In dieser Ausgabe von Mein Bud­apest sprachen wir mit Dr. Heini Lehtonen, Lektorin am Finnougri­schen Institut der Eötvös-Loránd-Uni­versität, die vor anderthalb Jahren aus Helsinki nach Budapest kam.

Wir treffen uns im Café „Fekete“ in der Nähe des Astoria-Hotels. Lehto­nen hat als Erkennungszeichen eine Tasche der weltbekannten finnischen Designmarke „Marimekko“ mitge­bracht. Gleich gegenüber des Múzeum körut liegt der geisteswissenschaftliche Campus der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE), der auch den finnougrischen Lehrstuhl beherbergt.

Seit eineinhalb Jahren lebt Lehtonen in Budapest, doch der Stadt fühlt sie sich schon seit ihrer Studienzeit ver­bunden. Von 1998 bis 2004 studierte Lehtonen Finnische Philologie und Fin­nougristik an der Universität Helsinki. Das erste Mal kam sie für die Sommeruniversität in Debrecen nach Ungarn, im Jahr 2002 studierte sie dann als Austauschstudentin in der Hauptsadt.

„Bereits damals habe ich mich in die Stadt verliebt“, erzählt sie. Somit entschloss sie, möglichst noch einmal zurückzukehren. Die Chance bot ihr schließlich das Zentrum für internationale Mobilität und Zusammenarbeit (CIMO), eine Organisation, die unter anderem Studenten und Wissenschaft­lern Auslandsaufenthalte ermöglicht. Die über CIMO ermittelte Lektoren­stelle an der ELTE war für Lehtonen die ideale Möglichkeit, noch einmal nach Budapest zu kommen.

Hier leitet sie Finnischkurse für die Studenten der ELTE, an der man Fin­nougristik im Master als Hauptfach so­wie im Bachelor als Nebenfach studie­ren kann. Etwa fünf Masterstudenten gibt es pro Jahr, im Bachelor sind die Studentenzahlen im unteren zweistelli­gen Bereich.

Sprache und Musik

„Ich mag es unglaublich, zu unter­richten“, schwärmt Lehtonen. „Es ist eine sehr vielseitige Arbeit. Man kommt mit vielen Menschen in Berührung, und man sieht sehr schnell das Ergebnis der eigenen Arbeit.“ Vor ihrer jetzigen Arbeit hat sie schon Finnischkurse für Einwanderer im finnischen Espoo ge­leitet – die zwei Schülergruppen haben ihre Unterschiede. „Die Studenten sind sehr motiviert“, berichtet Lehtonen. „ Wenn man sich schon entscheidet, ein Fach wie Finnisch zu studieren, ist man auch mit Begeisterung dabei. Mit den Masterstudenten, die schon vier, fünf Jahre studiert haben, kann ich im Unterricht auch über gesellschaftliche Themen diskutieren.“

Die Einwanderer, die den Finnisch­kurs an der Volkshochschule besuch­ten, kamen aus den verschiedensten Ländern und hatten eventuell nie eine Schule besucht. „Es ging eher darum, ihnen die Sprache für den Alltagsge­brauch beizubringen, nicht um linguis­tische Theorie“, erklärt Lehtonen.

Ihre zweite Passion neben der Spra­che ist die Musik: Schon seit 20 Jahren singt sie traditionelle finnische Volks­lieder. Im Oktober trat sie auf dem finnougrischen Kulturfestival in der westungarischen Kleinstadt Zirc auf, an der ELTE bietet sie Kurse im finni­schen Volksgesang an.

Auch sonst ist sie bemüht, ihren Stu­denten die finnische Kultur nahezu­bringen. Gerade organisieren sie einen Finnischen Abend, bei dem sie Musik und Kultur des Landes präsentieren werden.

Gute Seiten: Lehntonen freut sich, dass die Ungarn im Vergleich zu den Finnen sehr offen sind.
Gute Seiten: Lehntonen freut sich, dass die Ungarn im Vergleich zu den Finnen sehr offen sind.
Photographers: Halász Nóra (BZT)

Faszination Mehrsprachigkeit

Heute wachsen immer mehr Menschen in Europa ganz natürlich mit vielen ver­schiedenen Sprachen auf – ein Thema, das die 36-Jährige fasziniert. Für ihre Doktorarbeit untersuchte sie den Sprach­gebrauch von Helsinkier Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dafür ver­brachte sie ein Jahr an einer Mittelstu­fenschule in Helsinki, an der sehr viele Kinder von Einwanderern lernen. Sie saß mit den Schülern, deren Eltern etwa aus Russland, Estland oder Somalia stamm­ten, im Unterricht und führte Interviews, um herausfinden, wie sie die verschiede­nen Sprachen benutzen

Lehtonen lebt hier mit ihrem Worm­ser Ehemann, der unter der Woche in Deutschland arbeitet. Auch ihre fünf­jährige Tochter hat so die Mehrspra­chigkeit in die Wiege gelegt bekommen, wächst mit Finnisch und Deutsch auf und geht in den deutschen Kindergar­ten. „Unser Kindermädchen hat gerade erzählt, dass sie angefangen hat, auch ein bisschen Ungarisch zu reden“, freut sich die Sprachwissenschaftlerin.

Auf die Beziehung zwischen Finnisch und Ungarisch angesprochen, sieht sie in der Praxis nur wenige Gemeinsamkei­ten. „Es gibt natürlich diese sprachwis­senschaftliche Verwandtschaft, aber die Sprachen haben sich vor 2.000 Jahren getrennt“. Nur einige ähnliche Wörter haben sich erhalten, so etwa der Begriff für Blut – „vér“ im Ungarischen, „veri“ im Finnischen. Auch zwischen den bei­den Kulturen sieht Lehtonen mehr Un­terschiede als Gemeinsamkeiten. „Ich mag die ungarische Mentalität“, sagt sie. „Die Ungarn sind im Vergleich zu Finnen sehr direkt. Wenn sie andere Menschen gut kennen, sind sie sehr of­fen zu ihnen. “ Das habe aber auch eine Schattenseite: „In Finnland hat sich die amerikanische Servicementalität ver­breitet, dagegen wirkt der Kundenser­vice in Ungarn oft sehr ruppig“, findet Lehtonen.

Ihrer Begeisterung für die Stadt tut dies aber keinen Abbruch. „Ich liebe Budapest“, schwärmt sie. „Ich habe immer das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn ich wieder hier bin.“ Sie genießt vor allem das reichhalti­ge kulturelle Angebot wie die vielen Konzerte im Bereich der Weltmusik. Auch die typischen Cafés und Bars, in die man sich zu einem Stück Kuchen oder einem Glas Wein setzen kann, machen die Hauptstadt für Lehtonen aus. Lachend gesteht sie: „Ich bin eine Naschkatze.“

Ihr Aufenthalt in Budapest ist aber nur eine Zwischenstation. Ihre Lekto­renstelle kann sie höchstens auf fünf Jahre verlängern. So muss sie sich darauf einstellen, die Stadt eventuell in einigen Jahren verlassen zu müssen – wahrscheinlich wieder in Richtung Helsinki.

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