
Die Kulturverantwortlichen der Botschaften Österreichs, der Schweiz und Deutschlands: Elisabeth Kornfeind, Dóra Hambuch und Raymond Dequin
Zu einem anregenden und lebhaften Gespräch trafen sich an einem Dienstagnachmittag im schönen Ambiente des Gerbeaud Kaffeehauses die Kulturverantwortlichen der Botschaften Deutschlands, der Schweiz und Österreichs. Deutschland wurde vom Kulturattachee Raymond Dequin, die Schweiz von Kulturassistentin Dóra Hambuch und Österreich von der Leiterin des Österreichischen Kulturforums Elisabeth Kornfeind vertreten.
Nach einer freundlichen Begrüßung und dem ersten Schluck Kaffee tauschten die drei Kulturbeauftragten im Gespräch ihre mannigfaltigen Erfahrungen aus und kamen dabei auch auf kulturpolitische Unterschiede zu sprechen.
Was wird von Ihnen, also den Auswärtigen Ämtern und Ihren Botschaften im Land unterstützt und warum?
EK: Österreich legt regelmäßig – zuletzt 2011 – ein umfassendes Auslandskonzept fest, das weltweit gültig ist und als Basis für die Arbeit der österreichischen Kulturforen weltweit dient. Die dort genannten Schwerpunkte können jedoch auf unterschiedliche Weise und dem jeweiligen Land entsprechend interpretiert werden. Mit unserem derzeitigen Budget veranstalten wir über das Österreichische Kulturforum (ÖKF) etwa 140 Projekte im Jahr, in einigen ungarischen Städten in Kooperation mit Österreich-Lektoren (die vom Österreichischen Austauschdienst ÖAD) finanziert werden und vier Österreich-Bibliotheken, die dem österreichischen Außenministerium unterstehen. Es ist in meinen Augen praktisch, dass das ÖKF von einem Diplomaten geleitet wird, der die finanziellen Mittel, Kontakte und Projekte in einer Hand behält und so besser planen kann. Auch können wir den Begriff Kultur sehr weit auffassen. Seminare und Workshops mit politischen Themen oder Unterstützung von Wissenschaft und Forschung gehören ebenfalls zu unserem Leitungsspektrum.
RD: Die Kulturaktivitäten Deutschlands werden im Gegensatz zu Österreich nicht direkt vom Auswärtigen Amt gesteuert und gefördert, sondern laufen über die Mittler Goethe Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) und den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Die Botschaft steuert Fördermittel bei oder unterstützt punktuell Ausstellungen wie zum Beispiel „Made in Wonderland“, die noch bis Ende des Monats läuft (Die BZ berichtete). Die Vertretung wirkt eher im Bereich der Regierungskontakte, im Stiftungsrat der Andrássy Universität und im Deutsch-Ungarischen Bildungszentrum.
DH: Auch die Schweiz hat nicht direkt ein Kulturbudget für die Botschaften. Für jedes Projekt muss ich einen Antrag beim Auswärtigen Amt oder bei Stiftungen wie Pro Helvetia stellen. Auch gibt es ein Kompetenzzentrum für Kulturaußenpolitik, bei dem ich anfragen kann.
Zu unserem festen Programm gehören zweimal pro Jahr Gastvorträge an der Andrássy Universität und in der schweizerischen Residenz, regelmäßige Lesungen und Konzerte. Große eigene Räumlichkeiten haben wir im Gegensatz zum Österreichischen Kulturforum nicht, deswegen behelfen wir uns mit ungarischen Partnern, die diese zur Verfügung stellen. So konnten langjährige Kooperationen und gemeinsame Projekte entstehen. Jedoch ist es der Schweiz auch wichtig, alle Sprachen ihres Landes im Ausland zu vertreten und zu unterstützen. Aus diesem Grund sind die Projekte, die wir fördern auch sehr unterschiedlich. Jedoch planen wir nicht unbedingt selbst, sondern bekommen viele Anfragen, auf die wir reagieren. Kooperationen sind in der Vergangenheit zum Beispiel mit dem Österreichischen Kulturforum, dem Französischen und Italienischen Institut entstanden, und im Moment tragen wir auch die laufende Ausstellung St. Gallen Adventures im Museum für Schöne Künste mit. (Die BZ berichtete Nr.13)
Welchen Stellenwert nimmt für Sie die deutsche Sprache in Ungarn ein?

