Categorized | Feuilleton

Gespräch mit Stefan Englert, Geschäftsführer des Budapester Festivalorchesters

„Schaut, was Ungarn im Kulturbereich für ein unglaubliches Potenzial hat!“

Seit Anfang des Jahres obliegt dem Deut­schen Stefan Englert (l.) die Ge­schäfts­leitung des besten Orchesters des Landes, des Budapester Festivalor­chesters unter der Leitung von Musikdirektor Iván Fischer (r.). In einem ausführlichen BZ-Interview spricht er über erste Eindrücke, bereits Erreichtes und seine weiteren Pläne. Voller leidenschaftlicher Begeis­terung für sein Orchester, aber auch die Musik­supermacht Ungarn, erlebten wir ihn zugleich aber auch als nüchtern kalkulierenden Geschäftsmann, der mit einer Fülle an innovativen Ideen um die weitere finanzielle Absi­cherung der Spitzenqualität des Or­chesters ringt. Immer wieder trat in dem anregenden Gespräch auch zutage, wie viele Parallelen es zwischen einem Top-Orchester und einem exzellent geführten Wirtschaftsun­ter­nehmen gibt. Häufig war von Marketing, Ziel­grup­pen, Mit­arbeitermoti­vation, Wettbewerb und anderen Begriffen die Rede, die sonst überwiegend in Zusam­men­hang mit Unterneh­men der Wirt­schafts­sphäre fallen.

Welche Projekte konnten Sie in Ihrem ersten halben Jahr beim Budapester Festivalorchester bisher umsetzen?
Mitte Juni begann mit dem Einzelkarten­verkauf eine strategische Neuausrichtung des Orchesters. Bislang gab es immer das Gerücht, was zu großen Teilen der Wahrheit entsprach, dass es keine Karten für die Konzerte des Festivalorchesters gibt. Eigentlich alle unsere Konzerte waren Teil eines unserer Abonne­ments. Letztendlich war im Freiverkauf nur eine sehr begrenzte Anzahl an Karten erhältlich. Da wir aus strategischen Erwägungen unser Publikum erweitern möchten, haben wir dieses System ab dieser Saison etwas geändert. Auf der einen Seite wollen wir unsere Abonnenten in der gleichen Weise mit hochqualitativen Konzerten bedienen wie bisher, auf der anderen Seite wollen wir aber auch einen Pool an Konzerten kreieren, der es uns ermöglicht, auch Leute von außerhalb zu holen und neues Publikum für uns zu gewinnen.

Um welche Größenordnung geht es hier?
Bisher waren von den 1.600 Karten, die es pro Vorstellung im Palast der Künste (Müpa) gab, durchschnittlich 150-200 Karten im Freiver­kauf. Jetzt gibt es Konzerte, in denen das Ver­hältnis ähnlich ist, es gibt aber auch Konzerte, in denen wir etwa 1.000 Karten in den freien Verkauf geben können. Damit haben wir in dieser Saison pro Konzert im Durchschnitt 500 Karten im Freiverkauf.

Ist es nicht riskant, in diesen Zeiten zuneh­mend auf Freiverkäufe zu setzen?
Nein, wir bedienen weiterhin die gleiche Anzahl an Abonnenten. Nicht zuletzt das spricht für die Qualität des Orchesters. Zumal in einer Zeit, wo man eher erwartet hätte, dass diese Zahl zurückgeht. Wir verfolgen jetzt zwei Ziele: Auf der einen Seite wollen wir unser bisheriges treues Publikum weiterhin unverändert mit Konzerten in der gewohnten Qualität beglücken, auf der anderen Seite möchten wir aber auch neues Publikum gewinnen. Natür­lich, es ist immer ein Risiko, wenn man Karten hat, die man im freien Verkauf absetzen will. Außerdem gibt es verschiedene neue Kosten, etwa für Transaktionen und Marketing. Wir möchten aber dennoch mehr Personen die Möglichkeit geben, am Leben dieses Orches­ters teilzuhaben.

Warum?

