
Hoffnungsträgerin Erika Milibákné Veres: „Beim Eintreten springen die Drittklässler hinter ihren Bänken hervor. Gleich vier Kinder umarmen Erika gleichzei
Vater unser im Himmel
„Ich weiß nicht, aus welchem Ort die Rettung kommt, vielleicht aus Eger“, haspelt Erika Veres Milibákné. Sie ist die Direktorin des Kindergartens und der Grundschule in der nordostungarischen Gemeinde Tarnabod, die von den Maltesern betrieben werden. Auf dem staubigen Schulhof wollte sie gerade davon erzählen, wie oft der Malteserorden den Dorfbewohnern in den vergangenen Jahren finanziell geholfen hat. Sie kommt aber nicht dazu, mehr als drei Sätze in einem Stück zu sagen. Immer wieder läutet das Telefon. Vor wenigen Minuten wurde sie angerufen, weil ein Mädchen im Klassenzimmer bewusstlos zusammenbrach.
Eigentlich müsste der für Tarnabod zuständige Allgemeinarzt zwei Mal die Woche in die Ortschaft kommen, jedoch bleibt er häufig fern. Wenn in akuten Fällen die Rettung gerufen werden muss, wissen die Dorfbewohner nie, aus welchem Ort der Rettungswagen losfährt. So kann es zehn, zwanzig oder gar dreißig Minuten dauern, ehe Hilfe da ist. Dass jemand bewusstlos zusammenbricht, kann in diesem Dorf immer wieder vorkommen. Die Malteser betreiben hier zwar eine Schule, einen Kindergarten, ein Tagesheim, eine Lehranstalt und sogar einen kleinen Betrieb, doch für die tägliche Nahrungsmittel-versorgung der größtenteils arbeitslosen Familien im Ort sind die notwendigen Ressourcen nicht mehr vorhanden. So essen viele der 127 Schüler und 69 Kindergartenkinder der 850-Seelen-Gemeinde während der Nachmittagsbetreuung zum letzten und während der Zehnuhrjause am nächsten Tag zum ersten Mal. Auch die Wochenenden sind in dieser Gegend länger als anderswo.
Geheiligt werde dein Name
„Eine verschleppte Mandelentzündung. Der Körper des Mädchens sei von der Entzündung derart geschwächt worden, dass sie ihn Ohnmacht fiel“, gibt die „Frau Direktorin“ die Worte des Notarztes wieder. Sie wird nicht nur von den Kindern des Dorfes so bezeichnet, sondern auch von den Erwachsenen – jetzt hat sie gerade eine vierfache Mutter an der Leitung: Die Familie hätte keinen Strom mehr im Haus, und auch jegliches Heizmaterial sei ihr ausgegangen. Mutter und Vater haben sich neben 120 anderen Dorfbewohnern bei der Befogadás Nonprofit Kft. (Aufnahme Nonprofit GmbH) beworben, die nebst elf anderen Malteser-Programmen von einem anderen „Motor“ der Gemeinde, Miklós Kohányi, geleitet wird, der hier bereits seit sieben Jahren tätig ist. Der Demontagebetrieb für Elektrogeräte ist auf 30 Mitarbeiter konzipiert, die Eltern von vier Kindern waren bei der Bewerbung allerdings glücklos. Erika Veres hat nun die Aufgabe, der hilfsbedürftigen Mutter am anderen Ende der Leitung zu helfen.
