Der deutsche Unternehmer Ulrich Bettermann, Inhaber der Bettermann Group, die über die OBO Bettermann Kft. seit 1993 auch in Ungarn erfolgreich vertreten ist, gehört zu den wenigen Unternehmern, die ihre Aufgabe nicht nur darin sehen, ihr Unternehmen bestmöglich zu führen, sondern sich auch aktiv in die Wirtschaftspolitik einmischen. Bestens vernetzt – gut befreundet ist er unter anderem mit dem langjährigen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dem ehemaligen CDU-Fraktionschef und –Wirtschaftsexperten Friedrich Merz und sogar mit dem Förderer der deutschen Wiedervereinigung Michael Gorbatschow – versucht er aus dem Hintergrund, aber auch ganz offen wie etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos, kritikwürdige Dinge anzusprechen und Lösungsalternativen vorzuschlagen. Am Rande einer kürzlichen Ungarnvisite gewährte er der Budapester Zeitung ein ausführliches Interview, in dem es bemerkenswerter Weise nur ganz am Rande um sein Unternehmen ging.
Zu Ihren Bekannten gehört auch der ungarische Premier Viktor Orbán. Was halten Sie von ihm und seiner bisherigen Leistung.
Ich kenne ihn sehr gut. Wir haben regelmäßigen Kontakt miteinander. Prinzipiell unterstütze ich seinen Wirtschaftskurs. Im Ausland, ob nun beim Weltwirtschaftsforum oder in Deutschland, setze ich mich dafür ein, dass man Ungarn sehr differenziert sieht und nicht nach dem Motto, hier wird eine neue Diktatur aufgebaut und fertig. Trotz aller, teilweise umstrittener wirtschaftspolitischer Maßnahmen ist Ungarn noch immer ein attraktiver Standort. Warum investieren denn hier Mercedes und Audi? Auch OBO Bettermann investiert kräftig weiter, allein in diesem Jahr 20 Millionen Euro.
Trotzdem ist der internationale Ruf Ungarns teilweise erheblich angekratzt?
Sie können Ungarn diesbezüglich ein wenig mit der Schweiz vergleichen, die ebenfalls das Opfer einer Kampagne von Seite der EU war und ist. Im Fall der Schweiz ging es um Schwarzgeld. Nur wissen Sie, wo am meisten Geld gewaschen wird? Bei weitem nicht in der Schweiz, sondern in London und in Südostasien. In der Schweiz fast gar nicht mehr. Und was Schwarzgeld betrifft, da sollten die Politiker in Deutschland mal ganz ruhig sein. Nach einer Erhebung des Weltwirtschaftsforums gehen dem deutschen Fiskus jährlich etwa 170 und 210 Milliarden Euro verloren. Ein Großteil der Gelder bei privaten Bauvorhaben wechselt inzwischen ohne Rechnung den Besitzer. Das sind ungarische Verhältnisse! So weit sind wir schon wieder. Wenn es in Deutschland gelänge, den Schwarzgeldsumpf nur annähernd trockenzulegen, dann hätten wir einen ausgeglichenen Haushalt. Das Thema Schwarzwirtschaft wird aber in Deutschland aus unbegreiflichen Gründen totgeschwiegen.
Was müsste am deutschen Steuerwesen geändert werden?
Wir brauchen in Deutschland, aber auch in ganz Europa einheitliche, gerechte und niedrige Steuern. Das würde viele Probleme lösen. Eine Einheitssteuer wie sie Ungarn hat, könnte durchaus ein Schritt in die richtige Richtung sein.
Was halten Sie von Kanzlerin Angela Merkel?
Ich denke, dass sie als Person sehr erfolgreich ist. Ob sie aber die beste Wahl für ihre Partei ist, wage ich zu bezweifeln. Mit Sorge habe ich unter anderem verfolgt, wie viel gute Kräfte in den letzten Jahren der CDU den Rücken gekehrt haben. Es ist fatal, dass wir in einer Situation, wo so viele wirtschaftspolitische Weichen gestellt werden müssen, an den entscheidenden Schaltstellen keinen entsprechenden wirtschaftlichen Sachverstand mehr haben. Die Berater, die sie hat, sind insbesondere in Wirtschaftsfragen zweitklassig. Was hat Frau Merkel nur aus dieser Partei und diesem Land gemacht!
Von welchen Motiven wird sie gelenkt?
