Barden haben lange weiße, wallende Bärte und ebensolches Haar, ein ehrwürdiges Aussehen, ein Gesicht, das durch die Erfahrungen der Jahre gezeichnet ist und Weisheit ausstrahlt, tragen weiße oder graue weite Gewänder und einen Kranz auf dem Haupt, brauen geheimnisvolle Mixturen, sammeln spezielle Kräuter und sind auf jeden Fall alt und immer mit einer Sichel oder einer Leier bewaffnet. Ganz wie in den Comic-Heften „Asterix & Obelix“. Oder vielleicht doch nicht?
Der Waliser Barde Twm Morys scheint diesem Bild so gar nicht entsprechen zu wollen. Im Gespräch jedoch fallen die innere Ruhe und Ausgeglichenheit, der angenehme Humor und die Lebenserfahrung, die aus seinen Augen strahlt, auf, die ihm zwar nicht äußerlich, aber auf jeden Fall dem Wesen nach zu einem weisen Mann machen. Nach einer herzlichen Begrüßung und einer zweiten Tasse Kaffee, erzählt Twm dann auch lebhaft vom Werden und Leben eines Barden und den Traditionen und Gebräuchen in Wales.
Ausbildung
Der Ausdruck Barde umreiße eigentlich eine Person, die die Tradition der Poesie, das Reimen und die Vortragsweise der Verse beherrsche, erklärt Twm und ergänzt, dass das Wissen der Barden über 600 Jahre lang zurückverfolgt werden könne. Inzwischen gäbe es Abendschulen, in denen das komplizierte System der Reime unterrichtet werde, dennoch dauere die Ausbildung mindestens sieben Jahre. Er selbst habe Glück gehabt, dass sein ehemaliger Klassenleiter sein Interesse ernst nahm und ihn bereits in jungen Jahren unterrichtete. Danach reiste er viel durch die Welt und ließ sich inspirieren. „Als ich einige Zeit in Freiburg mit meiner Harfe war, traf ich einen deutschen Schäfer in seiner traditionellen Kleidung. Wir sprachen kein Wort, aber er beeindruckte mich sehr“, erzählt der Dichter nachdenklich.
Im Rahmen der Ausbildung gäbe es unterschiedliche Ansätze, erklärt er weiter. Manche würden alles nur aufschreiben und nie vorlesen, er jedoch glaube, dass diese Gedichte auch vorgetragen werden müssten. So dichte er erst im Kopf, ehe er die fertigen Reime zu Papier bringe. Das System und die Melodie würden einem helfen, sich zu erinnern, und obwohl es sehr kompliziert sei und man manchmal das Gefühl habe, man sei gefesselt, gewöhne man sich daran. „Es ist wie Autofahren. Erst ist alles viel zu viel, dann lernt man sein Handwerk und kann so alles darin ausdrücken“.
Durchbruch
Die größte Auszeichnung für einen Barden in Wales sei es, beim jährlichen nationalen Wettbewerb als Gewinner ausgewählt zu werden. Obwohl er bereits ein bekannter und beliebter Dichter gewesen sei, habe ihm der Gewinn des eigens für den Wettbewerbssieger geschnitzten Stuhls 2003 viel bedeutet. „Es ist etwa so, wie den schwarzen Gürtel tragen zu dürfen“, meint er schmunzelnd. Die Verleihung ist eine große Show: Drei Juroren küren in einer Geheimwahl den Sieger. Die Teilnehmer, die während des Wettbewerbs Phantasienamen tragen, müssen zu einem bestimmten Thema ein 150 bis 200 Zeilen langes Gedicht verfassen. Alle anwesenden Barden kleiden sich in druidische Gewänder – die seit dem 18 Jahrhundert als Pflichtkleidung gelten – und tragen einen Blätterkranz. Wird der Gewinner am Ende verkündet, schreitet der Glückliche im Scheinwerferlicht vor Abertausen-den auf die Bühne. Ein wenig touristisch sei das alles schon, so Twm, aber es würde der Sache nicht schaden.
Erstaunlicherweise leiden die Barden nicht an Nachwuchsmangel, und es gibt auch immer mehr Frauen. Anerkennend meint Twm, dass die weiblichen Barden oft viel besser seien als ihre männlichen Kollegen. In der Bretagne und im Baskenland, wo es ebenfalls die Tradition der Barden gibt, ist man noch nicht so fortschrittlich, aber der Trend zur Gleichberechtigung wird sich auch wohl dort nicht aufhalten lassen. Twm erzählt, dass er der Herausgeber eines Magazins sei, das sich mit bardischer Poesie beschäftigt und das zweitbeste in Großbritannien sei. „Unsere Auflage beweißt, dass Poesie bei den Menschen beliebt ist, und doch verschwindet sie immer mehr aus den anderen Medien, insbesondere dem Fernsehen“, sagt er bedauernd.
Ungarn
Leben könne er von seinen Gedichten, die er auch auf Bestellung verfasse, schon längst. Er freue sich aber auch immer, wenn er besondere Aufträge bekomme, etwa die Neuübersetzung der Ballade „Waliser Barden“ von János Arany. Nach der Übersetzung wurde sie vom bekannten Komponisten Karl Jenkins vertont und vergangenes Jahr (die BZ berichtete) auf Englisch in Budapest uraufgeführt. Diesen Juni steigt die Premiere des Stücks auf Ungarisch im Palast der Künste und im August beim jährlichen Bardenfestival in Wales auf Walisisch. Twm ist sich sicher, dass es auch dem Publikum in seiner Heimat gefallen werde.
Zwar entspräche die Ballade nicht den bardischen Versen, der Inhalt dagegen schon. In der Ballade wird eine historische Gegebenheit in Wales geschildert, die allerdings so nie stattgefunden hat. Denn trotz aller Querelen mit König Edward seien niemals in der Geschichte Barden auf Scheiterhaufen verbrannt worden, weiß Twm. Der Barde bewundert Arany, der in der Ballade die Darstellung der Zustände in Ungarn denkbar klug und geschickt in einem anderen historischen Kontext und einem anderen Land verortete und so der Zensur entging. Die Ballade sei dramatisch, sprachgewandt und vielschichtig, und es sei anstrengend gewesen, sie in schöne englische Reime zu übertragen. Schließlich sei es ihm aber doch geglückt. Die musikalische Umsetzung dagegen fiel durch den Balladenrhythmus gewiss um einiges leichter, vermutet Twm.
Er persönlich wünsche sich noch mehr Gedichte von Arany auf Englisch, um noch mehr von diesem erstaunlichen Mann lesen und lernen zu können.
Karl Jenkins – János Arany:
Die Waliser Barden
Palast der Künste
Béla Bartók Konzerthalle
29. Juni, 19.30 Uhr
Eintrittskarten zwischen
2.000 und 5.000 Forint
IX. Komor Marcell utca 1 www.mupa.hu, www.cmi.hu