Das Hilfspaket, das die Frau am Morgen bekommen hat, enthielt zwar alle möglichen haltbaren Lebensmittel, jedoch kein Fett, womit man kochen kann. „Geht doch bitte schnell ins Lager, dort findet ihr noch zwei Kilo Fett, bald wird es abgeholt“, sagt sie wieder ins Telefon, jetzt aber einem Mitarbeiter des Biztos Kezdet Gyerekház (Kinderhaus Sicherer Anfang). Im Kinderhaus können sich Mütter bei den dortigen Fürsorgerinnen Rat holen oder jeden Vormittag mit ihren Kleinkindern zum Spielen vorbeikommen. Es ist nicht nur warm dort, sondern sie bekommen auch eine Zehnuhrjause. Außerdem können sie grundlegende Muster des Gemeinschaftslebens sowohl von den Fürsorgerinnen als auch voneinander lernen. Als der Malteserorden den neuen Kindergarten eröffnete, mussten die Mitarbeiter des Ordens die Erfahrung machen, dass mit den Kindern hier anders umzugehen ist. Auf die Aufforderung „Bitte lege doch das Spiel ins Regal“, zeigt das Kind hier nicht deshalb keine Reaktion, weil es unwillig oder taub ist, sondern weil es noch nie in seinem Leben das Wort „Regal“ gehört hat.
Dein Reich komme
„Wenn der Malteserorden nicht ins Dorf gekommen wäre, hätte die Schule im September vielleicht gar nicht mehr geöffnet“, meint József Farkas, ein Vertreter der Roma-Selbstverwaltung im Ort. „Im Vorjahr gab es mehrmals unterrichtfreie Tage, weil es in den Klassenzimmern nur zehn Grad hatte.“ Der Roma-Vertreter vergisst zu erwähnen, dass einige Schüler der Oberstufe nicht einmal ihren Namen schreiben konnten, als der Malteserorden den Betrieb der Grundschule übernahm.
Inzwischen wurde die Mehrheit der Lehrer an der Schule ausgetauscht, und auf dem wohlig warmen Schulgang prangen heute weiße Schneeflocken-Dekorationen der Kinder. Wenngleich das Lehrerzimmer in einen Container auf dem Schulhof gezogen ist, weil im Schulgebäude jeder freie Platz für die Kinder gebraucht wird und die Proben für das Weihnachtsfest wegen der alten, undichten Fenster der Turnhalle in allen Klassenzimmern zu hören sind, beschäftigen sich zum ersten Mal in der Geschichte der Gemeinde Pädagogen in einem eigenen Raum mit Schülern, die entweder geistig behindert sind oder mit Lernproblemen zu kämpfen haben. Hier werden auch Tanz, Lovári (eine Roma-Sprache; Anm.) und Englisch unterrichtet, außerdem wurde mit dem Schwimm- und therapeutischen Reitunterricht begonnen. Seit September weichen auch die Elternsprechtage vom Herkömmlichen ab, trägt doch die Schule nicht nur für den Lernerfolg der Kinder, sondern häufig auch für das Leben ganzer Familien Verantwortung. So sitzen neuerdings nicht nur die Eltern und die Klassenvorstände im Raum, sondern auch Psychologen, Kinderschutzbeauftragte und zuweilen auch Polizisten.
