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Das Staatsoberhaupt hat Plagiat begangen

Pál Schmitt wurde die Doktorwürde aberkannt

Auf 200 der 230 Seiten der Arbeit fanden sich bisher Übereinstimmungen.

Obwohl sich die schweren Vorwürfe gegen Staatspräsident Pál Schmitt letzten Endes bewahrheiteten, war die Berichterstattung der regierungskritischen Zeitung Népszabadság dann doch etwas respektlos: Bereits am Mittwoch stand auf ihrer Titelseite in großen Lettern „Doktor Plágium“ und die Überschrift einer Glosse unmittelbar daneben lautete gar „Dieb!“

Die Breitseite des oppositionellen Blattes gegen Schmitt kommt freilich nicht von ungefähr. Am Dienstag legte eine fünfköpfige Kommission der Budapester Sem­mel­weis Universität einen mehr als 1.000 Seiten starken Bericht vor, in dem untersucht wird, ob Pál Schmitt beim Abfassen seiner Dok­tor­arbeit Plagiat begangen hat. Der ehemalige Fechtolympiasieger Schmitt hatte 1992 den Doktortitel erhalten, damals noch an der Uni­versität für Körpererziehung und Sportwissenschaften, deren Rechts­nachfolger die Semmelweis Univer­sität ist. Thema seiner Dissertation: „Das Programm der Olympischen Spiele in der Neuzeit“

Untersuchungskommission: Schmitt hat abgekupfert

Aus dem Bericht der Untersu­chungs­kommission geht hervor, dass die Doktorarbeit Schmitts von formellen Fehlern nur so wimmelt. So hat er etwa die Zitierregeln völlig außer Acht gelassen. Doch was noch viel schwerer wiegt, ist die Feststellung, dass sich 180 Seiten der Doktorarbeit Schmitts „über weite Strecken“ mit einem Werk des bereits verstorbenen bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolai Georgiev decken. Weitere 17 Seiten hat der ungarische Präsident aus einer Arbeit des deutschen Sportwis­sen­schaftlers Klaus Heinemann sogar „in vollem Umfang“ abgeschrieben.
Die Untersuchungskommission kommt am Ende ihres Berichts allerdings zu einem im Lichte ihrer Erkenntnisse überraschenden Schluss. Zwar räumt sie ein, dass die Doktorarbeit Pál Schmitts auf „ungewohnt umfangreichen textgetreuen Übersetzungen beruht“, sie weist die Schuld jedoch nicht Schmitt zu, sondern seinen damaligen Oppo­nen­ten und der Universität.

Ihre Begründung: Diese hätten ihm nicht darauf aufmerksam gemacht, dass seine Doktorarbeit nicht den Vorschriften entspreche. Vie­le Beobachter vermuten hinter diesem irritierenden Resümee den Versuch, dem Staatsoberhaupt einen letzten Rettungsring zuzuwerfen.
Die Mitglieder der fünfköpfigen Untersuchungskommission waren der Dekan des Lehrstuhls für Kör­per­erziehung und Sportwissen­schaf­ten der Semmelweis Uni­ver­sität, Miklós Tóth, der Leiter der Doktorenschule der Semmelweis Universität, Károly Rácz, der Pro­fessor am Lehrstuhl für Körper­er­ziehung und Sportwissenschaften der Semmelweis Universität, János Gombocz, der stellvertretende De­kan für Sportwissenschaften an der Semmelweis Universität, Etele Kovács, und der Anwalt Ákos Fluck. Letztgenannter verfasste auch eine Einzelmeinung, in der er seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass es sich bei der Dissertation von Pál Schmitt zum Teil um ein Plagiat handelt.

