
Angesichts leerer Geldbeutel wird in Ungarn weniger gegessen. Für eine wirklich gesunde Ernährung müsste der Fettbedarf allerdings um weitere 60% (!) gesenkt werden.
… tut vielleicht aber auch ganz gut, denn wenigstens im statistischen Mittel betrachtet haben die Magyaren ihre Energiezufuhr in den letzten fünf Jahren den international anerkannten Richtwerten für eine gesunde Ernährung angenähert. In Wirklichkeit steht den Übergewichtigen der Wohlstandsgesellschaft jedoch ein wachsendes Heer an hungrigen Menschen gegenüber – Hilfsorganisationen gehen von mindestens zweihunderttausend unterernährten Kindern aus.
Statistisch gesehen verbrauchte der Durchschnittsungar 2010 knapp 638 kg an Lebensmitteln, während es zur Jahrtausendwende noch mehr als 700 kg und selbst im Wendejahr 1990 gut 674 kg waren, fasste das Zentralamt für Statistik (KSH) zusammen. Selbst in den 90er Jahren, die einen relativen Zuwachs des Wohlstands brachten, hatte der Verbrauch an Fleisch- und Milchprodukten, an Mehl und Zucker nicht zugenommen; einziger Gewinner waren zu jener Zeit Obst und Gemüse. Im letzten Jahrzehnt fiel der Fleischverbrauch dann dramatisch zurück, so dass sich ein Durchschnittsbürger heutzutage noch 25 kg Schweinefleisch (1990: 39 kg), 25 kg Geflügel (2000: 34 kg) und 2,5 kg Rindfleisch (1990: 6,5 kg) einverleibt. Der physiologisch besonders begrüßenswerte Fischverzehr nahm jedoch von 2,7 kg (1990) um rund ein Kilogramm zu. Ein eindeutiges Indiz für die These einer gesünderen Ernährung ist die fortschreitende Ablösung tierischer durch pflanzliche Fette in den ungarischen Küchen. Insgesamt nahm der Fettbedarf seit der Wende um fünf Kilo auf 35,5 kg ab, der Einsatz tierischer Fette aber sogar annähernd auf die Hälfte (von 27 auf 14,5 kg).
Dieses Umdenken hat gewiss Anteil daran, dass die tägliche Energiezufuhr im Jahre 2010 nur noch 12.750 kJ erreichte, nachdem sie sich im Mittel der vorangegangenen fünf Jahre immerhin auf 13.500 kJ belief. Das liegt freilich noch immer ein Sechstel über den Richtwerten für Erwachsene mit gewöhnlicher körperlicher Beanspruchung. Im Grunde genommen erweist sich einzig die Aufnahme von Kohlenhydraten (360 g pro Tag) als optimal, Eiweiße müssten die Ungarn ein Fünftel weniger konsumieren und den Fettbedarf um weitere 60% (!) reduzieren.
Positiv hebt der Bericht des KSH den stagnierenden Verbrauch an Milchprodukten hervor, deren Anteil am insgesamt sinkenden Lebensmittelkonsum demzufolge kontinuierlich zunimmt. Neben dem erstarkten Importpreiswettbewerb hängt das vermutlich auch mit jener Maßnahme zusammen, die den Mehrwertsteuersatz für Milchprodukte vor drei Jahren auf 18% senkte. Wie viel Obst und Gemüse verspeist wird, hängt eher mit den Ernteerträgen und der davon abhängigen Preisgestaltung zusammen, weshalb der Mittelwert von 200 kg großen Schwankungen ausgesetzt ist. Eine direkte Folge der Krise aber dürfte sein, dass die Nachfrage nach Südfrüchten seit 2007 um ein gutes Drittel auf 11 kg zurückfiel.
Ungarn ist immer weniger ein Weinland: Der Weinkonsum pro Kopf der Bevölkerung stieg seit der Jahrtausendwende zunächst bis auf 33 Liter (2005) an, bevor dieser fünf Jahre später um rund zehn Liter abgestürzt war. Derweil tranken die Magyaren, die zu sozialistischen Zeiten mühelos mehr als 100 Liter Bier im Jahr verkonsumiert hatten, im Schnitt der jüngsten Jahre kaum noch 70 Liter. Ihren Bedarf an Pálinka beschränkten sie dagegen nur um ein Zehntel auf 3,1 Liter (umgerechnet auf reinen Alkohol), weshalb innerhalb eines zum Glück sinkenden Alkoholkonsums einzig der Anteil an Hochprozentigem zunahm.