BFO-Geschäftsführer Stefan Englert: „Ich arbeite für eines der besten Orchester der Welt. (...) Wir sind alles andere als trockene Archivver­walter. Wir möchten jeden Abend zu einem Fest machen.”

Dahinter steht nicht zuletzt die einfache Überlegung, dass in der Regel nur aus Konzertbe­suchern eines Tages Abonnenten werden. Auf der anderen Seite ist dieser Schritt aber auch einfach der Realität geschuldet. Wir leben in einer Zeit, in der die traditionelle Bindung an eine Konzertreihe mit zehn Konzerten für immer mehr Musikbegeisterte eine große Heraus­forderung ist. Immer mehr Menschen sind beruflich derart angespannt, dass sie bestimmte Konzerte nicht mehr wahrnehmen können. Wenn jemand das Anrecht auf zehn Konzerte erwirbt, davon aber nur fünf nutzen kann, wird er früher oder später die Sinnfrage stellen. In dieser Situation möchten wir strategisch für sämtliche Kundengruppen eine Option anbieten und haben deshalb auch unsere Abon­ne­ment­reihen differenziert. So bieten wir zwei Reihen mit jeweils fünf Konzerten und eine mit vier Konzerten an.

Aber noch schmilzt doch Ihr Abobestand nicht, ganz im Gegenteil. Warum haben Sie sich trotzdem jetzt zu diesem Schritt entschlossen?
Hinter dem Schritt stehen nicht in erster Linie finanzielle Erwägungen. Das Hauptmotiv ist die Erweiterung unseres Publikumskreises. Wir möchten viel mehr Menschen als bisher die Chance geben, unsere Konzerte zu besuchen. Wir möchten allen ermöglichen, das Festival­orchester persönlich kennenzulernen. Wir werden weiterhin exklusiv sein, was die Qualität unserer Darbietungen betrifft, aber weniger in Bezug auf die Möglichkeit, sie wahrzunehmen. Wir möchten insbesondere mehr junges Publikum ansprechen, nicht zuletzt deshalb haben wir unsere Jugendserien erweitert.

Warum kam es gerade jetzt zur Öffnung? Ist das Ihr Kind?
Nein, entsprechende Überlegungen gibt es schon seit einigen Jahren. Als ich meine Position von meinem Vorgänger Tamás Körner übernahm, gab es bereits einen konkreten strategischen Plan, der genau diese Publikumserweiterung beinhaltete. Iván Fischer, hat in den letzten 28 Jahren als Musik­direktor mit dem Budapest Festival Orchester Unglaub­li­ches erreicht. Wie jeder Orga­nismus muss man aber auch versuchen, sich organisch weiterzuent­wickeln. Es wird neue Her­aus­for­derungen für das Or­ches­ter geben. Wir müssen uns daher breiteren Publikums­schichten und auch verstärkt für Spon­soren öffnen.

Speziell bei welchen Publikums­schichten wollen Sie noch zulegen?
Auf jeden Fall wollen wir beim jungen Publikum wachsen. Des­wegen haben wir auch einige neue Aktivitäten gestartet. So haben wir zuerst im Januar, und jetzt noch einmal im Mai eine so genannte Midnight Music angeboten. Das sind einstündige moderierte Konzerte im Millenáris. Um weitere Hemmschwellen abzubauen spielt das Orchester an diesen Abenden in Casual Kleidung. Die ersten beiden Angebote wurden sehr gut angenommen. In unserer Facebook Community sehen wir, dass diese Konzerte sehr große Resonanz finden. Daher planen wir jetzt, diese Reihe zu erweitern. In Richtung dieser Zielgruppe ging auch unser Zarathustra-Wettbewerb im Mai. Dabei sollten Schüler einen Film zu Zarathustra produzieren. In einem großen Konzert im Müpa wurden die Ergeb­nisse dann der Öffentlichkeit präsentiert. Auch solche Projekte wollen wir ausweiten. Wir möchten, dass sich junge Leute aktiv mit der Musik auseinandersetzen und dass sie auch ihr eigenes kreatives Potenzial einbringen. Ich glaube, das ist ein Bereich, wo wir noch sehr stark wachsen können.

