
„Wir gehören zusammen”: Auch in ungarischen Schulen wurde am letzten Montag der Vertrag von Trianon in Erinnerung gerufen.
Am vergangenen Montag wurde in Ungarn des 92. Jahrestages der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Trianon gedacht. 2010 wurde der 4. Juni vom Parlament zum Tag der „nationalen Zusammengehörigkeit“ erklärt. Gleichwohl nahmen die größte Oppositionspartei, die Sozialisten (MSZP), und die von Ex-Premier Ferenc Gyurcsány (2004-2009) angeführte linksliberale Partei Demokratische Koalition (DK) nicht an der parlamentarischen Gedenksitzung teil. Staatsoberhaupt János Áder rief seine Landsleute zur Selbstinspektion auf.
In einer Presseerklärung nannte Áder das „Friedensdiktat“ von Trianon „ungerecht“. Er sagte, dass in die Vergangenheit nur ein Weg führe, jener der Erinnerung. Doch führe auch in die Zukunft nur ein Weg, jener des Lebens. Áder erinnerte daran, dass die Geschehnisse am 4. Juni 1920 Millionen von Ungarn unauslöschliche Schmerzen zugefügt hätten. Áder betonte aber auch, dass der Jahrestag für das Ungartum auch eine gute Gelegenheit biete, um in sich zu gehen und sich in Selbstinspektion zu üben. „Sind wir denn immer würdevoll mit anderen Völkern umgegangen? Suchen wir in Zeiten unserer Entzweiung und der inneren Schwierigkeiten nicht in anderen das Böse und den Grund für unsere Misere, sei es um den Preis der Ungerechtigkeit?“, fragte der Staatspräsident provokant. Laut Áder kann die Zusammengehörigkeit nur über die Selbsterkenntnis führen.
Sozialisten und Gyurcsány-Partei boykottieren Gedenksitzung
Die staatlichen Feierlichkeiten zum Gedenken an Trianon wurden im Beisein der höchsten Würdenträger des Landes und der Regierung am Kossuth tér vor dem ungarischen Parlament mit dem Hissen der ungarischen Fahne begonnen. Bei der Gedenksitzung im Parlament waren nur vier Parlamentskräfte anwesend, die Regierungsparteien Fidesz-KDNP, die rechtsradikale Partei Jobbik und die Ökopartei „Eine andere Politik ist möglich“ (LMP). Die MSZP und Gyurcsánys DK boykottierten die Sitzung. Sie begründeten ihr Fernbleiben damit, dass die Regierung unter dem Vorwand von Trianon Nostalgien gegenüber dem Horthy-System in der Zwischenkriegszeit wecke. Die Sprecherin des Fidesz, Gabriella Selmeczi, zeigte keinerlei Verständnis für das Argument der beiden Oppositionsparteien: Diese könnten sich über ihre kleinlichen Parteiinteressen nicht erheben. Außerdem schritten sie auf jenem Weg fort, den sie beim Referendum im Jahr 2004 betreten hätten. (Vor dem Referendum über die Doppelstaatsbürgerschaft der Auslandsungarn im Jahr 2004 machte die sozialistische Regierung unter Ferenc Gyurcsány für ein „Nein“ mobil, womit sie auch Erfolg hatte.) Laut Selmeczi sind die damals verursachten Wunden bei vielen Ungarn im In- und Ausland bis heute nicht verheilt.
Parlamentspräsident László Kövér betonte bei der Gedenksitzung im Parlament, es gebe keine getrennten Angelegenheiten der Auslands- und Mutterlandsungarn, sondern nur „gemeinsame ungarische Angelegenheiten“. Kövér erklärte, dass der Tag der „nationalen Zusammengehörigkeit“ kein Trauertag ob der bitteren Vergangenheit Ungarns sei, sondern ein Feiertag der ungarischen Schicksalsgemeinschaften der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Der 4. Juni verbinde all jene, die sich dem Ungartum zugehörig fühlten und die daran glaubten, dass nur selbstbewusste Ungarn selbstbewusste Europäer sein können.
Der Fraktionsvorsitzende des Fidesz, Antal Rogán, erklärte, dass die „nationale Zusammengehörig-keit“ auch diesseits der Grenzen zum Tragen komme. Deshalb habe es für die Regierungsparteien Priorität, die Juden, Roma, Deutschen und Serben in Ungarn zu beschützen. Péter Harrach, der Fraktionschef des Juniorpartners in der Regierungskoalition, der Christdemokratischen Volkspartei (KDNP), sprach vor allem von der Notwendigkeit der Kooperation. Er betonte, dass die Schmerzen zwar nicht vergingen, dennoch seien die Ungarn fähig dazu, selbstbewusst und zuversichtlich in die Zukunft zu schreiten. In den Augen der rechtsradikalen Partei Jobbik könne der Jahrestag von Trianon kein Feiertag sein. Der Jobbik-Abgeordnete István Szávay sagte, dass der 4. Juni ein „Trauertag“ sei.