Es geht ihr um puren Machterhalt, also vor allem darum, möglichst lange Kanzlerin zu bleiben. Von irgendwelchen höheren Visionen und der Absicht, ihre Machtfülle im Interesse Deutschlands zu gebrauchen, kann ich bei ihr leider wenig feststellen. Wo sind denn die Reformen, die wir in Deutschland und innerhalb der EU dringend brauchen? Es passiert einfach nichts mehr.
Kürzlich wurde ich im Zusammenhang mit den Wahlen in Nordrhein-Westfalen von einer ehemaligen CDU-Ministerin um Spenden gebeten. Da habe ich der Dame, die mich angerufen hatte, gesagt: „Sie glauben doch nicht, dass ich der CDU auch nur einen Euro spende? Dann müsste ich ja auch der SPD sofort einen Euro spenden. Denn worin unterscheidet sich die CDU heutzutage noch von der SPD?“ Die einzige Partei, die derzeit noch ein paar vernünftige wirtschaftspolitische Vorstellungen vertritt, ist die FDP. Das Duo Rössler-Westerwelle ist aber leider auf dem besten Weg, das zu ändern.
Wie sieht Ihr Freund Hans-Dietrich Genscher den Abstieg der FDP?
Bei einem Abendessen beschrieb er mir vor kurzem, was er alles dagegen unternommen hat und wie heftig er den Parteioberen die Leviten gelesen hat. Aber alles ohne Erfolg. Immerhin gibt es bei der FDP in der zweiten und dritten Reihe noch etliche gute Leute. Die müssten nur endlich mal ungeachtet ihrer Jugend den Mund aufmachen und Rückgrat zeigen!
Zurück zur CDU: Wie kann aus ihr wieder eine Partei mit einer vernünftigen wirtschaftspolitischen Linie gemacht werden?
Ohne eine Entfernung von Merkel sehe ich dafür keinen Weg. Wenn sie es intelligent gemacht hätte, dann hätte sie die vielen guten Köpfe in ihrer Nähe behalten. Man denke nur an das bis heute klaffende Loch, das der Weggang von Friedrich Merz gerissen hat. Auch der personelle Aderlass bei der Bundesbank wiegt schwer. Als Bundeskanzlerin hat sie natürlich eine große Macht, zu bestimmen, wer in welche Position kommt. Diese Macht hat sie gründlich missbraucht. Deshalb ist sie auch nur noch von Speichelleckern umgeben. Der Wirtschaftsrat der CDU ist nur noch ein Häufchen Elend. Ein rechter Sozialdemokrat wie Herr Steinmeier ist mir inzwischen lieber als eine linke CDUlerin wie Frau Merkel, die aus der Bundesrepublik irgendetwas wie eine Edel-DDR machen möchte.
Stichwort: Energiepolitik.
Ohne Not diesen Salto Mortale in der Energiepolitik zu vollziehen, ist eine der größten Katastrophen der Amtszeit von Frau Merkel. Nur um Haaresbreite haben wir im Winter in Deutschland Abschaltungen verhindern können, speziell in Süddeutschland. Mit dieser Erfahrung im Rücken sind wir bei unserer Firma jetzt intensiv dabei, für unsere stromrelevanten Produktionen Notstromaggregate zu installieren. Sollte nichts Entscheidendes passieren, dann müssen wir bei einem kalten Winter davon ausgehen, dass es zu Abschaltungen kommt. So weit sind wir in Deutschland gekommen! Im Übrigen hat der Kanzlerin die Rolle rückwärts auch politisch nichts gebracht. Die Grünen sind genauso stark, wenn nicht sogar noch stärker als zuvor.
Hätte das Debakel in der Energiepolitik nicht verhindert werden können?