„Hier muss man die Dinge so ansprechen, dass die Eltern von sich aus sagen, was sie benötigen“, erklärt die Direktorin. „Wenn man ihnen direkt helfen will, lehnen sie ab. Für die Arbeit an der Schule gibt es aber keine pädagogischen Vorgaben, die Erzieher müssen ihre eigenen Methoden entwickeln. Das ist schwierig, weil die Kinder in diesem Dorf nicht erzogen werden. Wenn es Streit gibt, setzt sich derjenige durch, der lauter schreit. Die Menschen können nicht argumentieren, ja sie können nicht einmal ihre Probleme formulieren. Es kommt häufig vor, dass ich auf der Straße plötzlich von einer Mutter angehalten werde, die mich mit lauter Stimme anspricht: ‚Stellen sie sich vor, Frau Direktorin…“ Sie reden sich dann in Rage und gehen davon aus, dass ich zurückbrülle. In solchen Momenten kommt die bewährte Lächel-Therapie: Ich stehe nur lächelnd da und warte, bis sie sich ausgetobt haben. Sobald sie draufkommen, dass ich sie nicht besiegen will und ihre Probleme verstehe, sind sie lammfromm.“
Erika Milibákné Veres, die seit jeher mit Roma-Kindern zusammenarbeitet, könnte natürlich davon erzählen, dass man von diesen Jugendlichen unendlich viel bekommt, nicht zu vergleichen mit einer „normalen“ Schule. Doch unser Besuch in einem der Klassenzimmer sagt mehr als tausend Worte: Beim Eintreten springen die Drittklässler hinter ihren Bänken hervor. Gleich vier Kinder umarmen Erika gleichzeitig. Später treffen wir auf dem Gang einen 16-jährigen jungen Mann, den die Direktorin zu sich ruft. „Ich bin unglaublich stolz auf diesen Jungen. Er besucht erst seit einigen Wochen das Schwimmbad und hat zuletzt das Becken schon der Länge nach durchschwommen. Gut, mein Junge, jetzt kannst du wieder gehen“, sagt die Direktorin schulterklopfend zum Achtklässler, der bereits einen starken Bartwuchs hat.
„Dieser 16-jährige Bub hat in seinem Leben so gut wie alles verbockt. Lob kennt er nicht. Seit einigen Wochen aber kommt er jedes Mal strahlend aus dem Schwimmbad zurück. Diese Arbeit ist nicht zu bezahlen. Man darf aber auch niemals müde werden. Selbst dann nicht, wenn man von der eigenen Familie zum Teufel gejagt wird, weil man von fünf Arbeitstagen an vieren abends nach zehn heimkommt.“
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden
In Tarnabod beginnt die Disziplinierung nicht mit einem Eintrag ins Klassenbuch. Seit „Málta“, wie der Orden in der Gemeinde bezeichnet wird, von der Kommunalverwaltung den Betrieb des Kindergartens und der Schule übernommen hat, haben die Pädagogen den Grund für das aggressive Verhalten des einen oder anderen Schülers herausgefunden. Für die Lehrer stellt der Unterricht das geringste Problem dar. Häufig sind sie nämlich dazu gezwungen, Krisensitzungen zu halten, wenn die Wellen über dem Kopf eines Schülers zusammenschlagen. In solchen Fällen sitzen nicht selten ein Schuldenverwalter, ein Sozialarbeiter, ein Psychologe, die Direktorin und ein Vertreter der Roma-Minderheit an einem Tisch.
„Täglich kommen Eltern mit der Bitte zu mir, ob ihre Kinder nicht in der geheizten Schule bleiben dürfen, solange die Putzfrau die Schule reinigt. Das dauert bis sieben am Abend. Die Väter vieler unserer Schüler sitzen im Gefängnis. Bekommen sie einen Brief oder besuchen sie ihre Väter in der Haftanstalt, sind sie besonders auf uns angewiesen. In solchen Phasen beschäftigen wir sie noch mehr als sonst, wobei wir ihnen die Möglichkeit geben, sich ihre Qualen von der Seele zu reden. Es gab zum Beispiel einen Fall, als ein Junge einen Wutausbruch bekam. Tage später stellte sich heraus, dass seine Mutter, die ihn und seine Geschwister allein erzieht, einen Tumor hat. Am Morgen, bevor er die Schule kurz und klein schlagen wollte, hatte er seinen Verwandten dabei zuhören müssen, wie sie darüber stritten, was mit ihm und seinen Geschwistern nach dem Tod ihrer Mutter geschehen werde.“
Unser tägliches Brot gib uns heute
Die Kinder an der Schule in Tarnabod sind allesamt sozial benachteiligt. Das bedeutet, dass ihnen vom Gesetz her ein warmes Mittagessen zusteht, was auch vom Staat finanziell unterstützt wird. In diesem Dorf bekommen die Schüler drei Mal am Tag zu essen, im Kindergarten gibt es sogar vier Mahlzeiten am Tag, obwohl das Geld dafür äußerst knapp bemessen ist.

