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Kulturleben

Alternative Kultur auf dem absteigenden Ast

Einst zog hier das Zöld Pardon feierfreudige junge Menschen an, nun soll hier eine Fahne zu Ehren der neuen Verfassung wehen.

Es gab einmal eine weltoffene, kultur- und künst­lerfreundliche Stadt: Budapest. Die Stadt gibt es noch, doch steckt Ungarn schon seit Lan­gem in einer finanziellen Krise, und seltsamerweise gibt es seit dem Frühjahr 2011 auch eine kulturelle. Man stellt sich unweigerlich die Fra­ge, warum gerade seit dem Antritt der Fidesz-Regierung verschiedene Kulturein­rich­tungen in größeren Schwierigkeiten stecken als in den Jahren zuvor.

Die politische Veränderung Ungarns ist im vergangenen Jahr auch in der Kulturszene mit großen Umwälzungen einhergegangen. Etablierte Veranstaltungsorte wie das Merlin Theater, das Zöld Pardon und das Pecsa sind von der Bildfläche verschwunden. Bei dem fast fertigen Gastro-Kulturzentrum CET verzögert sich die Eröffnung nun schon seit über 10 Monaten. Andere haben eine neue Führung bekommen und müssen sich neuen Richtlinien und dem Einfluss von oben beugen. Die Lage ist kompliziert, kritisch und bedauerlich, denn ein Ende ist nicht abzusehen.

Theater und Museen

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, gab es nach dem Regierungswechsel personelle Veränderungen an der Spitze staatlicher Kultur­einrichtungen. Museen wie die Kunst­halle bekamen neue Direktoren, und Theater wie die Oper und das ungarische Tanztheater andere Inten­danten. Verwiesen wurde dabei in den meisten Fällen auf die Unfähigkeit der Lei­tun­gen und die Verschwendung von Geldern. Zumeist stellten sich diese Vor­würfe, wie beim Direktor der Staatsoper (die BZ berichtete), als unbegründet heraus. Offensichtlich standen im Hintergrund politische Erwägungen. Wie sonst ist der Wechsel von erfolgreichen, international anerkannten und bekannten Persönlichkeiten wie Zsolt Petrányi, dem ehemaligen Leiter der Kunst­halle (Mûcsarnok), erklärbar, der ohne öffentliche Ausschreibung kurzerhand durch Gábor Gulyás (vormals Leiter des Modem in De­bre­cen) ersetzt wurde. Auch das mit fadenscheinigen Argumenten begleitete Ende des Opern­balls, einem Highlight des gesellschaftlichen Lebens in Ungarn, gibt zu denken.
Ende Dezember vergangenen Jahres verschwand dann das Merlin Theater von der Kunst­­palette. Das mit alternativen Program­men und englischsprachigen Vorführungen aufwartende Haus hatte bereits Ende 2010 mit Geld­schwierigkeiten zu kämpfen (die BZ berichtete), da die versprochene Finanzierung vom Staat nicht ausgezahlt worden war. Durch die fehlende Unterstützung mussten die Betreiber nach einem Jahr Standardprogramm schließlich aufgeben und hoffen nun, an einem anderen Standort vielleicht noch mal neu zu eröffnen.

Konzerte

Im Streit um das CET ist ebenfalls noch kein Ende in Sicht.

Ende September folgte ein großer Einschnitt für die Musikwelt in Budapest, die Schließung des bei In- und Ausländern beliebten Som­mer­ziels Zöld Pardon auf der Budaer Seite der Petõfi Brücke. Da der Pachtvertrag ausgelaufen war, wurde die Verlängerung durch den Be­zirks­rat abgelehnt, mit der Begründung, dass das Zöld Pardon etwas Bedeutenderem Platz machen müsse. Was kann es auch Gewich­ti­geres geben, als das Aufstellen einer Lan­des­fahne zu Ehren der äußerst umstrittenen neuen ungarischen Verfassung.
Seit September gibt es außerdem keine Veranstaltungen mehr im Petõfi Csarnok, kurz Pecsa genannt, das zentral im Városliget (Stadtwäldchen) liegt und in dem die meisten Rockkonzerte stattfanden. Neben weltbekannten Gruppen wie Nirvana, Apocalyptica, Lordi und Slayer rockten hier auch ungarische Größen wie Ákos und Quimby die Bühne. Jetzt müssen sich Inflames, Guano Apes, Opeth und Co. mit dem Club 202 am Ende der Fehérvári út begnügen, wo der Platz deutlich eingeschränkt ist und die Anbindung zur Innenstadt nicht nur nach Mitternacht deutlich zu wünschen übrig lässt.

