Es gab Zeiten, da traten Premier Viktor Orbán und sein Wirtschaftslenker György Matolcsy fast im Quartalstakt mit imposanten Plänen zur Schaffung von Arbeitsplätzen an die Öffentlichkeit. Zumeist trugen sie die Namen von prominenten Ungarn und beinhalteten imposante Zahlen. Ein durchschlagender Erfolg war ihnen bisher jedoch noch nicht beschieden. In ihrem diesen Montag vorgestellten vorerst letzten Plan bescheiden sie sich jetzt hingegen lediglich mit dem Schutz vorhandener Arbeitsplätze. Obwohl die Opposition angesichts der bisher wenig erfolgreichen Arbeitsplatzschaffungsmaßnahmen mit bissigen Bemerkungen nicht geizte, nahm sie den jüngsten Aktionsplan der Regierung eher wohlwollend auf.
Mit dem Maßnahmenpaket soll speziell die Attraktivität von solchen Arbeitnehmern erhöht werden, die von möglichen Entlassungen besonders bedroht sind beziehungsweise für die eine Rückkehr auf den Arbeitsmarkt besonders schwer ist. So möchte die Regierung etwa bei Arbeitnehmern unter 25 Jahren und über 55 Jahren sowie bei allen Arbeitnehmern ohne Fachausbildung den Arbeitgeberanteil bei den Sozialversicherungen auf die Hälfte reduzieren. Außerdem soll bei Langzeitarbeitslosen und bei Müttern, die aus dem Mutterschutzurlaub zurückkehren, der Arbeitgeberanteil in den ersten beiden Jahren nach der Wiedereinstellung komplett gestrichen und ab dem dritten Jahr auf die Hälfte des gegenwärtigen Niveaus gesenkt werden.
Zu den gefährdeten Spezies der freien Wirtschaft zählt die Regierung auch selbständige Unternehmer sowie Klein- und Mikrounternehmen. Daher sollen auch ihnen einige Erleichterungen gewährt werden. So sollen etwa selbständige Unternehmer und Unternehmen mit einem Jahresumsatz von höchstens 6 Millionen Forint eine einfachere Form der Steuerzahlung wählen können. Gemäß den Vorstellungen der Regierung müssten sie dann statt der Körperschaftssteuer, der persönlichen Einkommensteuer und den Sozialabgaben nur noch eine einzige Steuer an den Staat entrichten. Bei Vollzeitunternehmern würde diese bei monatlich 50.000 und bei Teilzeit-Unternehmern bei 25.000 Forint betragen. Außerdem sollen ihre administrativen Lasten durch Vereinfachungen bei der Buchhaltung gesenkt werden.
Bei Kleinunternehmen will die Regierung hingegen eine spezielle Kleinunternehmersteuer einführen. Diese neue Steuer soll die Körperschaftssteuer, die nach dem Gewinn zu entrichtende persönliche Einkommensteuer (es geht hier also um die 10-prozentige Steuerbelastung von Einzelunternehmen; die auf ausgeschüttete Dividenden zu entrichtenden 16 Prozent sind davon nicht berührt), die Ausbildungsabgabe und die nach der entnommenen Dividende zu entrichtenden Gesundheitsabgaben. Steuergrundlage für die neue Steuer ist die Summe des Gewinns und der Lohnkosten der Beschäftigten des Unternehmens. Die neue Steuer hat eine Höhe von 16 Prozent und würde nach den Worten von Orbán rund 300.000 Unternehmen mit etwa 800.000 Beschäftigten betreffen.
Freuen können sich aber bald auch etwas größere Unternehmen, nämlich alle mit einem Jahresumsatz von bis zu 500.000 Euro (sic!), was nach aktuellem Wechselkurs knapp 150 Millionen Forint entspricht. So müssten sie nach Inkrafttreten der Steueränderungen dem Staat erst dann den Mehrwertsteueranteil von gestellten Rechnungen entrichten, wenn der Kunde den Rechnungsbetrag bereits überwiesen hat. Insbesondere bei einer immer länger werdenden Zeitspanne zwischen Fakturierung und Zahlungseingang sowie einer seit Anfang Januar auf Rekordniveau befindlichen Mehrwertsteuer von 27 Prozent, verbirgt sich hinter dieser Maßnahme eine deutliche Entlastung des Cashflows von Firmen.
Auch von weiteren zwei Punkten des Aktionsplanes sollen alle Firmen etwas haben. So will die Regierung eine Regelung erarbeiten, wonach bei der Beurteilung der Eigenkapitalausstattung von Firmen solche Kapitalverluste besonders beurteilt werden, die sich in den Jahren 2012 und 2013 durch eine Verschlechterung des Devisenkurses ergeben hätten. Sollte das Eigenkapital einer Firma dadurch unter die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Grenze gesunken sein, so müssten die Gesellschafter nicht sofort entsprechendes frisches Kapital nachschießen.