„Wenn der Malteserorden nicht ins Dorf gekommen wäre, hätte die Schule im September vielleicht gar nicht mehr geöffnet.”
„Die Kindergärtnerinnen wissen ganz genau, welche drei bis vierjährigen Kinder zu Hause nichts zu essen bekommen. Auf diese Kinder wartet schon morgens um acht ein großer Teller mit Butterbroten, wir können nicht bis zur Zehnuhrjause warten“, erklärt eine Kindergärtnerin.
„Die Mitarbeiter der staatlichen Gesundheitsbehörde sind so lächerlich, wenn sie mit ihren Kalorien-Tabellen ins Dorf kommen und uns dazu ermuntern, den Kindern Karotten zur Jause zu geben, weil die gesund seien“, empört sich die Direktorin. Natürlich sind sie gesund. Doch wie sollen es die Kinder mit Rüben im Magen bis zum nächsten Tag aushalten?“ „Im örtlichen Geschäft kann man nicht einmal Fleisch kaufen“, wirft die rechte Hand Erikas, der junge Vizedirektor, Imre Maszlag, ein. „Das könnte sich ohnehin niemand leisten.“ Ein Gebäude weiter frage ich die Drittklässler, was sie am liebsten essen. Viele Hände zeigen in die Höhe: „Tomatensuppe! Äpfel! Quark!“ „Ich mag Spaghetti am liebsten“, sagt ein kleines Mädchen mit tiefschwarzen Augen grinsend. Als hätte sie etwas Schelmisches gesagt. „Ja, und womit?“, frage ich unbedarft. Worauf sie verunsichert auf die Frau Lehrerin schielt. „Spaghetti halt“, flüstert sie noch einmal und grinst.
Und vergib uns unsere Schuld
Neben Gefängnissen, Prostitution, staatlicher Fürsorge, abmontierter Stromzähler, verheizter Parkettböden und ständiger Streitereien müssen sich die Kinder hier auch noch an zwei weitere Dinge gewöhnen: an die Alkoholdämpfe und den Zigarettenrauch, die in diesem Winkel des Landes noch glücklich machen. Erika Milibákné Veres hatte unter ihren Schülern einen Elfjährigen, der bereits Kettenraucher gewesen sei. Sie hatte aber auch einen Schüler, der von seinen Eltern wie ein Hund verprügelt wurde, wenn er „böse“ war. „Wissen Sie, ich sehe die Sache so, dass die Probleme hier viel größer sind, als dass sie auf einfache Verhaltensstörungen reduziert werden könnten“, erklärt der 72-jährige Roma-Dichter, -Schriftsteller, -Journalist, -Übersetzer und -Pädagoge, József Choli Daróczi, ehe er den Lovári-Sprachunterricht in der achten Klasse beginnt. Die Tafel wurde bereits vollgeschrieben: „Amaro raj, Devla / Kon san ando Cheri / Te svuncisajvelpe tyo anav / Te aveltar tyo them…“ Heutiger Unterrichtsstoff ist das in Lovári übersetzte „Vater Unser“. Onkel Choli, wie er in Tarnabod gerufen wird, unterrichtet hier die Roma-Sprache nicht mit dem Ziel, den Kindern diese fließend beizubringen. Vielmehr glaubt er, dass die Sprache Gemeinschaft schafft.
