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Nein, nein, niemals!

Für Trianon können wir nur uns selbst die Schuld geben. Um Lehren daraus zu ziehen, müssten wir den Tatsachen endlich ins Auge blicken. Geht es doch darum, zukünftig in ähnlichen Situationen unser nüchternes Urteilsvermögen zu bewahren.

Miklós Stancsay, Obernotar der südslowakischen Orte Banská Štiavnica (ungarisch: Selmecbánya; deutsch: Schemnitz; Anm. d. Red.) und Banská Belá (ungarisch: Béla­bánya; deutsch: Düllen; Anm. d. Red.) schwante nach dem Mord in Sarajewo 1914 und der darauffolgenden Kriegserklärung nichts Gu­tes: „Es wird hier einen solchen Welt­brand geben, aus dem die Monarchie nicht als Sieger hervorgehen kann! Das Ende des Krieges wird für Ungarn schrecklich sein! Während meine Heimaterde, Sie­ben­bürgen, von den Rumänen verschluckt wird, werden die Slawen in der Südslowakei die Macht ergreifen. Und Ungarn wird nur noch so groß sein wie meine Handfläche.“ Stancsay war kein Hellseher, sondern bloß ein denkender Mensch. Wenn ein einfacher Notar die Kon­sequenzen eines Krieges derart klar vor Augen hatte, dann musste wohl auch der ungarische Minister­präsi­dent Graf István Tisza (1913-1917) das schlimmste Szenario ins Kalkül gezogen haben. Gleichwohl stimmte Tisza der Kriegserklärung zu, woraufhin das Land begleitet von Zigeunermusik und mit Sekt in der Hand selbstvergessen in die Katas­trophe marschierte.
Die Konsequenzen der Kriegs­nieder­lage trafen die Bevölkerung unvorbereitet. Die Größe der eroberten und später abgetrennten Landesteile überraschte selbst diejenigen, die wussten, dass wir ohne territoriale Verluste nicht davonkommen. Doch der Mehrheit drang dies nicht ins Bewusstsein. Wohl auch deshalb nicht, weil einige honorige Personen des öffentlichen Lebens vor dem Krieg ernsthaft von einem ungarischen Reich mit 30 Millionen Einwohnern geträumt hatten.
Auch heute ist es ein populärer Stand­punkt, die gesamte Verant­wor­tung für die „nationale Katas­trophe“ Graf Mihály Károlyi in die Schuhe zu schieben, der während des Zerfalls des Landes im An­schluss an die Niederlage, von No­vem­ber 1918 bis März 1919, an der Macht war. Viele vergessen offenbar die Worte von Graf Albert Appo­nyi, dem Leiter der ungarischen Delegation bei den Friedensver­hand­lungen, die dieser als Reaktion auf das Verhandlungsergebnis sagte: „Die Aristokratie hat das Recht zur Führung des Landes verloren“ (…)
Wir müssen endlich verstehen, dass es deshalb zu Trianon gekommen war, weil sich das Land wegen der Politik des halsstarrigen Tisza und des naiven Károlyi in eine Situation des totalen Ausgeliefert­seins manövriert hatte. Das Un­ver­ständnis der Situation manifestiert sich hierzulande nicht zuletzt in jener populären Wortwahl, die dem Abwälzen der Verantwortung für Tria­non dient: „Friedensdiktat“. Für­wahr. Doch könnte es überhaupt etwas anderes sein? Von jeher diktiert am Ende eines Krieges der Sieger die Bedingungen. „Unge-recht“. Sofern in Bezug auf einen Krieg, nach dessen Ende der Sieger über alles entscheidet, überhaupt von Gerechtigkeit gesprochen werden kann. Außerdem: Der Verlierer kann beim Gewinner keinerlei Ansprüche geltend machen, vor allem dann nicht, wenn er den Krieg selbst vom Zaun gebrochen hat.
Doch schauen wir uns einmal an, was umgekehrt passiert wäre: Ende 1915, als die Dinge noch mehr oder minder nach Wunsch liefen, hatte István Tisza auf der Sitzung des gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie keinen Einwand dagegen, dass nach dem Krieg das sogenannte Kong­ress­polen Österreich angeschlossen wird, im Gegenzug forderte er aber Dalmatien und Bosnien für Un­garn. Ungarn und Österreich konnten sich einzig und allein nur darin nicht einigen, was mit Serbien geschehen solle. Soll das Land einverleibt werden, soll es zwischen Un­garn und Bulga­rien aufgeteilt werden oder soll es zu einem Va­sallen-Staat gemacht werden?
Trianon ist von der Nationalitä­ten­frage nicht zu trennen. Das The­ma wurde von Ungarn allerdings nur in kritischen Momenten ernst genommen. Als das Land nichts mehr sonst zu bieten hatte. Zwei Wochen vor der Kapitulation der ungarischen Frei­heitskämpfer bei Világos 1849 wollten die Un­garn die Unterstüt­zung der Slowa­ken, Rumänen und Serben mit einem Nationalitäten­gesetz gewinnen, das zum damaligen Zeitpunkt liberaler nicht sein konnte. Im November 1918, als sich bereits mehrere Verbündete von Ungarn losgesagt hatten, trat Oszkár Jászi mit einem Entwurf auf den Plan, der die Föderalisierung des Landes vorsah. (…)
Der Totengräber des damaligen Ungarn war der Nationalismus. Und wer alles schreit heute ohne nachzudenken „Wir wollen die ungarischen Gebiete zurück!“? Die­je­nigen, die nicht wissen, dass es innerhalb der Grenzen Groß-Un­garns niemals ein unabhängiges Un­garn gab. Die Landesgrenzen innerhalb der Ös­terreichisch-Un­­ga­rischen Mo­nar­chie haben nichts mit den stetig wan­dernden Gren­zen des mittelalterlichen Ungari­schen Kö­nig­tums zu tun.
Und wie steht es hierzulande nun damit, der Wahr­heit endlich einmal ins Auge zu blicken? Ant­wort: Nein, nein, niemals! („Nein, nein, niemals!“, diese geflügelte Parole galt in Un­garn während der Zwi­­­schen­kriegs­zeit als Aus­druck dafür, dass das Land die im Friedens­ver­trag von Trianon festgeschriebenen Grenzen „niemals“ akzeptieren wird; Anm. d. Red.)

Der Autor ist Historiker. Der hier in Auszügen abgedruckte Text erschien am 5. Juni 2012 in der linksliberalen Tageszeitung Népszabadság.

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One Response to “Nein, nein, niemals!”

  1. Ervin says:

    Ein wichtiger Blick über den Tellerrand.

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