Wobei es heutzutage sicher nicht so einfach ist, Jugendliche ausgerechnet für klassische Musik zu begeistern.
Ich glaube, man schafft es, Gehör zu finden, wenn man ein Qualitätsprodukt präsentiert, die richtigen Worte findet, mit denen man Ju­gendliche ansprechen kann und ihnen nicht zuletzt auch zeigt, was dahinter steckt. Oft werden Hemmschwellen einfach dadurch hervorgerufen, weil es eine Unkenntnis der Materie gibt. Ich habe häufig sehr positive Reaktionen von Jugendlichen erlebt, nachdem sie mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind und gesehen haben, mit wie viel Freude die Musiker spielen und was für eine Bereicherung diese Musik für beide Seiten sein kann. Jugendliche möchten sich häufig kreativ mit Dinge auseinandersetzen. Man muss daher auch ihre individuelle Kreativität ansprechen und ihre Eigen-initiative fördern. Letztlich geht es hier wie auch beim Internet um etwas, was beim Musik­genuss heutzutage häufig fehlt, wenn man nur frontal berieselt wird: um Inter­ak­tivität und ein kreatives Miteinander. Genau das wollen wir verstärkt bieten. Das ist es, was Iván Fischer mit dem Budapest Festival Or-ches­ter erreichen möchte: eine wechselseitige kreative Bereicherung innerhalb des künstlerischen Arbeits­prozesses. Wir möchten dieses offene Modell gerade auch jüngeren Leuten anbieten.
In Richtung Interaktivität geht auch das von uns bisher zwei Mal angebotene Format des Wunschkonzertes. Das erfordert natürlich eine große Flexibilität des Orchesters, immerhin standen jeweils 200-300 Werke zur Auswahl. Es gab vorher keine Abstimmung, es war wirklich ein ganz spontaner Prozess. Ich glaube nicht, dass es irgendein Spitzenorchester auf der Welt gibt, das derzeit zu etwas ähnlichem in der Lage wäre. Ich halte das Festival­or­chester augenblicklich für das weltweit innovativste Spitzenorchester. Das eröffnet uns viele neue Möglichkeiten.

Besteht nicht die Gefahr der Verflachung des Angebotes, wenn man das Publikum so stark mitregieren lässt?
Diese Gefahr sehe ich nicht: An beiden Abenden, an denen wir Derartiges veranstaltet hatten, wurden auch „eher als sperrig verschriene“ Stücke von Kodály und Bartók gewählt. Wir mussten also keinesfalls nur so etwas wie „The Best of Classic Pops“ bieten. Ganz im Gegenteil: Das Publikum, muss und möchte gefordert werden. Ich glaube, es ist ein Riesenproblem, wenn wir als Institution diesem Bildungsauftrag nicht mehr weiter nachkommen, unsere Gäste mit allen möglichen Richtungen, Stilen und Komponisten in Verbindung zu bringen. Wenn wir nur Mozart und Beethoven spielen, dann nehmen wir unser Publikum nicht ernst. Das Publikum will mehr.