„Jedoch mussten wir auch erkennen, dass an den Universitäten weniger Germanistik studiert wird und es eher um die gesprochene Sprache und nicht um Literatur und Struktur geht.“ Elisabeth Kornfeind
EK: Ich denke, Deutsch ist sehr wichtig in Ungarn und meiner Meinung nach kulturell und historisch ein bestimmendes und verbindendes Element.
DH: Dem kann ich nur zustimmen, obwohl ich auch das Gefühl habe, dass Englisch immer mehr an Gewicht gewinnt, besonders bei den Jugendlichen. Es ist ein Muss.
RD: Es ist eben so, dass Deutsch nicht in Konkurrenz zu Englisch steht, denn letzteres brauchen wir immer. Deutsch und andere Sprachen nicht unbedingt. Jedoch muss ich betonen, dass ich davon sehr beeindruckt bin, wie viele Menschen in Ungarn Deutsch sprechen, noch dazu sehr gut. Die gewachsenen Kulturbeziehungen zwischen Ungarn und den deutschsprachigen Regionen, die Frau Kornfeind bereits angesprochen hat, die auf Sprache basieren, sind sehr alt und vielfältig, sie transportieren Geschichte. Deswegen ist Deutsch trotz allem kein Selbstzweck.
EK: Die ungarische Sprache hat mitunter in Satzaufbau und Struktur gewisse Ähnlichkeiten mit dem Deutschen. Ich denke aber nicht, dass wir bei Sprachen in Hierarchien denken sollten. Natürlich ist Englisch eine Basis und wichtig für alle Belange, die mit dem Ausland zu tun haben. Sprachen lernen sollte man jedoch in erster Linie für die Sprache an sich.
Zustimmendes Nicken in der Runde.
Das heißt, Deutsch ist beliebt in Ungarn?
EK: Auf jeden Fall. Wir machen das an der Beliebtheit unserer Sprachkurse, der Deutschen und den Österreichischen Schulen in Budapest und den zweisprachigen Schulen allgemein fest. Jedoch mussten wir auch erkennen, dass an den Universitäten weniger Germanistik studiert wird und es eher um die gesprochene Sprache und nicht um Literatur und Struktur geht.
RD: Das Interesse nimmt merklich zu, und die Nachfrage steigt. Wir sehen das zum Beispiel an den Schulen der Partnerschafts-Initiative (PASCH), an denen die Schüler ein deutsches Sprachdiplom erhalten können.
Sie sind unterschiedlich lange in Budapest. Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt verändert?
RD: Nun, bei mir nicht viel. Ich bin seit Herbst 2011 hier und konnte seitdem noch keine besonderen Veränderungen feststellen. Die Kulturbeziehungen werden durch ihre Stabilität und langjährigen Verbindungen getragen, auch wenn sich das Umfeld ändert. Geräusche aus der politischen Ecke berühren den Kulturraum kaum. Länder sollten sich kennen. Man investiert durch die Pflege der kulturellen Beziehungen in die Zukunft, das kann über politische Differenzen hinweghelfen.
EK: Zuerst ist zu sagen, dass für Diplomaten ein Regierungswechsel, wie er 2010 geschehen ist, immer Herausforderungen wegen der damit verbundenen personellen Veränderungen in sich birgt. Es entsteht dadurch ein neues Umfeld, das neue Kontakte und Inhalte mit sich bringt. In manchen Bereichen muss man sich auf eine neue Partnerschaftssuche begeben, wobei man eine gemeinsame Basis schaffen sollte. Bis man weiß, was die andere Seite will und in welcher Form eine Zusammenarbeit für beide Seiten lohnend ist, können in der Projektarbeit manchmal Jahre vergehen.

„Für die Schweiz ist es ein Anliegen, seine eigene spezifische Kultur in Ungarn bekannter zu machen, und das soll durch regen Austausch erreicht werden. Dadurch entstehen neue Kontakte, die wieder zu neuen Projekten führen können.“ Dóra Hambuch
DH: Ich denke es gibt keine großen Unterschiede, die gleichen Festivals mit den gleichen Organisatoren. Jedoch wird es mit dem Budget immer schwieriger und dieser Punkt kann nicht außer Acht gelassen werden. Auch müssen wir öfter mit nichtstaatlichen Sponsoren zusammenarbeiten als früher.
