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Keine Kolonie, sondern ein Bundesland!

Während immer wieder posaunt wird, dass wir „nicht zur Kolonie degradiert“ werden wollen, hat sich die ungarische Volkswirt­schaft – nicht zuletzt durch die großen Auto­mobilhersteller, die sich hier niedergelassen haben – praktisch in die deutsche Wirtschaft integriert. Minister­prä­sident Viktor Orbán formulierte während eines kürzlichen Besuchs in München wie folgt: „Wenn wir die wirtschaftliche Landkarte betrachten, dann gehört Ungarn zur Industrie­zone Süddeutsch­lands.“

Mit dieser Aussage habe ich speziell kein Problem. Ich erkläre auch, warum.
Die Wirtschaftsleistung Ungarns, sprich das Bruttoinlandsprodukt (BIP), beläuft sich jährlich auf rund 28 Billionen Forint, die Ausfuhren in die Europäische Union betragen etwa 17 Billio­nen. Diese Summe entspricht rund 80 Prozent des ungarischen Ex­ports, davon geht ungefähr ein Drittel nach Deutschland.
Wer bis zwei zählen kann, wird es unterlassen, in Frage zu stellen, ob sich die Mit­glied­schaft in der Europäischen Union lohnt oder nicht. Ich möchte gegenüber dem voreinge­nom­menen und verblendeten rechtsradikalen Lager bloß darauf hinweisen, dass das ungarische Außenhandelssaldo mit der westlichen Gemeinschaft Ende 2011 ein Plus von knapp drei Billionen Forint aufwies. Wäre die deutsche Wirtschaft 2011 nicht galoppiert, befände sich Ungarn schon längst in einer Rezession. Nicht zuletzt dank der angelaufenen Produk­tion im jüngst eingeweihten Mercedes-Werk in Kecskemét wird Ungarn wohl auch in diesem Jahr an einer Rezession vorbeischrammen. Schon der Bericht der EU-Kommission im vergangenen Herbst stellte fest: Das ungarische BIP-Wachstum werde 2012 nur deshalb im Plus sein, weil die Großinvestitionen von Mer­cedes und dem südkoreanischen Reifen­her­steller Hankook der hiesigen Wirtschaftsleistung einen mächtigen Schub verleihen.
Während in diesem Jahr Mercedes der Treibriemen der ungarischen Makrowirtschaft ist, sind es im kommenden Jahr Audi und Opel. Diese Investitionen tragen pro Jahr nicht weniger als ein halbes Prozent zum ungarischen BIP-Wachstum bei, was nicht ohne ist, liegt doch das jährliche Durchschnitts­wachstum schon seit Jahren bei 1,5 Prozent.
Gar nicht zu sprechen davon, dass bei der Errichtung der Werke in Kecskemét, Gyõr und Szentgotthárd zum Großteil ungarische Unternehmen zum Zug kamen beziehungsweise kommen. Neben den drei großen deutschen Automobilherstellern sind in Ungarn nahezu 8.000 Firmen deutscher Provenienz tätig. Noch wichtiger ist indes, dass diese Unter­nehmen mehr als 300.000 Arbeits­plätze geschaffen haben. Es ist nicht besonders schwer auszurechnen, dass die in Un­garn tätigen deutschen Firmen über einer Million ungarischer Staatsbürger das Aus­kom­men sichern. Es gibt kein anderes Land auf dem Globus, das einen derart großen Einfluss auf uns hätte wie Deutschland.
Im Vorstehenden war aber nur von den sogenannten Flaggschiffen die Rede: Neben Audi, Mercedes und Opel hat beispielsweise Bosch hierzulande mehrere Fabriken errichtet, die ZF Hungária wiederum betreibt in Eger ihr globales Zentrum zur Produktion von Gangschaltungen – anderswo geht man vor diesen Marken auf die Knie.
Inmitten der großen Verneigungen gebe ich zugleich aber auch zu, dass viele staatliche Regelungen – Fachausbildung, Forschung und Entwicklung, Erweiterung von Indus­trie­flächen – mehr oder minder nach dem Willen der deutschen Unternehmen geschaffen werden. Hinzu kommt, dass das Lohn­niveau der hiesigen Arbeitskräfte etwa ein Drittel des Einkommensniveaus in Deutsch­land ausmacht. Darüber hinaus ist die Lobby der deutschen Firmen dermaßen stark, dass sie bei den „geschäftlichen“ Entscheidungen der ungarischen Regierungen ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Und würde der Staat die kleinen und mittelständischen ungarischen Unternehmen genauso fördern wie die steinreichen und profitablen deutschen Un­ter­nehmen, dann gäbe es hierzulande wohl auch weniger Firmenkonkurse. Oben­drein werden die ungarischen Firmen von den Multis häufig außen vor gelassen – die Situa­tion des Zuliefermarktes könnte weit besser sein!
Ungeachtet dieser Gegebenheiten ist es dennoch lohnenswert, ein „süddeutsches Bundesland“ zu sein. Seit vier bis fünf Jahren werden von den hiesigen Unternehmen kaum Investitionen getätigt, ihre Geschäftstätigkeit wird vom klammen Binnenmarkt außerdem massiv erschwert. An die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen ist in einem wirtschaftli­chen Umfeld wie diesem also kaum zu denken.
Es ist natürlich fraglich, ob wir uns inmitten der affektbeladenen, teils hysterischen Anti-EU-Stimmung mit dem Status als „Bundesland“ überhaupt abfinden können.
Und auch mit den Tatsachen!

Der Autor ist Publizist der regierungsnahen rechtskonservativen Tageszeitung Magyar Hírlap. Der hier abgedruckte Text erschien am 28. März 2012 ebendort.

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2 Responses to “Keine Kolonie, sondern ein Bundesland!”

  1. babel says:

    Eine Anmerkung soll hier sein:
    “die ungarischen Firmen werden von den Multis häufig aussen vor gelassen”
    Die ‘Multis’ suchen händeringend nach ungarischen Zulieferern, aber es gibt viel zu wenige, welche den QS-Normen gerecht werden.
    Glaubt man hier tatsächlich, dass die Multis viele Komponenten aus Profitgier in D,F,GB… herstellen lassen, diese dann durch halb Europa transportieren, weil das so günstig ist?
    Meiner Meinung nach haben die ‘ungarischen Firmen’ geschlafen und davon geträumt ‘steinreich und profitabel’ zu sein.

  2. Irma Diener says:

    Bevor der ungarische Mittelständlier sein Angebot verständlich abgibt, lädt der vergleichbare Wettbewerber aus “hinter Hegyeshálom westlich”, bereits die Ware auf dem ungarischen Fabrikhof ab.

    Es fehlen kaufmännische Selbstverständlichkeiten, es gibt kaum Kooperationen mit anderen Unternehmern,keiner traut dem anderen. Simple Höflichkeit im geschäftlichen Umgang fehlt, in den wenigsten Mails steht auch nur “Guten Tag”. Ein krudes Angebot im Anhang ist oft alles. Die wenig motivierten Mitarbeiter verdienen gerade mal den Mindestlohn.

    Nach dem Motto: “Wer hat den Größten” kauft sich dafür der Chef den aktuellsten SUV oder das noch größere Boot vor der kroatischen Küste.

    Gier frißt Hirn! Kein Wunder, dass hierzulande der Mittelstand nicht in die internationalen Strümpfe kommt.

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