Aber könnte nicht dieser hohe Anspruch ein Problem sein, insbesondere, wenn es darum geht, Jugendliche in die Konzerte zu bekommen?
Darin sehe ich kein Problem. Insbesondere bei jungem Publikum gibt es eine große Affinität zu zeitgenössischer klassischer Musik. Es gibt viele populäre Gegenwartskomponisten, die einen bedeutenden Einfluss auf populäre Musik gehabt haben. Die Gründer der Techno­be­we­gung haben gesagt, dass der einflussreichste Komponist für sie Karl-Heinz Stockhausen war. Schließlich war er der Erste, der mit elektronischer Musik experimentiert hat. Die Grenzen sind heute alle sehr fließend. Stock­hausen hat unheimlich viel mit technischen Mitteln gearbeitet. In seinem extra vom WDR für ihn in Köln eingerichteten Studio hat er immens viel in diese Richtung experimentiert. Für Kraftwerk und andere Pioniere der Tech­no­bewegung war er einer der größten Ein­flüsse. Nicht zuletzt deshalb gibt es insbesondere von Seiten des jungen Publikums eine große Affinität zu zeitgenössischer klassischer Musik. Man muss nur solche Verbindungen aufzeigen. Es gibt bestimmte Muster, bestimmte Rhythmen und bestimmte Teile in beiden Musi­ken, die sehr viel miteinander zu tun haben.
Beim diesjährigen Sziget-Fes­tival wollen wir übrigens mit einem Showcase Konzert unserer Schlagzeuger gerade auf solche Parallelen aufmerksam machen. Auch diese Festivalteilnahme ist Teil unserer Öffnungsstrategie. Wir möchten den Jugendlichen zeigen, dass wir ihnen etwas sehr Attraktives anbieten können, das keinesfalls verstaubt ist – ein gängiges Klischee in Sachen klassischer Musik. Aber gerade dem Festivalorchester haftet nun wirklich nichts Museales an. Wir sind alles andere als trockene Archivver­walter. Wir möchten, und das ist auch das Motto unseres Orchesters, jeden Abend zu einem Fest machen. Hierfür haben wir jede Menge interessante Formate im Angebot und weiten unser Programm schrittweise aus.
Wir haben etwa gerade eine neue Reihe mit zeitgenössischer Musik eingeführt. Das ist auf der einen Seite mutig, auf der anderen Seite aber auch folgerichtig, denn es gibt kaum ein Land, das im 20. Jahrhundert so viele bedeutende Komponisten hervorgebracht hat wie Ungarn. Ihre Musik hat in unserem Angebot schon immer eine große Rolle gespielt, das wollen wir jetzt aber noch erweitern. Wir möchten verstärkt zeitgenössischen Kompo­nisten eine Plattform bieten, damit wir dem Pub­likum zeigen können: „Seht, das wird heute gemacht, das ist die Musik unserer Zeit. Und diese Musik ist sehr gute Musik – wenn sie gut interpretiert wird.“

Die hochdekorierte aktuelle CD des Orchesters.

Kann man mit zeitgenössischer Musik tatsächlich wieder größere Kreise ansprechen?
Es gibt natürlich die Darmstädter Schule, die eine sehr abstrakte Tonsprache gefunden hat. Es gibt mittlerweile aber auch wieder viele junge Komponisten, die sich auf die tonale Musik zurückbesinnen. Beim Mahler Festival im September werden wir ein Stück des ungarischen Komponisten Levente Gyöngyösy aufführen. Das ist wunderbar hörbare Musik. Aber auch von Schönberg gibt es hörbare Musik. Man muss sich mit ihm nur anders auseinandersetzen. Man muss ein wenig weg gehen davon, solche Stücke nur strukturell und intellektuell zu sehen. In der Schönbergschen Musik gibt es viele sinnliche Aspekte. Ich glaube, es ist nicht so wichtig, welcher Schule ein Komponist angehört. Was zählt ist, dass man mit der Musik auch einen emotionalen Gehalt ausdrücken möchte und kann. Musik kann Dinge ausdrücken, die die Sprache nicht ausdrücken kann. Aber auch bei den Zeitgenossen gibt es natürlich gute und weniger gute Komponisten. In 100 Jahren wird sich zeigen, welche Musik unserer Zeit überlebt hat. Ich bin überzeugt, dass darunter mindestens drei Ungarn sein werden: György Ligeti, György Kurtág und Péter Eötvös. Ungarn hat eine unglaubliche Qualität an Musik hervorgebracht. Das sind wirklich Titanen der Komposition. Péter Eötvös ist wahrscheinlich einer der erfolgreichsten Opernkomponisten der Gegen­wart. Für mich als Deutscher war dies übrigens ein ganz wichtiger Aspekt meiner Entschei­dung für Ungarn. Die Musiknation Ungarn ruft eine unglaubliche Fantasie und Kreativität hervor. So einen Schatz mit einem Orchester zu heben, das dazu in der Lage ist, ist eine einzigartige Aufgabe. Mit dem Budapest Festival Orchester wurde in nicht einmal 30 Jahren eine Qualität geschaffen, für die andere Orches­ter der Welt einige 100 Jahre gebraucht haben. Das ist nicht zuletzt der stark visionären Kraft von Iván Fischer zu verdanken. Und natürlich der harten Arbeit der Musiker zusammen mit ihm. Es ist ein wirkliches Wunder, wie all das in der kurzen Zeit vonstattengehen konnte.