„Wenn es keine Gemeinschaft gibt, zerfällt die Moral, zerfällt das gemeinschaftsfähige Verhalten, zerfällt das Dorf! Noch dazu wurzeln die Probleme an diesem Ort tief: Die Grundschüler schmuggeln die Milch, die sie zur Zehnuhrjause bekommen, nach Hause, um ihre Geschwister im Säuglingsalter mit Nahrhaftem zu versorgen. Wenn meine Schüler das Klassenzimmer betreten, versammeln sie sich sofort um den Heizkörper, weil sie bis ins Mark durchfroren sind. Neunzig Prozent der Dorfbewohner warten Monat für Monat auf Sozialgelder vom Staat. Selbstverständlich wäre es eine gute Idee, wenn die Zigeuner in ihren eigenen Gärten damit beginnen würden, etwas anzubauen. Doch was soll man mit jemandem anfangen, der verständnislos dreinblickt, wenn ihm der Landwirt davon erzählt, wie Tabak anzubauen sei, hat er doch keinen blassen Schimmer davon, was Tabak überhaupt ist. Oder wenn ihm der Landwirt erklärt, er solle entlang der Furche die Samen ausstreuen. Doch was ist eine Furche? Was ist der Feldbau? Verstehen Sie? In dieser Gemeinschaft haben drei Personen das Abitur. Die anderen sind geistig und seelisch zurückgeblieben. Deshalb sage ich: Hier sollte man sich nicht nur mit der Schule beschäftigen, sondern mit der gesamten Ortschaft Tarnabod.
Wessen Aufgabe das sei, frage ich.
„Es ist meine Aufgabe. Warum? Weil man mich József „Christlicher Gott“ nennt. Wer, wenn nicht ich…“
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
Es kommt nicht von ungefähr, dass der Kosename der holländischen Mäzenin, der vor kurzem verstorbenen W.J. von Wetten-Rensen, nicht in voller Länge über dem Eingang zum Spielhaus eingraviert werden konnte. Die Geldgeberin, dank deren Spende die Malteser die Mietrechte für die Kneipe am Hauptplatz erwerben konnten, um dort 2007 ein Spielhaus, später eine Mensa zu betreiben, wurde Tante Miep genannt. Die Mitarbeiter des Malteserordens erachteten es aus mehreren Gründen für weiser, aus dem Kosenamen der Gönnerin den Buchstaben „e“ wegzulassen (MIÉP steht nämlich für die rechtsradikale, rassistische „Partei für Wahrheit und Leben“, die unter ihrem kürzlich verstorbenen Vorsitzenden István Csurka zwischen 1998 und 2002 sogar im ungarischen Parlament saß; Anm.), allein schon wegen der Tatsache, dass im Zuge der Mordserie gegen die Roma-Minderheit vor einigen Jahren mehrere Häuser in Tarnabod mit Molotow-Cocktails beworfen wurden. So trägt das Spielhaus, in dem nachmittags zu Kinderpflegerinnen ausgebildete Frauen aus dem Dorf auf die Schüler aufpassen, den Namen „Mip tanti“. Wenn auch das die Probleme des Dorfes nicht löst, ist der Vertreter der Roma-Selbstverwaltung in Tarnabod, József Farkas, überzeugt, dass der Hass gegen die Zigeuner nie und nimmer solche Ausmaße annehmen werde wie anderswo im Land.
Und führe uns nicht in Versuchung
Farkas berichtet auch davon, wie „vor Málta“ der Wucherzins fast das gesamte Dorf ausbluten ließ. Jeder im Dorf hatte Schulden, häufig standen Familien mit dem Zehn- und Zwanzigfachen der ursprünglich geliehenen Summe in der Kreide. „Es leben hier Familien, die keinen Strom haben. Die Kinder müssen nach der Schule ihre Hausaufgaben bei Kerzenschein und Kälte schreiben. Ich würde es nicht einmal wagen, diesen Menschen ein Kilo Fleisch zu geben, weil sie es reflexartig mit dem Wucherzins in Verbindung bringen würden. József Farkas könnte natürlich auch sagen, dass es in anderen Ortschaften noch viel schlimmer sei als in Tarnabod. Es gibt Dörfer, wo die Lehrer sich davor hüten, den Schülern die Schulbücher über das Wochenende mitzugeben, weil sie Angst haben, dass sie von den Eltern verheizt werden.