Schmitt fühlte sich durch den Bericht zunächst bestätigt

Schmitt seinerseits nutzte die zweideutige Formulierung des Kommissionsberichts dazu, um seine Unschuld zu untermauern. Auf einer Auslandsreise in Südkorea ließ er am Mittwoch verlauten, dass er nicht daran denke zurückzutreten. Vielmehr fühle er sich durch den Bericht der Untersuchungs­kom­mis­sion darin bestätigt, nichts falsch gemacht zu haben. Schmitt hatte schon früher den Vorwurf, seine Doktorarbeit plagiiert zu haben, dezidiert zurückgewiesen. Unter­stüt­zung bekam Schmitt auch von seiner ehemaligen Partei Fidesz. In einer Presseerklärung stellte die Regierungspartei trocken und lapidar fest, dass die Plagiatsaffäre nun endgültig vom Tisch sei.
Welch Irrtum, wie die dramatische Wende vom Donnerstag zeigte. Der Doktorenrat der Semmel­weis-Universität sprach sich am Donnerstagvormittag mit 16 gegen zwei Stimmen dafür aus, Schmitt den Doktortitel abzuerkennen. Dies gab der Rektor der Alma Mater, Tivadar Tulassay, ohne Angabe von Gründen bekannt. Wenige Stunden später entschied dann mit 33 gegen vier Stimmen auch das oberste Gremium der Semmelweis Uni­ver­sität, der Senat, dem Staatsober­haupt die Doktorwürde abzuerkennen. Wieder trat der Rektor der Universität vor die Medien. Tivadar Tulassay teilte mit, dass in den Augen des Senats die wissenschaftlichen Normen für alle gleichermaßen gälten. Diejenigen, die gegen diese Normen verstießen, würden sanktioniert. Tulassay erklärte, dass man bei der Untersuchung der Dis­ser­tation von Pál Schmitt zu dem Schluss gelangt sei, dass diese den Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit nicht entspreche, vor allem, weil sie zum Großteil auf einer textgetreuen Übersetzung beruhe.
Schon kurz nach dem Urteil des Senats der Semmelweis Universität konnte der staatliche Fernsehsender MTV während der Abendnach­richten Präsident Schmitt auf dem Frankfurter Flughafen erreichen. Schmitt sagte gegenüber MTV, dass er erst dann auf die Entscheidung des Senats reagieren wolle, wenn er die Begründung kenne. Laut Infor­mationen des Nachrichtenportals Origo habe rund eine halbe Stunde nach dem Urteil des Universitäts­se­nats auch Ministerpräsident Viktor Orbán mit Schmitt über die neue Situation per Telefon gesprochen.
Orbán und der Fidesz werden Schmitt wohl fallen lassen
Es ist nicht ausgeschlossen, dass Orbán Schmitt bereits ins Gewissen geredet hat, das Handtuch zu werfen. Denn angesichts der Aberken­nung seines Doktorgrads dürfte Pál Schmitt nun auch die Rücken­deckung des Fidesz verlieren, da auch die Regierungspartei offenbar dazu neigt, ihm wegen des enormen „moralischen Schadens“ für das Präsidentenamt den Rücktritt nahe zu legen. Dies sagte jedenfalls der stellvertretende Vorsitzende des Fidesz, Zoltán Pokorni. Die Oppo­sition fordert schon seit der Veröf­fent­lichung des Kommissions­berichts am Dienstag geschlossen den Rücktritt des Staatsober­hauptes.
Der Vorsitzenden der Sozialisten (MSZP), Attila Mesterházy, fand klare Worte: „Wenn Pál Schmitt mit Anstand aus dieser Situation herauskommen will, dann muss er zurücktreten. Der Fidesz wiederum trägt die Verantwortung dafür, nun eine Person zum Staatsoberhaupt zu wählen, die moralisch integer ist.“ Als Seitenhieb auf Schmitt fügte Mesterházy noch hinzu: „Eine Person, die beharrlich dementiert, sich mit fremden Federn geschmückt zu haben, ist für die Bekleidung des Präsidentenamtes ungeeignet.“
Die Sprecherin der rechtsradikalen Partei Jobbik, Dóra Dúró, betonte, dass aus dem Bericht der Un­ter­suchungskommission eindeutig hervorgehe, dass Pál Schmitt plagiiert habe. Demgegenüber sei die Schlussfolgerung der Kommission „lächerlich“, wonach die Verant­wor­tung nicht bei Schmitt, sondern bei der Universität liege. Behält der Fidesz das Staatsoberhaupt im Amt, dann hat sich die Regierungspartei von ihrer Absicht zur Schaffung eines sauberen öffentlichen Lebens endgültig verabschiedet, so Dúró. In den Augen der Ökopartei „Eine andere Partei ist möglich“ (LMP) sei Pál Schmitt nicht nur für den Doktortitel ungeeignet, sondern auch für das Amt des Staats­prä­sidenten. Der LMP-Abgeordnete And­rás Schiffer wies auf die Formulierung hin, wonach die Dissertation auf einer „Übersetzung beruht“. Laut Schiffer ist dies eindeutig die Feststellung eines Plagiats, schließlich hat Schmitt seinen Doktor „nicht als Übersetzer“ gemacht.

Magyar Nemzet: Ziehen Sie bitte die Konsequenzen, Herr Präsident!

Auch die von Ex-Premier Ferenc Gyurcsány (2004-2009) angeführte Demokratische Koalition (DK) forderte Pál Schmitt zum Rücktritt auf. Sollte Schmitt diesen Schritt nicht tun, dann wolle ihn die DK mit einer Demonstration dazu bewegen, hieß es in einer Presse­sendung der DK. Auch die Gyur­csány-Partei findet das Ergebnis des Berichts „absonderlich“. Der stellvertretendes DK-Vorsitzende Csaba Molnár zeigte Unverständnis dafür, dass einerseits gesagt werde, Schmitt habe gestohlen, er aber andererseits der Verantwortung enthoben werde, da ihn „niemand aufklärte“. Molnár verglich dies mit einem von der Polizei gestellten Dieb im Super­markt, der arglos erklärt, dass er kein Schild mit der Aufschrift „Man darf nicht stehlen“ gesehen habe. Selbst die regierungsnahe konservative Tageszeitung Ma­gyar Nemzet rief Schmitt in einem Leitartikel am Mittwoch dazu auf, „die Konse­quen­zen zu ziehen“.
Die Plagiatsaffäre um Pál Schmitt war bereits im Januar dieses Jahres von der Online-Ausgabe der linksliberalen Wochenzeitung hvg ins Rollen gebracht worden. Laut hvg hat Schmitt neben den 180 Seiten aus Nikolai Georgievs Werk und den 17 Seiten aus Klaus Hei­ne­manns Arbeit auch noch zehn Sei­ten aus einer Broschüre des Interna­tio­nalen Olympischen Komitees abgekupfert. Insgesamt habe Schmitt „94,6 Prozent“ des Inhalts seiner Dissertation abgeschrieben, so hvg.
Pál Schmitt wurde im August 2010 nicht zuletzt auf Betreiben von Regierungschef Viktor Orbán vom ungarischen Parlament zum Staats­oberhaupt gewählt. Sollte er sich für einen Rücktritt entscheiden, was ziemlich wahrscheinlich ist, würde Parlamentspräsident László Kövér die Amtsgeschäfte des Staats­prä­si­denten übernehmen, ehe ein neuer Kandidat für das höchste Amt im Staat gefunden wird. Zur Erinne­rung: Anfang März 2011 legte der deutsche Verteidi­gungs­­minister, Karl-­Theodor zu Gut­ten­berg, sämtliche politischen Ämter nieder, nachdem ihm die Univer­sität Bayreuth im Zuge der Plagiatsaffäre um seine Dissertation den Doktor­grad aberkannt hatte.

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