Junges Publikum in Ehren, um Ihre Sponsoren glücklich zu machen, brauchen Sie aber auch kaufkräftiges Publikum zwischen 30 und 50.
Das wollen wir unter anderem verstärkt mit der Ausweitung unseres Einzelticketverkaufs gewinnen. Schließlich sind das Leute mit einem beschränkten Zeitkonto. Deshalb müssen wir ihnen auch mehr anbieten als nur Kon­zerte. Wir wollen Ihnen Konzertereignisse bieten, die sie selbst auch als Kommunika­tions­flächen nutzen können. Für ihre Kunden und für ihre Ge­schäfts­partner. Wir müssen versuchen, unsere qualitativ hochwertigen, in einem einzigartigen Ambiente stattfindenden Kon­zerte, mit qualitativ hochwertigen Firmen in Verbindung zu bringen. Wir müssen zusehen, dass wir mit diesen Konzerten wirkliche Kommu­nikations­plattformen schaffen. Wir müssen bestimmte Leute in die Konzerte holen und ihnen so die Möglichkeit bieten, im Umfeld der Konzerte mit anderen relevanten Personen in Kontakt zu treten. Mittelfristig könnte ich mir auch spezielle Sponsoren-Lounges vorstellen. Es gibt kein Gesetz, wonach Geschäfte lediglich auf Golf­plätzen, Tennisplätzen und an ähnlichen klassischen Ort angebahnt und vertieft werden können. Die Verbindung von Wirtschaft und Orchester liegt übrigens auch insoweit auf der Hand, als dass ein Orchester nichts anderes ist, als ein gut funktionierender kleiner Be­trieb. Es gibt heutzutage viele Fort­bildungs­maß­nah­men, wo ein Or­ches­ter als Modell eingesetzt wird, um gewisse Prinzi­pien der Unter­neh­mens­führung zu verdeut­lichen. Es gibt sehr viele Parallelitäten.

Welche?
Wie schafft man es etwa, einen hochqualifizierten, heterogenem Stamm von etwa 100 Mitarbei­tern dazu zu bringen, in eine Rich­tung zu gehen. Ebenso wie der Unternehmensführer muss es der Dirigent mit seiner Persön­lich­keit und seinem fundierten Wissen schaffen, dem Ganzen eine Richtung zu geben. Im Septem­ber werden wir in Dortmund ein entsprechendes Seminar für die Deutsche Bahn durchführen. Das ist für uns ein Test. Wir können uns vorstellen, so etwas auch in Ungarn anzubieten. Manager können sich viel von uns abschauen. Wie schafft man es, Menschen zu motivieren, sich im Interesse des Ganzen gänzlich in einen kreativen Prozess einzubringen? Wohlgemerkt: mit ihrem Können und ihren eigenen Impulsen einbringen und nicht sklavisch unterordnen. Nur so ist es möglich, dass am Ende ein Resultat herauskommt, das viel mehr ist als die Summe der Einzelteile. Denn das ist es ja, was ein sehr gutes Konzert ausmacht. All diese Prozesse können wir anhand unseres Orches­ters exemplarisch zeigen. Ich glaube, nicht zuletzt deshalb sind wir auch für Geschäftsleute sehr attraktiv. Schon jetzt haben wir zahlreiche namhafte Firmenlenker und Unternehmer­persönlichkeiten unter unseren regelmäßigen Gästen.

