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Stadt – was sich darin verbirgt

Kunst im Geheimen

Regisseur Tzafetaas und seinen Hauptdarsteller Péter verbindet die Liebe zum Projekt Bastardsfilm.

Mit dem XII. Bezirk verbindet der Budapester für gewöhnlich Villen und das Viertel, in dem wohl die meisten Politiker und Diplomaten leben. Wie unwahrscheinlich scheint es da, dass fast auf dem Gipfel des Svábhegy ein Filmprojekt entsteht, wie es wohl nur in den wenigsten Filmstudios vorstellbar ist.

Ein Volk ist die Summe seiner Schicksale – eines dieser Schick­sale ist Péter. Péter sieht wesentlich älter aus, als er ist. Er ist 56. „Straßenjahre zählen doppelt“ heißt es. Péter sieht man das an. Was man ihm nicht ansieht, sind die Diplome und die nahezu unglaubliche Le­bens­geschichte, die sich hinter dem wirren Haar und dem Bart verbergen. Zu diesem aufregenden Leben kommt nun das Kapitel des Film­darstellers.
Unter dem Titel „Bastards“ entsteht seit nunmehr zwei Jahren ein Kurzfilm mit Péter in der Hauptrolle. „Wir finanzieren uns komplett unabhängig, keinerlei staatliche Förderung oder ähnliches“, berichtet Regisseur Roland Tzafetaas nicht ohne Stolz. Die Geschichte ist düster, die Bilder auch. Péter, auch im wirklichen Leben seit mehr als zehn Jahren an den Rollstuhl gefesselt, lebt allein in seiner Wohnung. Sein einziges Fens­ter zur Außenwelt ist das Internet.
Doch zurück zum Anfang. Péter saß nicht immer im Rollstuhl, früher war es auch leichter, ihn zu verstehen: „Ich erlitt während der Geburt eine Hirnblutung, hatte aber Glück, da ich nur körperliche Beein­träch­tigungen erlitt.“ Der Freigeist ließ sich davon jedoch nicht abhalten, reiste Ende der 70er Jahre ohne Papiere durch ganz Europa und kehrte 1982 nach Ungarn zurück. Als Anhänger der Hippiebewegung verbrachte Péter einige Zeit im Gefängnis, nutzte diese aber, um sein Studium zu beenden. Der Übersetzer und Soziologe arbeitete nach der Wende als Journalist und Dozent. In diese Zeit fällt auch die beginnende Bekanntschaft mit Tzafetaas. „Wir sind uns immer mal wieder in Jazz Bars und im Umfeld verschiedener Theater über den Weg gelaufen“ erinnert sich Tzafetaas, der damals noch als Schauspieler unter anderem im Studió K arbeitete.

Aus den Augen und wieder zurück

Ein Bild, das Bände spricht: Tzafetaas Stärke sind Emotionen ohne Worte.

Man verlor sich aus den Augen, doch durch Zufall fanden der Regisseur und der ehemalige Journalist wieder zueinander. Péter, der nach einem Überfall querschnittsgelähmt und durch seine lange Genesungszeit erst arbeits- dann obdachlos wurde, bekam als körperlich schwer Behinderter die Möglichkeit, in eine stark renovierungsbedürftige Wohnung auf dem Svábhegy zu ziehen. „2008 suchte ich ebenfalls eine neue Wohnung und fand auf dem Berg etwas Passendes. Bei der Besichtigung erwähnte der Vermieter eine hauseigene Sitte“ beschreibt Tzafetaas die Umstände des Wiedersehens. Diese Sitte war ungewöhnlich, aber keinesfalls unerfüllbar. Der im Erdgeschoss lebende Mieter sei an den Rollstuhl gefesselt und benötige Hilfe beim Einkaufen. Wer die Wohnung über ihm mietet, so der Hauseigentümer damals, verpflichte sich dazu, dem Nachbarn beim Einkaufen zu helfen.

