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„Über uns das All“ von Jan Schomburg läuft in den ungarischen Kinos an

Liebe, die Visionen schafft

Georg Friedrich und Sandra Hüller: Die beiden Protagonisten.

Wie ist es, wenn man plötzlich feststellt, dass der Mensch mit dem man sein Leben geteilt hat, nicht der ist, für den man ihn immer gehalten hat? Martha Sabel, die Protagonistin des deutschen Kinofilms „Über uns das All“ muss nach dem Selbstmord ihres Ehemannes mit dessen Doppelleben fertig werden. Der Erstlingsfilm von Jan Schomburg wurde auf der Berlinale 2011 mit dem Preis des Europa Cinemas Label  ausgezeichnet und läuft nun in Ungarn in den Kinos an.

Budapester Zeitung: Glück­wunsch, Herr Schomburg, „Über uns das All“, Ihr erster Langfilm, war bei der Berlinale sehr erfolgreich. Ist das der Grund, warum er nun auch in Budapest in die Kinos kommt?
Jan Schomburg: Ich glaube nicht, dass das so eine große Rolle gespielt hat. Sofern ich mich erinnere, war der Film in Berlin schon erfolgreich angelaufen, noch bevor feststand, dass wir gewinnen. Aber es war natürlich schön, den Preis zu kriegen, weil man das Gefühl hatte, da gibt’s Leute, die glauben daran, dass es gut ist, den Film einem breiteren Publikum zu zeigen.

In welchen anderen Ländern wird der Film noch gespielt?
In Deutschland, Polen und in Frank­reich.

Nun ist der Film doch sehr deutsch, ein kinderloses Akademikerpaar, psychische Kämpfe, düsteres Wetter. Glauben Sie, der Rest von Europa findet Zugang zu ihm?
Ist das so? Das Lustige ist, dass viele Leute sagen, sie mögen den Film, weil er so wenig deutsch ist. Tatsächlich hat der Film auch mit dem gesellschaftlichen Druck zu tun, etwas darzustellen, erfolgreich zu sein. Das wirkt sich dann so sehr auf zwischenmenschliche Beziehungen aus, dass man, wenn man scheitert, sich nicht traut, es selbst seinen Vertrautesten zu sagen. Und es gibt in Deutschland sehr viele Men­schen, die solche Doppelleben führen.

Die Hauptdarstellerin scheint glücklich verheiratet zu sein, bis sich ihr Mann das Leben nimmt. Es stellt sich heraus, dass er nicht der war, für den ihn Martha gehalten hatte. Statt diesem Rätsel auf den Grund zu gehen führt Martha ihre Beziehung einfach fort – nur mit einem anderen Mann. Wie sind Sie auf die Story gekommen?
Mir wurde eine ähnliche Geschichte erzählt, als ich meinen Zivildienst gemacht habe, und ich war fasziniert und auch schockiert von dieser Idee, dass man die Person mit der man zusam­men­lebt nicht kennt. Und dann dachte ich, gibt es überhaupt eine andere Form von Zusammen­leben? Ist die Lie­be nicht etwas, was zwar eine Leer­stelle der Fremdheit überwindet, aber gleichzeitig auch eine Vision von der anderen Person schafft, die nie die Person ist, sondern immer etwas anderes?

Regisseur Jan Schomburg spricht über seinen ersten Langfilm.

Sandra Hüller, die die Hauptrolle spielt, brilliert in dem Film. Ihre Trauer, ihr Trotz und ihr Humor wirken hundertprozentig authentisch.
Sandra hat da so ein schlafwandlerisches Gefühl für die Stilsicherheit mit der sie eine Figur spielt. Gerade wenn es eine Figur ist wie diese, die so radikale psy­cho­logische Wechsel durchmacht, ist es wichtig, dass man als Zuschauer nah an der Figur dran ist, sonst denkt man vielleicht, die ist verrückt, weil man nicht mehr nachvollziehen kann, was sie macht. Man sieht keine Brüche in der filmischen Rea­lität, die sie darstellt, und das ist wirklich ziemlich einzigartig.

Die Endszene überrascht. Glauben Sie daran, dass es mehrere „wahre Lieben“ im Leben geben kann?
Ich weiß selber nicht, ob dass so geht, eine Liebe durch eine andere zu ersetzen, gleichzeitig ist man immer wieder erstaunt, was alles möglich ist in der Liebe, und wie schnell sich Menschen weiterentwickeln. Ich glaube, das Ende ist vor allem eine Provokation im filmischen Bereich. Weil es bestimmte Regeln gibt, wie beispielsweise Trau­ma­tisierungen zu Ende zu erzählen, und das wird hier nicht gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.

„Ketten az ég alatt“
Ab 5. April in den Kinos Müvész, Odeon-Lloyd,
Toldi und Uránia
ab 16 Jahren

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