Wie erklären Sie es sich, dass sich im vergangenen Jahr die Zahl Ihrer Abonnements leicht erhöht hat?
Ich denke, dass Musik und Kunst gerade in schwierigen Zeiten eine Art intellektuelle Nahrung und auch Hoffnung bieten, derer die Menschen genau in einer solchen Situation dringend bedürfen. Auch Theater sind in Ungarn derzeit gut besucht.

Mit den Abonnement-Preisen sind Sie aber nicht nach unten gegangen?
Auf keinen Fall! Wir haben sie unverändert gehalten. Nicht zuletzt, weil wir der Meinung sind, dass eine bestimmte Qualität auch einen bestimmten Preis hat. Für einen Audi muss ich ja auch mehr bezahlen als etwa für einen Mazda.

Wie werden Sie von staatlicher Seite gefördert?
Die Stadt Budapest musste auf Grund ihrer angespannten Haushaltssituation ihre Zuschüsse für uns leicht zurückfahren – allerdings mit der erklärten Absicht, im kommenden Jahr wieder dahin zurückzukommen, wo wir einmal waren. Auf der anderen Seite hat die ungarische Re­gierung keinen Zweifel an der hohen Wert­schät­zung für unser Orchester gelassen und sich bereiterklärt, diesen Differenzbetrag aus eigenen Budgets zu kompensieren. Wir haben in diesem Jahr sehr gute Aussichten, die Sub­ventionen des Vorjahrs zu erhalten, auch wenn dies noch nicht definitiv gesichert ist.

Wie sieht die Struktur Ihrer Finanzierung aus?
Etwa ein Drittel des Gesamtbudgets stammt aus Subventionen. Das ist im Vergleich zu Deutschland sehr wenig. Dort werden die Orchester zwischen 80 und 95 Prozent bezuschusst. Die anderen beiden Drittel unseres Budgets decken wir über Zuwendungen von Sponsoren und Einnahmen aus Ticketver­käufen. Im vergangenen Jahr konnten wir Sponso­ren­gelder in Höhe von etwa 500 Millionen Forint akquirieren. Ungefähr ein Fünftel unseres Budgets bestreiten wir über Ticketverkäufe, auch das ist im Vergleich zu Deutschland ein sehr gesunder Anteil.

Hat sich die Zusammensetzung Ihrer Kosten­deckung seit Beginn der Krise geändert?
Ungarn ist zwar in einer Wirtschaftskrise, aber das Orchester im Moment nicht. Wir müssen natürlich jedes Jahr um unser Budget kämpfen. Ich gehe aber davon aus, dass der Anteil an privatfinanziertem Einkommen weiter steigen wird. Natürlich werden wir aber auch dafür kämpfen, dass die staatliche Finanzierung ausgeweitet wird. Wir haben etwas anzubieten, das wert ist, öffentlich gefördert zu werden. Wir liefern einen Beitrag zum Kulturleben von Ungarn, der einen sehr hohen Wert für die Gesamtgesellschaft hat. Wir haben etwas Einzigartiges hier. Das sollte nicht durch unnötige Sparmaßnahmen gefährdet werden. Das würde überhaupt keinen Sinn machen. Bei der Qualität des Orchesters dürfen wir nicht sparen. Das wäre das Schlimmste. Früher oder später würden die Leute das merken, Spon­soren würden abspringen und so weiter. Stattdessen sollten wir die Einzigartigkeit unseres Orchesters weiter ausbauen.

Sicher spielen auch Ihre zahlreichen Auslands­tourneen viel Geld in die Kasse!
Nein, über unsere intensive Tourneetätigkeit kommen wir unter dem Strich nur auf eine schwarze Null.

Was ist dann der Zweck Ihrer Tourneen?
Es gibt bestimmte Märkte, die für Weltspitzenorchester wichtig sind. Etwa der britische, der deutsche oder der US-amerikanische Markt. In New York und in London gibt es Freundeskreise von uns. Kürzlich haben wir auch einen Freundeskreis in Deutschland gegründet.

