
Kein Interesse mehr an dem Mega-Pipeline-Projekt Nabucco: Mol-Manager György Mosonyi und Sándor Csányi letzten Donnerstag.
Der ungarische Mineralölkonzern MOL hat letzten Mittwoch erklärt, aus dem Pipeline-Projekt Nabucco auszusteigen. Begründung: die weitere Finanzierung des Projektes stehe auf wackeligen Beinen. Zudem seien die Erdgasquellen, welche die Gasleitung dereinst speisen sollen, nicht gesichert.
Einen Tag zuvor hatte Premier Viktor Orbán bereits in Brüssel eine entsprechende Erklärung abgegeben. Orbán begründete den Ausstieg darin damit, dass Nabucco in großen Schwierigkeiten stecke. Gleichwohl betonte der Regierungschef, es sei Teil der ungarischen Wirtschaftsstrategie, die Unabhängigkeit des Landes auf dem Gebiet der Energieversorgung auszubauen. Derzeit sei das Land nämlich in hohem Maße von russischem Erdgas abhängig. Aus diesem Grund wolle Ungarn neben den bestehenden Gasleitungen, die das Land mit Russland verbinden, auch Leitungen in die Slowakei, nach Kroatien und Italien schaffen, sagte Orbán. Der Premier erklärte, dass seine Regierung mit Blick auf die Energieversorgung Ungarns binnen drei Jahren der Abhängigkeit von nur einem Land (Russland) ein Ende setzen wolle.
Allerdings: Eine Woche vor seinem Treffen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, hatte sich Orbán mit dem Generaldirektor des russischen Gasriesen Gasprom, Alexei Miller, zu Gesprächen in Budapest getroffen. Thema der Unterredung: die geplante Gasleitung „South Stream“, deren Bau dem letzten Stand nach bereits in diesem Dezember beginnen solle. Mit einer Jahreskapazität von 63 Mrd. Kubikmetern soll sie unter Umgehung der Ukraine vom Schwarzen Meer über die Türkei nach Europa gelegt werden. Ungarn sei an dem Projekt sehr interessiert, versicherte Ministerpräsident Orbán nach dem Gespräch mit Miller. Außerdem betonte er, dass die Errichtung von „South Stream“ zeitgemäß und wichtig sei.
Derweil reagierte der österreichische Mineralölkonzern OMV auf die Äußerungen Orbáns zu Nabucco. So erklärte der OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss, dass er es zwar für gut halten würde, wenn Mol weiterhin Mitglied des Konsortiums bliebe, allerdings wäre dessen Ausstieg auch „keine Tragödie“. Dem „Projekt des Jahrhunderts“ gehe es „besser als je zuvor“, sein Schicksal hänge nicht davon ab, „wie der ungarische Regierungschef heute darüber denkt“, so Roiss weiter. Außerdem gab OMV bekannt, dass zur Senkung der Kosten die Länge der Pipeline kürzer werden soll als ursprünglich geplant. Dieses Szenario untermauerte auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das Blatt berichtete am Mittwoch, dass möglicherweise nur die Pipeline „Nabucco West“ gebaut werde, die dann zusammen mit der transanatolischen Gasleitung „Tanap“ Erdgas aus dem Kaspischen Meer in die Europäische Union liefern würde.
Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der oppositionellen Sozialisten (MSZP), István Józsa, übte scharfe Kritik an der Haltung von Regierungschef Orbán. Der Premier habe ohne das Wissen und Einverständnis der MOL-Leitung angekündigt, dass der nationale Mineralölkonzern nun doch nicht an der Errichtung der Nabucco-Pipeline teilnehmen werde. Dadurch habe Orbán Millionen von Gaskonsumenten in Ungarn verraten. Um die Energieabhängigkeit der ungarischen Bevölkerung und der hiesigen Unternehmen zu senken, sei das Land auf alle Gasleitungsprojekte in der Region angewiesen, sei es „South Stream“ oder die von russischem Erdgas unabhängige Nabucco-Pipeline, so Józsa. Die MSZP rufe Viktor Orbán deshalb auf, sich wegen der Energiesicherheit des Landes und der Einhaltung internationaler Verträge zum Nabucco-Projekt zu bekennen.
Die Nabucco-Pipeline ist seit dem Jahr 2002 in Planung. Sie hätte ursprünglich eine Länge von mehr als 3.900 Kilometern gehabt und die Länder Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich miteinander verbunden. Die Gasleitung, die mit Erdgas aus dem Kaspischen Meer und aus Gasfeldern in Zentralasien gespeist werden soll, wird jährlich bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa transportieren können. Erklärtes Ziel des Projektes ist es, Europas Unabhängigkeit von russischem Erdgas zu erlangen.