RD: Die Budgetschwierigkeiten und die damit zusammenhängenden Umstrukturierungen werden auf lange Sicht bestimmt zu neuen Partnern führen.
EK: Aber dieser Prozess ist auch nichts Ungewöhnliches.
Wie meinen Sie das?
EK: Die Umstrukturierungen werden auch durch die wirtschaftliche Situation Ungarns bestimmt. Ähnliches sieht man auch in Österreich. Vieles, was in der Vergangenheit finanzierbar war, kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Ich denke da vor allem an die große Dichte kultureller Einrichtungen in Budapest. Da muss es wohl Veränderungen geben, obwohl natürlich der umfassende Erhalt der vielfältigen Kulturstätten wünschenswert wäre.
RD: Ein Staat muss in erster Linie seine Institutionen am Leben erhalten. Viele nichtstaatliche Akteure hängen von ihnen ab.
Wie schätzen Sie die momentane Situation in Ungarn ein?
RD: Die Medienaufmerksamkeit, die Ungarn im Moment aus politischen Gründen bekommt, ist groß und das Ausland ist nicht über alles gut unterrichtet. Das mag auch an der Zeitnot der Journalisten liegen, ist aber auf jeden Fall bedauerlich. Die Dichte der Kontakte ist an sich gar nicht so schlecht, aber sie scheinen nicht immer genutzt zu werden. Auf der Projekt- und Arbeitsebene bin ich eigentlich zufrieden. Man muss aber immer darauf achten, dass die wichtigen Akteure des deutschen und ungarischen Kulturlebens tatsächlich und nicht nur vermeintlich miteinander in Verbindung stehen und Gespräche initiieren, die uns weiterbringen.
EK: Es gibt irgendwo einen Umbruch im Land. Auch macht dieser Zwang zur Veränderung zum Teil traurig, denn ein kompletter Neustart ist nicht immer das Beste. Ich beobachte, dass in letzter Zeit einige Künstler ins Ausland gegangen sind, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation in Ungarn. Außerdem ist die alternative Kulturszene weniger sichtbar als noch vor einiger Zeit.
Momentan wird in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa viel über die Krise gesprochen. Krisen bieten jedoch auch eine Möglichkeit für neue Impulse und Aktivitäten, die einen Nährboden für mehr Kultur schaffen.
RD: Es muss hinzugefügt werden, dass sich auch Identität und Identitätsfindung im Wandel befinden. Der Raum der Kultur ist weiter als die Räume der Politik und der EU, er wird aber durch diese beeinflusst. Entwicklungsprozesse und Veränderungen finden immer statt, es wäre auch langweilig, wenn dem nicht so wäre. Wir erleben im Moment – Gott sei Dank – spannende Zeiten.
Also führt die politische Krise zur Kulturkrise?
RD: Die Krise der öffentlichen Haushalte beschränkt sich ja nicht auf Ungarn, sondern ist in der ganzen EU zu spüren. Es ist eine sehr komplexe Welt, in die alles gehört, was im Kulturraum gespielt, geschrieben, gehört und gedacht wird. Es ist die Aufgabe der Botschaft, die Verbindungen zwischen Behörden und Regierungen aufrechtzuerhalten. Kultur ist eigentlich Privatsache. Zwar gehört die Besetzung der Posten, die Steuerung und Finanzierung noch zur Politik, aber die Ausführung sollte nicht in den Händen von politischen Kräften liegen. Denn bei den Inhalten kann man es eh nie allen recht machen. Das ist unmöglich. Für die einen ist etwas avantgardistisch, für die anderen angestaubt. Kultur ist eine Reise, die vom Staat nur initiiert und nicht für Mediengutwetter missbraucht werden sollte.
EK: Da muss ich ein wenig widersprechen. Kultur fördern ist ein Ausdruck der Politik. Nicht unbedingt eine Einmischung, aber ein Signal, dass Kultur ein wichtiges politisches Anliegen darstellt. Es werden damit Ziele und Möglichkeiten im breiten Umfang praktisch festgelegt. Die Frage ist nur, wer diese Handlungsräume wie absteckt.