Warum all das?
Wir möchten international zeigen, was Ungarn für ein wunderbares Orchester hat. Wir sehen uns quasi als Kulturbotschafter Ungarns. Nicht zuletzt ist dies der Grund für die ungarische Regierung, uns mit öffentlichen Geldern zu unterstützen. Iván Fischer ist ja offizieller „Botschafter der Unga­rischen Kultur“.

Iván Fischer – Der visionäre Kopf des Orchesters.

Was bringen Auslandsgastspiele Ihrem Orchester aber konkret?
Wie jedes Orchester von Weltrang möchten wir uns natürlich in den wichtigen Konzertmetro­polen der Welt mit anderen Orchestern vergleichen. Deshalb sind New York, London, Paris und Frankfurt so enorm wichtig für uns. Dort spielen alle großen Orchester, alles, was gegenwärtig die Leistungsspitze im orchestralen Bereich markiert. Internationale Spitzenor­chester brauchen einfach internationale Luft. Wir können unser hohes Niveau nur dann halten, wenn wir uns dem direkten Wettbewerb mit anderen Spitzenorchestern der Welt aussetzen. Nicht um zu zeigen, dass wir besser sind, sondern um zu sehen, wo wir stehen und voneinander zu lernen. Die Reaktionen der Ver­an­stalter, der Fachpresse und des Publikums sind für uns außerordentlich wichtige Gradmesser.

Welche Motive gibt es noch?
Es geht uns auch um die Motivierung unserer Musiker. Wir möchten natürlich die besten Musiker bei uns halten. Ein wichtiges Motiv für sie zu bleiben ist, dass sie das Wissen haben, bei einem Toporchester der Welt zu spielen, dem die wichtigsten Konzertsäle der Welt offenstehen, dass es wirklich etwas Besonderes ist, in diesem Orchester zu spielen, dass sie bei uns an einem musikalischen Resultat mitwirken, das mit den meisten anderen Orchestern der Welt so nicht erreichbar wäre. Jeder Musiker wird bei uns auch als Künstler ernst genommen. Es gehört zur Politik des Orches­ters, dass jeder einzelne Orchestermusiker nicht nur als Instrumentalist, sondern alle von Iván Fischer auch als Künstler gesehen werden. Ich glaube diese Anerkennung des Künstlertums eines jeden einzelnen Musikers ist ein ganz wichtiger Aspekt unseres Erfolges. Das schafft eine ganz starke Identifikation und Bindung mit dem Orchester. Die intrinsischen Werte sind für uns sehr wichtig. Natürlich muss auch das Geld einigermaßen stimmen. Wir können es uns nicht erlauben, dass der Abstand zu den Gehältern von Musikern in anderen Spitzen­orchester der Welt zu groß wird. Wir müssen diesen Abstand so klein wie möglich halten. Auch dafür müssen wir die finanzielle Aus­stattung des Orchesters ständig verbessern. Dazu müssen wir unter anderem die Ent­scheidungsträger in der Politik gewinnen, aber auch Individuen und Firmen dafür begeistern, dass Sie hier ein Produkt haben, das möglicher­weise dem eigenen Produkt und den eigenen Qualitätsansprüchen sehr nahe kommt. Wir möchten übrigens auch die Personen, die temporär in der Stadt sind, stärker einbinden.

Warum?
Auf der einen Seite, um zu zeigen, was Budapest an Weltspitzenleistungen zu bieten hat. „Ihr habt hier ein Orchester vor Ort, das in den besten Konzertsälen der Welt ständig zu Gast ist. Nutzt die Chance, schaut es Euch hier in Budapest an. Schaut, was Ungarn im Kultur­bereich für ein unglaubliches Potenzial hat!“ Das zweite Motiv ist, dass die Expats, die hier auch in die Konzerte gehen, natürlich hervorragende internationale Botschafter für uns sind. Drittens ist dieser Kreis auch mit Blick auf das Sponsoring sehr wichtig für uns.