Wie denn, bei der Wirtschaftskompetenz im Bundestag! Ich sehe das Ende der Demokratie kommen, wenn völlig inkompetente Leute über so hochkomplexe Dinge wie die Energiepolitik oder auch etwa den ESM zu entscheiden haben. Unser Grundproblem lässt sich mit drei Worten beschreiben: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Im Bundestag wie auch in den Landesparlamenten haben wir immer mehr Leute, die noch nie gearbeitet haben. Sie haben keinerlei Vorstellung davon, wie die Wirtschaft funktioniert. Kein Wunder, dass keiner mehr Verantwortung übernehmen will und alle nur versuchen, sich hinter dem Rücken von Fraktionschefs und irgendwelchen dubiosen Beratern zu verstecken. Ich würde gerne einmal wissen, wie viele Abgeordnete sich etwa über die tiefgreifenden Konsequenzen des ESM-Vertrages im Klaren sind. Das katastrophale ist, dass obwohl sie bei weitem nicht über die Tragweite von ESM oder anderen hochkomplexen Dingen im Klaren sind, sie bei Abstimmungen sofort unbekümmert ihre Hand heben, wenn es ihnen gesagt wird. Neben dieser Ausblendung von Sachverstand und kritischem Denken wird jetzt auch noch versucht, die Redezeit von „Abweichlern“ zu beschränken. Über so etwas müsste einmal in Brüssel geredet werden! Aber nein, stattdessen wird sich dort über jede noch so kleine Änderung in Ungarn zerrissen und wird ständig mit dem Finger auf Orbán gezeigt. Ich persönlich mache mir jedenfalls im Moment um die Demokratie in Deutschland viel mehr Sorgen als um die Demokratie in Ungarn. Das gleiche gilt für die Pressefreiheit. Ich kenne etliche Beispiele aus Deutschland, wo die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten worden ist, wo Journalisten von großen deutschen Tageszeitungen mundtot gemacht worden sind, weil sie über bestimmte Dinge zu kritisch berichtet hatten.
Wie könnte der Vernunft in der deutschen Entscheidungsfindung wieder mehr Geltung verschafft werden?
Etwa indem die Divergenz von Verantwortung und Haftung gestoppt wird. Politiker sollten für das, was sie tun, stärker in die Verantwortung genommen werden und für die Konsequenzen ihres Handelns persönlich einstehen. Das würde uns vor manchem neuen Problemen schützen. Wer zieht denn in Deutschland noch die Konsequenzen? Nehmen Sie Herrn Wowereit. Im Zusammenhang mit dem neuen Berliner Flughafen ist er für einen Millionenschaden mit verantwortlich. Das zweite Mal konnte der Eröffnungstermin nicht gehalten werden. Und wo sind die Konsequenzen? Er will als Aufsichtsratsvorsitzender von all den Vorgängen nichts gewusst haben… Ja, wo sind wir denn in Deutschland! Das gleiche gilt bei den Bankern. Es kann doch nicht sein, dass jemand, der hunderte von Millionen versenkt hat, auch noch einen goldenen Handschlag bekommt. Das motiviert doch auf keinen Fall, beim nächsten Mal ein wenig gründlicher nachzudenken, sich stärker seiner Verantwortung bewusst zu sein und auch mal gegen eine Entscheidung zu opponieren oder gegebenenfalls die Organisation zu verlassen. Ich persönlich bin einmal bei der Treuhand als Aufsichtsrat zurückgetreten, weil ich mit meinem Standpunkt, auch in den neuen Bundesländern, die Löhne an die Produktivität zu koppeln, nicht durchgekommen war und sich die Gewerkschaften mit ihrem Standpunkt durchsetzen konnten, die Löhne nach Kriterien der Tarifverträge in den alten Bundesländern zu gestalten. Nur zwei-drei Jahre später mussten die ganzen Tarifverträge wieder geöffnet werden, sonst hätte es eine Explosion der Arbeitslosenzahlen gegeben. Die Löhne sanken daraufhin. Es dauert halt seine Zeit, bis man eine Planwirtschaft auf eine Marktwirtschaft umgestellt hat. Noch heute ist die Produktivität im Osten nicht da, wo sie im Westen ist. Letztendlich hat die Lohnsituation übrigens mit dazu beigetragen, dass OBO Bettermann einige der geplanten Investitionen nicht in den neuen Bundesländern, sondern in Ungarn vorgenommen hat.
Wie wird es in der Eurofrage weitergehen?
Erst einmal brauchen wir eine nüchterne Bestandsaufnahme, einen Kassensturz, um zu sehen, was gut ist und was schlecht, was gerettet werden kann und was nicht. Wer hat sich durch die Hintertür in die Euro-Zone geschlichen und wer nicht. Dazu ist es bisher noch nicht gekommen. Darauf aufbauend müssten wir einen neuen Maastricht-Vertrag aufsetzen, der dann auch verbindlich von allen eingehalten werden muss. Wie sind wir denn in unsere jetzige Situation gekommen? Wer hat denn die wesentlichen Kriterien als erste ignoriert? Frankreich und Deutschland! Und da haben die anderen dann natürlich gedacht, ja wenn die das machen… Auch die ganze EU-Subventionspolitik muss überdacht werden. Hier gab und gibt es viel zu viele Fehlkalkulationen. Bei uns warten wir teils bis zu 30 Jahre auf eine Autobahn, einige Süd-EU-Länder bekommen das dank der geltenden Subventionspolitik in einem Bruchteil der Zeit hin.
