicht.

Krippe und Krippenspiele: Katholisch. Die erste Krippe hatte immerhin der Heilige Franziskus von Assisi erfunden, als er erstmals im Jahr 1223 anstelle einer Predigt mit lebenden Tieren und Menschen das Weihnachtsgeschehen nachstellte.

Weihnachtsbaum: Eher evangelisch. Nachdem sich aus der mittelalterlichen Tradition heraus zunächst öffentliche Weihnachtsbäume entwickelt hatten, setzte um 1800 die Mode ein, sich einen Tannenbaum ins Wohnzimmer zu holen – und zwar vor allem in protestantischen Familien. Für Katholiken war die Krippe das wichtigste Weihnachtsrequisit.

Adventskranz: Evangelisch. 1839 ließ der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern in seinem Hamburger Waisenhaus erstmals ein großes hölzernes Rad mit 23 Kerzen aufhängen – 19 kleine rote für die Werktage bis Weihnachten, vier dicke weiße für die Sonntage.

Weihnachtslieder: Sowohl als auch. Die ältesten Weihnachtslieder im westlichen Kulturkreis waren lateinische Hymnen, die in der Messe und im Stundengebet der Mönche gesungen wurden. Das Singen von Weihnachtsliedern im Gemeindegottesdienst erhielt allerdings deutliche Impulse durch Martin Luther, der – gemäß seinem reformatorischen Gedanken, die Messe in deutscher Sprache abzuhalten – eine Reihe von Weihnachtsliedern in deutscher Sprache schuf. In den darauffolgenden Jahrhunderten gab es einen regelrechten Wettstreit um die besseren Weihnachtslieder. Das Ergebnis: ein knappes Unentschieden.

Katholisch: Es ist ein Ros entsprungen (1599), Zu Bethlehem geboren (1637), Adeste fideles/O kommet ihr Hirten (1790), Ihr Kinderlein kommet (1798), Stille Nacht (1818)

Evangelisch: Vom Himmel hoch (1535), Kommet ihr Hirten (1605), Ich steh an deiner Krippe hier (1656), O du fröhliche (1816)


Die Weihnachtslieder sind ein gutes Beispiel, wie nicht nur Grenzen gezogen, sondern immer wieder überbrückt wurden. Denn meistens blieb eine schöne Tradition doch nicht allzu lange Zeit auf eine Konfession beschränkt. Der gegenseitige Austausch von Weihnachtstraditionen ist die früheste Form des ökumenischen Dialoges. Heute Feiern die evangelischen und katholischen deutschsprachigen Gemeinden in Budapest gemeinsam einen Weihnachtsgottesdienst mit Krippenspiel für die Kinder.

Der Kampf geht weiter

Doch der Kampf um das Weihnachtsfest findet sich heute an anderen Fronten: Statt der Religion prägt immer stärker der Kommerz das Weihnachtsfest. Symbol dafür ist die Figur des Weihnachtsmanns geworden, der allerdings entgegen dem verbreiteten Mythos nicht von Coca Cola erfunden wurde (die Brausefirma gab ihm lediglich seine heutige Gestalt). Der Weihnachtsmann steht für ein Fest, das eigentlich keinen Inhalt mehr hat. Es ist Familienfeier, Jahresabschluss, eine große Konsumparty. Zumindest den tiefen Ernst früherer Zeiten, der in vielen Liedern noch nachhallt, scheint es verloren zu haben. Vor einigen Tagen hat Papst Franziskus die Oberflächlichkeit kritisiert, die Weihnachten stattdessen prägt: „Es wird Lichter geben, es wird Feste geben, glänzende Bäume, alles wird geschmückt sein.“ Doch angesichts der vielen Kriege in der Welt sei das eine Scharade, ein Affenzirkus. „Was wird bleiben?“, fragte der Papst weiter. „Ruinen, Tausende Kinder ohne Bildung, so viele unschuldige Opfer und viel Geld in den Taschen der Waffenhändler.“ Die Welt habe „den Weg des Friedens“ nicht verstanden, den Weihnachten weisen wolle, schloss der Papst.
Der Kampf um Weihnachten – er ist noch nicht vorbei.


Weihnachtsgottesdienste der deutschen Gemeinden:

Ev. Gemeinde
Táncsics Mihály u. 28. 1014 Budapest
Kath. Gemeinde St. Elisabeth
Fö utca 43, 1011 Budapest
24.12. 15:00 Uhr: Ökumenischer Familiengottesdienst mit Krippenspiel (Kath. Gemeinde)
18:00 Uhr: Christvesper 18:00 Uhr: Weihnachtsgottesdienst
25.12. 10:00 Uhr: Weihnachtsgottesdienst mit Abendmahl 10:15 Uhr: Weihnachts-Hochamt
Konversation

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