Wie wichtig ist die Veröffentlichung von CDs für Ihr Orchester?
Sehr wichtig, aber nicht wegen Einnahme­aspekten. CDs sind für uns unheimlich wichtige Marketinginstrumente. Sie sind ein guter Aus­weis für die Leistungsfähigkeit des Or­chesters. Innerhalb der Musikszene sind Aufnah­men sehr wichtig. Als Visitenkarte für Veranstalter, aber insbesondere für die Medien, die über das Orchester schreiben. Jede Auszeichnung, die wir für eine CD bekommen, und wir bekommen viele Auszeichnungen für unsere CDs, ist wichtig, um das Image des Orchesters zu stärken. Wirtschaftlich sind wir zumindest in der sehr komfortablen Situation, dass sich unser CD-Geschäft selbst trägt. Nicht zuletzt, weil wir einen sehr guten Partner dafür gefunden haben: Channel Classics. Die Firma ist in puncto Aufnahmetechnik sehr innovativ. Unter anderem ist sie bei der Multikanal­technik Vor­reiter. Sie passt also hervorragend zu einem innovativen Orchester wie uns. Jährlich produzieren wir zwei CDs. Zu Beginn des Jahres haben wir eine CD mit Sacre du printemps von Igor Strawinsky auf den Markt gebracht. Als zweite CD wird im September pünktlich zum internationalen Mahlerfest des Orchesters dessen 1. Symphonie erscheinen.

Stichwort neue Medien.
Im Zuge unserer Öffnungsstrategie werden wir auch das Internet viel stärker als bisher nutzen. Schon jetzt gibt es das Angebot, via Live Stream an unseren Konzerten und Proben teilzunehmen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt der Kommunikation. Wir möchten gerne, dass möglichst viele Leute an dem künstlerischen Prozess teilhaben.

Wo möchten Sie mit dem Orchester in fünf Jahren stehen? Welche weiteren Projekte stehen auf Ihrer Agenda?
Ich arbeite für eines der besten Orchester der Welt. Es ist schwer an die Spitze zu kommen, aber noch schwerer, sich dort zu halten. Wir müssen in den nächsten Jahren unerbittlich an diesem Qualitätsanspruch arbeiten und permanent versuchen, dieses Orchester zu verbessern. Um das zu erreichen müssen wir auch die entsprechende finanzielle Basis schaffen. Wir brauchen eine bessere Finanzausstattung. Wir brauchen eine konzentrierte internationale Präsenz. Wir müssen verstärkt auf den Märkten präsent sein, die für unsere finanziellen Einkünfte relevant sind. Wir stellen uns großen Herausforde­run­gen, denen wir aber gewachsen sind. Mit Iván Fischer und den wunderbaren Kollegen im Or­ches­ter haben wir einen einzigartigen musikalischen Schatz, der den Kern der Marke „Buda­pest Festival Orchester“ ausmacht, die mit Nach­druck kommuniziert werden muss. Um eine Parallele aus dem Fußball zu bemühen: „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist es auf dem Platz!“

Andere Artikel in dieser Rubrik:

One Response to “„Schaut, was Ungarn im Kulturbereich für ein unglaubliches Potenzial hat!“”

  1. Wolfgang Ziegler says:

    Hallo Herr Englert,
    ich finde es toll, was Sie jetzt für einen Posten haben. Sie und ich, wir kennen uns noch aus Salzau, zusammen mit Herrn Dandeleit waren wir das Hausmeistergespann beim Fastival.
    Hätte ich nur eine E-Mail Adresse von Ihnen, könnte ich schreckliche Bilder von Salzau zu Ihnen schicken.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr alter Hausmeister aus Salzau

Trackbacks/Pingbacks


Leave a Reply


+ four = 12

Budapest Times banner
C-Travel

Kalender

June 2012
M T W T F S S
« May   Jul »
 123
45678910
11121314151617
18192021222324
252627282930  

Kategorien

Archiv

Budapest hotels online reservation, Hungary
 

Budapest Hotels

Boedapest Hotels

Hotell i Budapest

Hoteles en Budapest

Budapesti Szállodák

Hotels in Budapest

Sofitel Budapest

Affordable Hotels in Budapest

 
Budapest Times banner