Und wieder ein neues Gesetz. Neben einer fast unüberschaubaren Zahl an neuen Regelungen geht die nationalkonservative Regierung aus Fidesz und KDNP nun auch die bisherigen Strukturen des Wahlrechts an. Noch vor Verabschiedung löste der Entwurf Diskussionen und Kritik aus. Inwiefern diese berechtigt sind, sollten Wissenschaftler und Politiker auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Politforschungsinstitut Political Capital (PC) diskutieren.
Die Analyse des Forschungsinstituts weist indes eindeutig in eine Richtung. Es seien zwar elementare Fragen des neuen Wahlrechts geklärt – so beispielsweise nach der Anzahl der Abgeordneten, dem Mischwahlrecht sowie der Streichung des zweiten Wahlgangs – jedoch sei die Umsetzung noch fraglich. „Wir können weiterhin nur über das neue Gesetz zur Abwicklung der Wahlen und darüber, wie es den Bewegungsspielraum der politischen Akteure und Wähler beeinflussen wird rätseln“, heißt es seitens PC.
Weniger Abgeordnete – mehr Wahlkampf
Die wohl spürbarste und auch am stärksten kritisierte Veränderung ist der neue Zuschnitt der Wahlbezirke. Róbert László, Analyst bei PC, zeigt die Schwierigkeiten der neuen Wahlbezirke auf: „Während es bisher 176 Wahlkreise mit durchschnittlich 46.000 Wahlberechtigten gab, werden es künftig nur noch 106 Wahlkreise sein. Die Zahl der vertretenen Wahlberechtigten steigt damit auf durchschnittlich 76.000 pro Abgeordneten.“ Dass eine Neuordnung der Wahlbezirke zwingend erforderlich war, streitet niemand ab. „Seit 1990 wurden die demografischen Veränderungen beim Wahlgesetz nicht berücksichtigt“. Zwar sei dieser Mangel im neuen Gesetz berücksichtigt worden, dafür weist László jedoch auf andere schwerwiegende Fehler hin. So hätte man beim Zuschnitt der Wahlkreise weder die Richtlinie in das Gesetz aufgenommen, dass diese die Zusammensetzung der Bevölkerung widerzuspiegeln haben, noch sei eine Erleichterung der Änderung der Wahlkreise ermöglicht worden. Die Änderung ist nur mittels einer Zweidrittelmehrheit im Parlament möglich, was, so László,eine Neuzeichnung der Wahlkreise in Zukunft fast unmöglich mache. Schwerer wiege jedoch, dass die Begründungen für die neuen Wahlkreisgrenzen weder bekannt sind noch vor dem zuständigen Ausschuss diskutiert wurden. Der Verdacht des politisch motivierten Zuschnitts der Wahlkreise, des sogenannten gerrymandering, liegt für László hier auf der Hand.
Auch der Vertreter der von Ex-Ministerpräsident Bajnai gegründeten Stiftung Haza és Haladás (Heimat und Fortschritt), Viktor Szigetvári, sieht die Aufteilung der Wahlbezirke kritisch, weist den Vorwurf, das neue Wahlrecht sei undemokratisch, jedoch entschieden zurück. „Das Wahlsystem zu reformieren ist legitim und selbstverständlich hat die derzeitige Regierung das Recht dazu“, stellt der Jurist klar. Szigetvári weiter: „Die Pläne der Regierung sind in Einklang mit den Erwartungen der Venedig-Kommission, insofern ist Kritik daran überflüssig“. Allerdings kann sich auch Szigetvári nicht des Eindrucks des gerrymandering erwehren: „Die Vereinfachung des Wahlrechts auf einen Wahlgang zwingt die Parteien einerseits zu mehr Wahlkampf, was zu begrüßen ist. Das System darf allerdings nicht zu stark vereinfacht werden.“ Dass nun die Verschiebungen des neuen Wahlrechts stark zugunsten des rechten Parteienspektrums neigt, sei nur logisch. Schließlich sei es in den letzten Jahren immer weiter nach links gerückt. Auch Szigetvári kritisiert, dass dies in Zukunft nur mittels einer 2/3-Mehrheit geändert werden könne: „Die Linke wird es aufgrund des Zuschnitts der Wahlkreise ohnehin schwer haben, Land gutzumachen. Um dann noch das Wahlgesetz zu ändern, braucht es einen breiten politischen Zusammenschluss.“
Gespräch unter Betroffenen
Im Gespräch zwischen Vertretern von vier der fünf im Parlament vertretenen Parteien wurde auf die genannten und andere Kritikpunkte eingegangen. So nahmen neben Gergely Gulyás und László Salamon von den Regierungsparteien Fidesz und KDNP auch Zsolt Molnár von der MSZP und der LMP-Vertreter Gergely Karácsony Platz. Leider wurden in diesem Rahmen bereits bekannte Argumente ausgetauscht. Lediglich die Überlegungen zur Einführung einer Wahlpflicht ließ die Teilnehmer neue Sichtweisen darstellen. So sprach sich der Grüne Karácsony persönlich für eine Wahlpflicht aus, da diese „eine große Wirkung auf die politische Integration und Teilhabe“ hätte. Salamon verwies indes auf die Tatsache, dass eine Wahlpflicht nicht zufällig nirgends auf der Welt zu finden sei.