Unterscheidung zwischen geographischem und geistigem Ungarn
Nach der Gedenksitzung im Parlament wurde die Erinnerung an Trianon sowohl hierzulande als auch im Kreis der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern Ungarns fortgesetzt. Beim Trianon-Denkmal in der südungarischen Stadt Kaposvár, sagte Parlamentspräsident Kövér, was vom geographischen Ungarn weggenommen worden sei, werde immer Teil des geistigen Ungarns bleiben. „Unsere Heimat wurde zwar zerstückelt, doch mit unseren Seelen konnten sie dies nicht tun“, betonte er. Für ihn, Kövér, sei die Nation eine Schicksalsgemeinschaft, die von Liebe, Anhänglichkeit und Treue zusammengehalten werde. Der für Nationalpolitik zuständige stellvertretende Ministerpräsident Zsolt Semjén sprach im Budapester Haus der Ungarn davon, dass das Überleben des Ungartums zwei Voraussetzungen habe: die rechtliche Vereinigung der Nation und die Stärkung des kulturellen Erbes. Semjén verwies darauf, dass im Rahmen des Regierungsprogramms „Grenzenlos“ 15.000 ungarische Schüler in die von Auslandsungarn bewohnten Gebiete fahren könnten, um die nationale Bande zu stärken.
Städtepartnerschaften
Der Oberbürgermeister von Budapest, István Tarlós, kündigte am Montag in der vorwiegend von Ungarisch sprechenden Széklern bewohnten rumänischen Stadt Odorheiu Secuiesc (ungarisch: Székelyudvarhely; deutsch: Oderhellen) an, eine Städtepartnerschaft zwischen den zwei Städten, sprich Budapest und Odorheiu Secuiesc, zu schaffen. „Zwanzig Jahre lang maß der Oberbürgermeister von Budapest den im Ausland lebenden Ungarn keinerlei Bedeutung zu, das hat sich jetzt geändert“, erklärte Tarlós.
Vor dem Hintergrund der Äußerungen der Regierungspolitiker wird der politischen Rechten wohl sauer aufgestoßen sein, was die Zivilorganisation „Eine Million für die Pressefreiheit“ (Milla) in Sachen Trianon von sich gab. Auf ihrer Facebook-Seite schrieb die Organisation am Montag wie folgt: „Mit dem Zerfall ihres Reiches haben die Briten 99,31% ihres Territoriums und 90% ihrer Bevölkerung verloren. Dennoch flennen sie nicht: ‘Zurück mit Indien, den USA, Australien oder Kanada.“
Obwohl die christlichen Kirchengemeinden von der Regierung aufgerufen worden waren, aus Anlass des Gedenkens an Trianon und des Tages der „nationalen Zusammengehörigkeit“ die Kirchenglocken zu läuten, blieben diese stumm. In einer gemeinsamen Erklärung der römisch-katholischen, reformatorischen und evangelischen Kirchenväter hieß es, dass die Glocken nur bei Kirchenfesten und Heiligen Messen erklängen.
Hintergrund
Nach dem Ersten Weltkrieg endeten die Friedensverhandlungen mit der Entente (Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland, Frankreich und Russland) am 4. Juni 1920 mit dem Vertrag von Trianon, der das Königreich Ungarn auf etwa ein Drittel seines vorherigen Bestandes reduzierte. Das Gebiet Ungarns war von da an nur noch 93.000 Quadratkilometer (statt 322.000) groß, die Einwohnerzahl verringerte sich von 18,3 auf etwa acht Millionen. Dabei kamen rund 3,5 Millionen Ungarn unter fremde Herrschaft. Der Friedens-vertrag von Trianon sah folgende Abtretungen vor: 1) Die Slowakei, die Zips und die Karpato-Ukraine wurden, zusammen mit Gebieten nördlich der Donau, in denen vor allem ethnische Ungarn lebten, der Tschechoslowakei angeschlossen. 2) Ganz Siebenbürgen mit der großen ungarischen Sprachinsel der Székler, dazu das östliche Banat und die Gebiete von Arad, Großwardein (Nagyvárad) und Sathmar (Szatmár) fielen an Rumänien. 3) Kroatien und Slawonien (sie hatten eine Sonderstellung im ungarischen Königreich eingenommen), das slowenisch besiedelte Übermurgebiet, das gemischtsprachige westliche Banat, die Batschka und die Vojvodina kamen zu Jugoslawien. (Ebenso Bosnien und Herzegowina, das seit der Annexion von Österreich und Ungarn gemeinsam verwaltet worden war.) 4) Die Hafenstadt Fiume (Rijeka) wurde von Italien einverleibt. 5) Das Burgenland (damals Deutsch-Westungarn) war mit seiner Hauptstadt Ödenburg (Sopron) laut Friedensvertrag an Österreich abzutreten. Ödenburg wurde indes von ungarischen Freischärlern besetzt gehalten und blieb nach einer vermutlich manipulierten Volksabstimmung im Jahr 1921 ungarisch. Die großen Gebietsverluste wurden vom Regime unter Reichsverweser Miklós Horthy nicht hingenommen. Die ungarische Politik der Zwischenkriegszeit war denn auch vom ständigen Wunsch getragen, das „Diktat“ von Trianon zu revidieren. (Red.)




Ich finde äußerst interessant und sehr diskussionswürdig, was Frau Mária Schmidt in einem Interview in der englischsprachigen Ausgabe im April schrieb (siehe utnen). Nur: warum versucht man nicht auch einmal diese Einsicht auf das Thema Trianon anzuwenden?
“We have enough new challenges that we should not encumber ourselves unnecessarily with the burdens of the past.
Is it then better to forget than to remember?
No, it is not a question of forgetting. We carry the past deep inside us in any case. We need to learn, however, that history has its place in history and not in our current life, particularly when it is a question not of our own lives but the lives of our fathers and grandfathers. It is not healthy for us to keep on experiencing the crimes of the past as our own trauma and own burden, especially as that often leads to over-earnest rituals of being moved. That helps nobody.”