
EU-Parlamentarier János Áder: Bald könnte er vom Abstellgleis in die ungarische Politik zurückkehren.
Das Blatt hat sich in den vergangenen Tagen gewendet. Vor Ostern hatte es noch danach ausgesehen, dass Parlamentspräsident László Kövér aussichtsreichster Kandidat für das Präsidentenamt ist. Seither hat sich die Situation dahingehend geändert, dass der Fidesz-Europaparlamentarier János Áder das Rennen machen dürfte. Oder anders: Laut Medienberichten wird Regierungschef Viktor Orbán den Fraktionen der Regierungsparteien Fidesz-KDNP wohl János Áder, 52, als Kandidaten für das Amt des Staatsoberhauptes vorschlagen. Wie die linksliberale Tageszeitung Népszabadság berichtete, habe Áder Orbán aber noch keine Zusage gegeben.
Parlamentspräsident Kövér hatte in der Vorwoche sowohl gegenüber der konservativen Wochenzeitung Heti Válasz als auch gegenüber dem Nachrichtensender Echo TV gesagt, dass er sich der Verantwortung nicht entziehen wolle, doch kenne er einen besseren Kandidaten als sich selbst: János Áder. Gleichzeitig war aus dem Umfeld von Viktor Orbán zu hören, dass der Ministerpräsident László Kövér im Präsidentenpalast, dem Sándor-Palais, sehen wolle. János Áder soll auf der Liste des Premiers aber ebenfalls ganz oben stehen: Laut „vertraulichen Informationen“ der Népszabadság will Orbán alles in die Waagschale werfen, um einen seiner alten Weggefährten, Kövér oder Áder, zum Staatsoberhaupt zu machen. Áder und Kövér sind ebenso wie Orbán Gründungsväter der Regierungspartei Fidesz.
Akademie-Präsidenten als Plan B
In den Medien kursierten Gerüchte, wonach Orbán auch einen Plan B im Köcher habe, sprich Kandidaten, die keine Vergangenheit als Parteipolitiker haben. Hierbei werden neben dem Minister für nationale Ressourcen, Miklós Réthelyi, die Namen des ehemaligen und gegenwärtigen Präsidenten der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), Szilveszter E. Vizi und József Pálinkás, der ehemalige Regierungschef Péter Boross (1993-1994) und Sándor Lezsák, der Mitbegründer der ersten Regierungspartei in Ungarn, des Ungarischen Demokratenforums (MDF), genannt. Laut dem Juniorpartner in der Regierungskoalition, den Christdemokraten (KDNP), sei auch der derzeitige ungarische Botschafter in Washington, György Szapáry, im Gespräch.
Weg zu Plan B führt über Áders und Kövérs „Nein”
Diese Personen dürften allerdings nur dann zum Zuge kommen, wenn sowohl Áder als auch Kövér es ablehnen, Staatsoberhaupt zu werden. Aus heutiger Sicht ist allerdings davon auszugehen, dass János Áder dem Wunsch von Viktor Orbán nachkommt und sich zum Nachfolger von Pál Schmitt küren lässt. Wie die staatliche Nachrichtenagentur MTI berichtete, will das Fidesz-Präsidium heute, Freitag, über die Wahl eines neuen Präsidenten beraten. Angeblich wird dabei auch János Áder anwesend sein.
Verhältnis Orbán-Áder hat sich wieder eingerenkt
Das Verhältnis der beiden Fidesz-Urgesteine Viktor Orbán und János Áder war wegen Meinungsverschiedenheiten, die in die Zeit der verlorenen Parlamentswahlen 2006 zurückdatieren in den vergangenen Jahren ziemlich angespannt. Wegen der Entfremdung von Orbán suchte Áder denn auch das Weite und ging 2009 als Europaparlamentarier nach Straßburg und Brüssel. Nun scheinen die beiden Politiker aber offenbar wieder zueinander gefunden zu haben.
Zur Erinnerung: Am Donnerstag vor zwei Wochen wurde Staatsoberhaupt Pál Schmitt von der Budapester Semmelweis-Universität der Doktortitel aberkannt. Zwei Tage zuvor hatte eine Expertenkommission festgestellt, er habe fast seine gesamte Dissertation aus dem Jahr 1992 von anderen Autoren, einem bulgarischen Sportwissenschaftler und einem deutschen Sportsoziologen, abgekupfert. Am Montag vergangener Woche schließlich trat Schmitt, der im August 2010 ins Amt gewählt worden war, mit einer kurzen Rede im Parlament offiziell als Staatspräsident zurück.