Nachwuchs

Einschneidende Veränderungen gab es in diesem Jahr auch beim Trafó und Gödör Klub. Die geheimnisumwitterte und fragwürdige Ernennung von Yvette Bozsik zur neuen Leiterin des Trafó (die BZ berichtete) wirft nicht nur bei Außenstehenden Fragen auf. Bei der Erstellung des Programms, bisher ein Platz für alternative und junge Künstler aus dem In- und Ausland, soll jetzt mehr Wert auf eigene Produktionen gelegt werden. Ob da noch Möglichkeiten für aufstrebende Musiker und Tänzer bleiben, steht in den Sternen.
Trauer macht sich auch bei vielen Klubgängern und Anhängern des etwas Anderen und Neuen breit, denn der Pacht­vertrag des Gö­dör auf dem Er­zsebet tér wurde nicht verlängert (die BZ berichtete). Hier fanden viele junge, aufstrebende Kunstschaffende eine Plattform – im neuen „Akvárium“ wird dies angeblich nicht anders sein. Ob dem so ist, werden wir sehen.
Auch mit der endgültigen Auflösung des Tüzraktérs im vergangenen Herbst wurde die Situation für viele bildende Künstler, Maler und Designer noch schwieriger (die BZ berichtete). Die „Künstlerkolonie“ im Herzen der Stadt war eine Art Sprungbrett in die große Welt, da sie den jungen Talenten neben günstigen Mieten eine inspirierende Atmosphäre bot, die den Austausch mit Gleichgesinnten und die Chance für Vernissagen und Modeschauen gestattete. Die Bezirksverwaltung sah darin aber scheinbar keinen Sinn und ließ das Haus schließen, ohne dass neue Pächter in Sichtweite wären.

Fragezeichen

Freunde des englischsprachigen Theaters hoffen auf die Wiedereröffnung an einem neuen Ort.

Damit nicht genug, hängt auch die Eröffnung des Gastro-Kulturzentrums CET in der Warteschleife. Es hofft bereits seit dem  Frühjahr 2011 auf die Abnahme durch die Hauptstadt und auf Mieter. Der Streit zwischen den Investoren und den zuständigen städtischen Behörden scheint kein Ende finden zu wollen. So steht es leer und harrt einer endgültigen Entscheidung über sein Schicksal, obwohl es schon jetzt Konzerten, Ausstellungen, Restaurants, Cafés und weiteren Läden Platz bieten könnte. Betreiberprobleme gibt es auch bei der frisch renovierten Eisbahn im Stadt­wäldchen (Városliget). Sie blieb bis Mitte De­zember geschlossen. Trotz der vorübergehenden Nutzung sind die Schwierigkeiten bis heute nicht gelöst.
Probleme mit der Stadt haben außerdem die sogenannten Ruinenkneipen wie das Szimpla und Szimpla Kert in der Innenstadt. Sie müssen immer wieder um die Öffnungszeiten streiten und um ihre Existenz kämpfen (die BZ berichtete). Ähnlich düster ist auch die Situation der Künstlerkinos: Früher ebenfalls vom Staat subventioniert boten sie neben den Mainstream-Filmen der großen Kinos alternative Streifen unterschiedlichster Genres aus aller Welt in Originalsprache. Obwohl bei den Kino­be­suchern sehr beliebt, hat es den Anschein, als habe der Staat für die Künstlerkinos heute nicht viel übrig.

Fazit

Budapest, das in der Vergangenheit als weltoffene und künstlerfreundliche Stadt galt, hat bei den Kulturprogrammen viel von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Natürlich ist Kul­tur Ansichtsache, und sie unterliegt auch einem ständigen Wandel. Denn was Hans gefällt, muss Hänschen noch lange nicht gefallen. Aber die Zeiten für alternative Musik und Kunst sind in Budapest rauer geworden – schlicht und einfach, weil die Orte und Räumlichkeiten für das etwas Andere nach und nach verschwinden.
Die Finanzkrise ist vor vier Jahren ausgebrochen. Im Kulturbereich hat sie sich allerdings erst 2010 bemerkbar gemacht. Der Sparzwang der Regierung könnte ein Argument für die Einschnitte im Kulturleben sein, allerdings macht dieser auch vor Veranstaltungsorten nicht Halt, die Gewinn abwerfen. Dies trifft auf Pecsa und Zöld Pardon auf jeden Fall zu, und auch das CET dürfte wohl rentabel sein. Dadurch entgehen dem Staat Steuer­ein­nah­men. Seltsamerweise scheint für andere Dinge, beispielsweise Fußball, oder die Umbenennung von Straßen, Plätzen und des Budapester Flughafens aber noch genug im Staatstopf vorhanden zu sein.
Was auch immer die Gründe sein mögen, durch die Schließungen und Rationalisie­run­gen werden immer mehr Geschichten über Kul­tur­treffs, Klubs, Kinos und Theater in Budapest mit den Worten „Es war einmal…“ beginnen.

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