Ebenfalls für alle Firmen interessant ist auch die Absicht der Regierung, die Limitierung der Höhe des in der Firmenkasse befindlichen Bargelds zu streichen. Zwar hätte die Regierung nach den Worten von Orbán den gestatteten Höchstwert in der Vergangenheit schon spürbar erhöht, allerdings gäbe es hier immer noch einen zu großen administrativen Aufwand für die Firmen. Hintergrund dieses angekündigten Schritts ist die insbesondere bei kleineren ungarischen Firmen verbreitete Praxis über fiktiv aufgeblähte Firmenkassen reales Schwarzgeld zu erzeugen, mit dem dann etwa Mitarbeiter schwarz, das heißt unter den derzeitigen Rahmenbedingungen deutlich preiswerter bezahlt werden können. Ähnlich wie bei der Teillegalisierung der Schmiergelder im Gesundheitswesen (siehe Artikel auf der Seite 5) macht die Orbán-Regierung also auch hier einen großen Schritt in Richtung ungarische Wirklichkeit.
Die Kosten für die genannten Steuererleichterungen beziffert Orbán mit etwa 300 Milliarden Forint. Davon sollen jeweils etwa 100 Milliarden Forint aus der Besteuerung von Transaktionen der Ungarischen Nationalbank und der ungarischen Staatskasse (államkincstár) bestritten werden – also praktisch linke Tasche rein, rechte Tasche raus. Genaueres würde sich allerdings ergeben, wenn die Transaktionssteuer in ihrer endgültigen Form vorliege, unterstrich Orbán. Weitere 100 Milliarden Forint sollen auf Kosten der Budgetreserve gehen. Für die Bereitstellung der Finanzdecke sprach Orbán bei seiner Rede seinem Wirtschaftsminister, der Fidesz-KDNP-Fraktion und dem Wirtschaftsausschuss seinen Dank aus. Auf die Nachfrage eines Abgeordneten teilte er mit, dass es seiner Meinung nach keine Hindernisse gäbe, die Änderungsvorschläge bis zum 9. oder 12. Juli dem Parlament zu präsentieren. Nach einer anschließenden Diskussion könnte dann das Parlament Anfang Herbst über die endgültigen Gesetzesänderungen abstimmen.
Von Seiten der Opposition wurden die neuen Vorstellungen der Regierung eher wohlwollend, wenn auch nicht ohne eine gewisse Skepsis aufgenommen. „Die Vorstellungen des Ministerpräsidenten kann man nicht einfach vom Tisch wischen“, befand etwa MSZP-Chef Attila Mesterházy. Das Ziel des Aktionsplans sei gut. „Wenn jedoch die Konjunktur nicht anspringt, wird es keine neuen Arbeitsplätze geben.“ Jobbik-Chef Gábor Vona unterstrich, dass seine Partei alle Maßnahmen unterstütze, die notleidenden gesellschaftlichen Gruppen helfe. Bei dem aktuellen Plan ginge es seiner Meinung nach aber vor allem darum, dass die Regierung die Fehler ihrer schlechten Wirtschaftspolitik korrigiere. In diese Richtung ging auch ein Kommentar der LMP, deren Fraktionsvorsitzender Benedek Jávor in dem Aktionsplan ein offenes Eingeständnis des Scheiterns der Wirtschaftspolitik der letzten zwei Jahre sehe. In der jetzt vorgestellten vereinfachten Steuer für Kleinunternehmer sieht Jávor eine Wiederkehr des Eva-Systems. (Durch Erhöhungen der steuerlichen Belastung der Eva-Zahler, hatte die Regierung diesem System in den letzten zwei Jahren systematisch praktisch die Existenzberechtigung entzogen.)
Distanziert positiv wurde der Aktionsplan auch von Expertenseite aufgenommen. So stimmte etwa der ehemalige Finanzminister der Horn-Regierung, László Békesi, mit den im Plan genannten Zielstellungen im Wesentlichen überein. Auch er finde, dass die steuerliche Belastung der Arbeit vermindert werden müsse. Allerding meldete er Zweifel an, ob es dadurch zu mehr Investitionen kommen werde. „Nur dadurch, dass die Arbeitskraft billiger sei, würden nicht mehr Arbeitsplätze entstehen“, so Békesi gegenüber der linksliberalen Tageszeitung Népszabadság. Für den Ökonomen Péter Rónai sei der Plan hingegen Ausdruck des Dilettantismus der Regierung. Es ginge nur darum, die Wunden, die die verfehlte Wirtschaftspolitik der Regierung geschlagen hat, einer symptomatischen Behandlung zu unterziehen.
Außerdem wies Rónai darauf hin, dass die Finanzierung des Plans keinesfalls gesichert sei. Besonders kritisch sehe er den Teil, der eine Besteuerung der Nationalbank vorsehe. Abgesehen davon, dass es sich hierbei nur um fiktive Einnahmen handle, da sich der Staat im Prinzip selber besteuere, könnte dieser Schritt die bevorstehende Aufnahme der Verhandlungen mit dem IWF gefährden. Der Analyst der Ersten Bank, Zoltán Árokszállási, würdigte in der regierungsnahen konservativen Tageszei-tung Magyar Nemzet insbesondere die hohe Treffergenauigkeit des Plans, mit dem die Lage insbesondere von solchen Arbeitnehmern verbessert werde, die keinen leichten Stand auf dem Arbeitsmarkt hätten. Allerdings wies auch er auf die Schwachpunkte bei der Finanzierung des Plans hin.