Geben Sie dem Euro eine Zukunft?
Der Euro wäre es wert, dass man ihn erhält. Aber man muss die Scheuklappen wegnehmen. Man hat viel zu lange versucht, alles zu kaschieren und die Probleme nicht zur Sprache zu bringen. Den Euro hauptsächlich aus politischen Gründen erhalten zu wollen, davon sollte man absehen. Der Euro muss entweder solide wirtschaftlich unterfüttert sein, oder er wird – wie auch immer – verschwinden.
Und was wird mit Griechenland?
Die Griechen müssen erst einmal wieder eine handlungsfähige Regierung bekommen. Und dann müssen sie sagen, was sie wollen. Wenn sie wirklich die Drachme wollen, dann können wir es nicht verhindern.
Sind Sie als erfolgreicher Unternehmer, der seine finanzielle Unabhängigkeit nutzt, um offen Missstände anzusprechen, eher ein einsamer Rufer in der Wüste, oder haben Sie in Deutschland viele Gleichgesinnte?
Es gibt leider viel zu wenig Leute wie mich. Die meisten, die wie ich etwas erreicht haben und frei reden könnten, tun es nicht oder nur bedingt. Sie ziehen lieber den Schwanz ein und genießen in ihrer Freizeit als Privatier einfach nur die schönen Seiten des Lebens, ohne sich wirtschaftspolitisch einzumischen. Teilweise aus Desinteresse, teilweise aber auch aus Vorsicht. Ihre Sorge ist leider nur zu berechtigt. Ich kenne etliche Fälle von gut situierten Unternehmern, die von einem Verbund aus Medien, Parteien und Gewerkschaften regelrecht fertig gemacht worden sind, weil sie in gewissen Fragen mit einer nicht opportunen Meinung zu deutlich öffentlich Stellung bezogen hatten. Dabei brauchen wir in Deutschland immer dringender Leute, die wirklich sagen, was Sache ist und so die Defizite der Politik wenigstens annähernd ausgleichen.
Wie wird es Ihrer Meinung nach in Deutschland realistisch weitergehen?
Ich kann nur darauf hoffen, dass sowohl in der SPD als auch in der CDU immer mehr Leute merken, dass es so nicht weitergehen kann. Wir brauchen, einen echten „Ruck durch das Land“. Den brauchen wir im Grunde genommen aber auch in ganz Europa.
Wenn Sie wirtschaftspolitischer Berater der Kanzlerin wären, was würde ganz oben auf Ihrer Agenda stehen?
Prinzipiell würde ich ihr raten, den Menschen wieder zuzuhören. Sowohl den Unternehmern, als auch den einfachen Wählern und Arbeitnehmern. Richtschnur des Handels sollte es sein, pragmatisch Gesetze und Rahmenbedingungen zum Wohle aller zu schaffen.
Das unternehmen
Im letzten Jahr konnte die Firma OBO Bettermann ihren 100. Geburtstag feiern. Den heutigen Namensvorsatz erhielt das Familienunternehmen 1952. Die drei Buchstaben stehen für „Ohne Bohren“, womit ein im gleichen Jahr erfundener Metalldübel angepriesen wurde, der ohne Vorbohren in die Wand eingeschlagen werden konnte.
1968 trat der noch heute amtierende geschäftsführende Gesellschafter Ulrich Bettermann als Vertreter der dritten Generation in die Geschäftsführung ein. 1985 zahlte er seine Mitgesellschafter aus und wurde alleiniger Inhaber. Ein Jahr später begann mit der Gründung der schweizerischen Tochtergesellschaft die Auslandsexpansion der Firma. Inzwischen ist das Unternehmen in über 50 Ländern vertreten. Weltweit beschäftigt die Firma etwa 3.000 Mitarbeiter, davon rund 1.000 an ihrem Stammsitz im sauerländischen Menden. Ihr Produktsortiment auf dem Gebiet der Elektro- und Gebäudeinstallationstechnik (unter anderem Verbindungs- und Befestigungs-, Kabeltrag- und Unterflursysteme) umfasst etwa 30.000 Artikel.