„Als ich mich schließlich ein paar Tage später meinem Nachbarn vorstellen wollte, konnte ich kaum glauben, dass ich Péter vor mir hatte“ erinnert sich Tzaf. Die beiden hatten sich zum damaligen Zeitpunkt seit etwa zehn Jahren nicht mehr gesehen. Aus der Bekanntschaft wurde schnell eine Freundschaft. Immer öfter brachte der Regisseur seinem Nachbar Nahrungsmittel, half im Haushalt und nahm an seinem Leben Anteil. So wurde auch auf die Initiative Tzafs Internet in Péters Wohnung gelegt. „Auf einmal konnte ich wieder mit der Außenwelt kommunizieren“ beschreibt Péter die neugewonnene Freiheit.

Ein Leben wie ein Film

Die Dreharbeiten verlangen allen Beteiligten viel Konzentration und Leistung ab.

Nur wenig später meldete sich Péter bei einem sozialen Netzwerk an, kam dort mit anderen Menschen ins Gespräch, verschickte viele seiner Gedichte. Einer seiner dortigen Gesprächspartner wollte Péter auf dem Berg einen Besuch abstatten, „daraus ist dann die Idee zum Film entstanden“.
Vollkommen ohne staatliche Fi­nan­zierung, nur aus eigener Tasche finanziert Tzafetaas seit nunmehr zwei Jahren den Dreh des Kurzfilms mit Péter in der Hauptrolle. Das Ge­schehen ist kurz und morbide: Péter lebt auch im Film allein in seiner Wohnung und hat nur über das Internet Kontakt zur Außenwelt. Er freundet sich mit einem Unbe­kann­ten online an. So kann der Unbe­kannte immer mehr Informa­tionen über Péter sammeln. Der Film gipfelt im Tod des Hauptdarstellers, nachdem zwei Helfer des unbekannten Freundes Péter in seiner Woh­nung aufsuchen und ihn brutal hinrichten.
Der Film arbeitet ohne viel Text, die Bilder sprechen für sich. Überdeutlich zeigen sich hier das kreative Potential und die Entschlossenheit der Gruppe um Tzafetaas. „Alle, die am Film mitarbeiten, machen das, weil sie an das Projekt glauben.“ Ein Dreh­tag schlägt mit etwa 100.000 Forint zu Buche. Im Laufe der vergangenen Jahre hat Tzafetaas weit über 1,5 Millionen Forint in „sein Baby“ investiert. Dabei deckt das nur die Kosten für das Mieten der Technik und eine warme Mahlzeit während des Drehs. Mehr braucht es jedoch nicht. Die Crew arbeitet in ihrer Freizeit an dem Projekt. Dabei stoßen sie immer wieder auf Probleme. Zeit ist hierbei der schwierigste Faktor. Einerseits ist es unheimlich schwierig einen Termin zu finden, der allen Beteiligten passt. So ist zum Beispiel der Kame­ra­mann des Projekts kein Geringerer als Máté Herbai, der in Fachkreisen als das große Nachwuchstalent gefeiert wird.
Andererseits – und dieser Faktor bereitet allen Beteiligten Sorge – geht es Hauptdarsteller Péter von Tag zu Tag schlechter. Sein Gesund­heits­zustand verschlechtert sich rapide, es ist nicht klar, wie lange er noch an dem Projekt mitwirken kann, „dabei haben wir nur noch zwei Szenen , was sechs Drehtage bedeutet mit Péter vor uns“, so Tzafetaas. Auch Péter selbst will die Arbeit mit Bastardsfilm unbedingt zu Ende bringen: „Mein Leben ist weiß Gott nicht rosig, ich habe eigentlich nichts, wofür ich morgens aufwache, außer dem Film und der Arbeit mit Tzafetaas“, resümiert Péter.
Während wir uns unterhalten wird es immer schwieriger, Péter zu verstehen. Das Reden strengt ihn sichtlich an, immer wieder holt er tief Luft. Selbst die kleinsten und banalsten Tätigkeiten gehen nicht ohne Hilfe. „Bisher war zumindest meine rechte Hand so weit in Ordnung, dass ich sie benutzen konnte.“ Doch die letzte OP hat Péter nicht gut überstanden. Umso drängender auch sein Wunsch, die Dreh­ta­ge so schnell wie möglich zu verwirklichen.

Bastardsfilm
www.bastardsfilm.com
www.youtube.com/user/bastardsmovie

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