Auf dem Steinberg in Wudersch (Budaörs), einem Budapester Vorort mit deutschen Wurzeln, wird zwischen dem 28. Mai und dem 10. Juni 2012 der Leidensweg Christi zweisprachig, in ungarischer und deutscher Sprache vorgetragen.
Es geht dabei um die Wiederauflebung einer sehr schönen Tradition. Die Geschichte geht auf die Jahre 1933-1939 zurück, in denen die Passionsspiele jährlich von den Bewohnern der ungarndeutschen Gemeinde Wudersch aufgeführt wurden. Es war weit mehr als ein Laientheater auf einer Freilichtbühne. Die Spiele bewegten die ganze Dorfgemeinschaft und machten den Ort als „ungarisches Oberammergau“ europaweit bekannt.
Idee und Realisierung stammt von Géza Bató (1889-1958), der zwischen 1928 und 1942 Lehrer in der Knabenschule von Wudersch war. Er organisierte die ersten Laiengruppen und gründete 1912 den Gesangsverein „Lyra“. Auf seine Initiative hin und in eigener Inszenierung wurden dann die Passionsspiele inszeniert. Der ungarische Text wurde von Pfarrer Dr. Nikolaus Aubermann umgearbeitet und mit treffenden biblischen Texten ergänzt. Die deutsche Übersetzung stammt von Kaplan Ernst Mayer. Am 11. Juni 1933 fand dann die Premiere statt. Von 1934 an wurde die Passion abwechselnd in ungarischer und deutscher Sprache vorgetragen.
Die Kulissen aus riesigen Stein- und Betonblöcken stellten eine Straße in Jerusalem dar. In deren Rahmen trugen 200 Darsteller, ein Orchester samt Chor mit 100 Mitwirkenden die berühmte Leidensgeschichte Christi von Wudersch vor. Der Zuschauerraum für 2.000 Besucher wurde jährlich 15 bis 20 Mal ausverkauft. Viele kamen aus weit entfernten Teilen des Landes und sogar aus den angrenzenden Nachbarländern.
Das Stück wurde sechs Jahre lang in den Sommermonaten samstags und sonntags aufgeführt. Der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung der Ungarndeutschen im Jahr 1946 sowie die darauffolgenden Jahrzehnte machten die Fortsetzung der Passionsspiele unmöglich.
Nach der Wende 1989 haben sich mehrere Vereine und eine Stiftung zum Ziel gesetzt, die schlummernde Tradition wieder zu beleben. 1996 wurde der Leidensweg Christi unter der Mitwirkung der Theatergruppe Passion aus Auersmach (Deutschland) in der Stadthalle Mór Jókai in Wudersch wieder aufgeführt. Da aber das originale deutsche und ungarische Textbuch verschollen war, wurde vorerst nach der Passions-Fassung von Csíksomlyó in Siebenbürgen gespielt. Im Jahre 2002 wurden die Textbücher der beiden Sprachen gefunden, so wird seit 2003 die Passion von Wudersch jedes dritte Jahr nach der Originalfassung gespielt.
Hinter der Kapelle auf dem Steinberg inmitten eines Naturschutzgebietes wird auch dieses Pfingsten wieder die Passion, inzwischen mit modernster Bühnentechnik aufgeführt. Bis zu 6.000 Personen können den Leidensweg Christi von den Zuschauerrängen mitfolgen. In den zehn Aufführungen vom 28. Mai bis zum 10. Juni 2012 wirken mehr als 250 Laienspieler, Tänzer, Kaskadeure und Statisten mit. Die Hauptrollen werden allerdings von professionellen Sängern, unter anderem der ungarischen Starsopranistin Andrea Rost vorgetragen. Die Musik stammt von Benedek Tóth. Für die Regie zeichnen András Frigyesi und András Dér verantwortlich.
Gegenüber der Budapester Zeitung erklärt Frigyesi: „Die Deutsche Selbstverwaltung Wudersch bietet Jugendlichen seit Jahren die Chance, sich in die Spieltradition der Passionsspiele aktiv einzubinden. Dies trägt nun Früchte, denn 2012 sind wesentlich mehr Laiendarsteller aus Budaörs in Sprechrollen mit dabei als in den Vorjahren. Auch dieser Umstand macht deutlich, was für eine starke Anziehungskraft das Passionsspiel ausübt. Besonders wichtig erscheint mir, den Zuschauern aktuelle Gedankenanstöße zu geben. Es wird heutzutage so viel darüber geredet, was alles falsch läuft. Überall spürt man die Anwesenheit des Bösen, aber vergessen wir nicht, das Gute schlägt sich doch Tag für Tag durch! “Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt!„ (Mt 28.20) – hieß es kurz vor Christi Himmelfahrt: Es stellt sich die Frage: Sind wir uns dessen ausreichend bewusst? Die Passion verkündet die Unsterblichkeit der Hoffnung und der Liebe, sie trägt aber auch zur Überprüfung und zur Vertiefung des Glaubens bei. Der Steinberg – ein idealer Aufführungsort für die Passionsspiele – strahlt eine besinnliche Stimmung aus, und gibt allen den notwendigen Anstoß zum Weiterdenken.“
Veranstalter der Budaörser Passion ist die Deutsche Selbstverwaltung der Stadt. Die Aufführungen werden von der Selbstverwaltung der Stadt und der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) gefördert.
Die deutschsprachigen Aufführungen finden am 2. und 9. Juni statt. Weitere Informationen – auch auf Deutsch – unter: www.budaorsipassio.hu