Kultur sollte frei sein und Unterstützung von allen Seiten bekommen, was in Mitteleuropa durch das Fehlen von großen, flächendeckenden privaten Förderern etwas komplizierter ist als in Westeuropa.

„Jedoch muss ich betonen, dass ich davon sehr beeindruckt bin, wie viele Menschen in Ungarn Deutsch sprechen, noch dazu sehr gut.“ Raymond Dequin
RD: Genau an dieser Schwäche des Mäzenatentums muss gearbeitet werden.
Lohnt sich Kulturarbeit?
EK: Wir stellen bei den Projekten keinen unmittelbaren Kosten-Nutzen-Plan auf. Also kann man das nicht so einfach beantworten.
DH: Stimmt. Und ein größeres Publikum bedeutet auch nicht mehr Nutzen.
EK: Natürlich hoffen wir immer darauf, dass viele Leute zu unseren Veranstaltungen kommen und an unseren Projekten teilnehmen, manchmal werden wir enttäuscht, andere Male, wie bei der Wittgenstein-Reihe auch angenehm überrascht. Vorher kann man das nie wissen. Aber auch wir müssen unsere Projekte evaluieren, ob eben damit das Ziel, das wir uns gesetzt haben, erreicht wurde oder eben nicht, was falsch gelaufen ist und so weiter. Es ist manchmal eine mühselige Arbeit, weil die Kriterien für die Bewertung oft nicht wiedergeben können, was ein Programm wirklich gebracht hat. In der Kulturarbeit zeigt sich das auch manchmal zeitverschoben.
DH: Aber es ist schon toll, wenn das Publikum sich austauscht, zu einem Dialog findet und sich neue Kontakte ergeben.
RD: Kulturarbeit kann gelegentlich sehr politische Auswirkungen haben. Ich denke, dass die guten Beziehungen und die historische Verbindung zwischen Ungarn und Deutschland zur damaligen ungarischen Grenzöffnung und zur Deutschen Vereinigung beigetragen haben. Ein weiteres Beispiel ist die Unterstützung der Deutsch-Ungarischen Minderheit. Diese Hilfe hat sich im Laufe der Zeit verändert, war aber seit dem Zweiten Weltkrieg und den Vertreibungen immer präsent. Die Förderung der Deutschen Bühne Ungarns hat zwar keine Ausstrahlung auf ganz Ungarn und ist auch kein Einstieg in das ungarische Theaterleben, könnte jedoch zu vermehrter Zusammenarbeit von Deutschen und Ungarischen Bühnen führen. Die Finanzierung von Projekten und Programmen hat immer eine günstige Ausstrahlung und Wirkung auf die Umwelt.
Was können Sie also persönlich mit Ihrer Arbeit bewirken?
EK: Wie schon gesagt, sollten Nachbarn sich kennen, das gelingt besonders über kulturelle Aktivitäten. Durch die gemeinsame Geschichte, geographische Nähe, Kultur- und Studentenaustauschprogramme können Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdeckt und gepflegt werden. Projekte, die wir fördern und unterstützen, sollen zum Nachdenken anregen. Deswegen versuchen wir in vielen Bereichen Impulse zu setzen, um die Weiterentwicklung der kulturellen Beziehungen zu unterstützen.
DH: Für die Schweiz ist es ein Anliegen, seine eigene spezifische Kultur in Ungarn bekannter zu machen, und das soll durch regen Austausch erreicht werden. Dadurch entstehen neue Kontakte, die wieder zu neuen Projekten führen können. Wir versuchen jetzt auch unsere Kräfte zu bündeln und erarbeiten gerade mit dem ÖKF und dem Goethe Institut eine gemeinsame Filmwoche im Herbst. Auch ist es uns wichtig, die alternative Kunst weiter zu unterstützen.
RD: Spannungen, die ja schon vorher angesprochen wurden, existieren eigentlich in jeder Gesellschaft. Mit meiner Arbeit möchte ich einen Beitrag zu mehr Dialog im Land leisten.
EK: Was mir letztens positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in Ungarn drei deutschsprachige Kulturinstitute tätig sind und der Markt trotzdem für alle drei groß genug ist. Das habe ich in dieser Form noch nirgendwo erlebt.