Sondern erlöse uns von dem Bösen
„Es ist unhaltbar, dass diese Kinder denselben Normen unterliegen wie die Sprösslinge der Budapester Intellektuellen. Es ist auch ein Irrsinn, dass man uns von oben weismachen will, was die Kinder hier zu essen haben, von den obligatorischen Kompetenztests ganz zu schweigen. Aber ich erzähle Ihnen noch eine Episode: Ich habe mit meinen schlaksigen Schülern im Pubertätsalter vor Kurzem eine Fabrik in einer nahegelegenen Ortschaft besucht. Die Burschen drängten sich beim Eingang nach vorne, sodass mich der Fabrikleiter ganz hinten gar nicht erblickte. Als er sah, dass die Kinder Zigeuner sind, hat er sie sofort hochkantig hinausbefördert.
Sie müssen mir aber auch glauben, dass seit der Mordserie an den Roma mindestens hundert Einwohner, die in Tarnabod Patrouille schieben, unser „Erziehungsprogramm“ absolviert haben. Fahren wir nachts von der Arbeit nach Hause, werden wir regelmäßig angehalten, um uns auszuweisen. Sagen wir ihnen, dass wir aus der Schule kommen, blicken sie jedes Mal mitleidig durch das Autofenster. Ich käme jeden Tag um eine halbe Stunde früher nach Hause, wenn ich nicht den Zwang verspürte, ihnen zu erklären, worin der Unterschied des Lebens ihrer Kinder und jenes meiner Zigeunerkinder besteht“, sagt Erika Veres in leicht bitterem Ton.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Acht Gehminuten von der Schule entfernt trottet zwischen dem Schafsstall und einem Düngerhaufen das Therapie-Pferd „Csinos“. Die Zügel des Pferdes hält der Heilpädagoge und Pferdetherapeut Gergely Kovács fest, der aus der Ortschaft Mezõkövesd regelmäßig hierher fährt. Dafür, dass die zwei Achtklässler und die zwei Fünftklässler erst zum achten Mal in ihrem Leben auf das Pferd steigen, sind sie schon für wagemutige Kunststücke zu haben, so knien sie nur mit einem Bein auf dem Rücken des Tieres, oder sie hocken auf ihm. Während ein Kind auf dem Pferd reitet, machen die anderen Gymnastikübungen.
„Ist es gut, dass Málta hier im Dorf ist?“, frage ich die Turner. „Ja, vor allem das Reiten und das Schwimmen gefällt uns“, schnaubt der älteste der Buben, der Koteletten trägt und bereits männliche Züge annimmt. „Die Schule ist jetzt zwar strenger, aber das macht nichts. Früher haben wir während des Unterrichts gemacht, was wir wollten. Jetzt üben wir so viel, dass wir vielleicht sogar mal weiterlernen können. Ich will auf jeden Fall Schweißer werden!“
„Ich Mechaniker oder Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes“, sagt der andere.
„Und was wirst du machen“, frage ich das stillste und schmächtigste der drei Kinder. „Ich werde ins Ausland oder nach Budapest gehen. Ich war schon mit Málta dort. Wir waren im Palast der Wunder (Millenáris; Anm.) und im Vergnügungspark. Wir durften alles ausprobieren, sogar das Riesenrad. Nur ist mir auf diesem schlecht geworden. Ansonsten lerne ich schon Englisch. My name is Jancsi Lakatos!“ (Jancsi ist die Koseform für János; Anm.), sagt er grinsend, während er sich in seinem Trainingsanzug noch kleiner macht. „Die Frau Direktorin wird noch erleben, dass aus mir ein Metzger in England wird!“
Amen!
Die Autorin ist Redakteurin der Tageszeitung Népszabadság. Der hier abgedruckte Text erschien am 11. Dezember 2011 ebendort.
Aus dem Ungarischen von Peter Bognar





