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Konfrontation mit der nackten Realität

Ungarn ist bei der Berlinale mit dabei

Konfrontation mit der nackten Realität

Auf der gestern begonnenen Berlinale ist auch Ungarn mit einem Beitrag vertreten. Der Streifen „Just the Wind“ (ungarisch: Csak a szél) von Benedek Fliegauf wird am kommenden Don­nerstag in Berlin seine Weltpremiere erleben. Schon allein, dass sich der Film unter mehreren hundert Beiträgen durchsetzen konnte und überhaupt eine Einladung zu der neben den Filmfestspielen von Can­nes und Venedig wichtigsten europäischen Filmmesse erhielt, werten die Beteiligten als großen Erfolg. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es so weit geschafft haben“, so etwa der ehemalige Holly­wood-Produzent und derzeitige Regierungs­beauftragte für das ungarische Film­wesen, Andrew Vajna. Der ungarische Staat hat das Zustande­kommen des Films in dreifacher Weise unterstützt.

Dass es der Beitrag so weit bringen konnte, ist mit Blick auf sein Thema, die Verarbeitung und die Art der Darsteller, noch umso höher zu bewerten. Der Film zeigt in realistischer Dar­stel­lung einen Tag, und zwar den letzten, aus dem Leben einer Roma-Familie. 90 Minuten wird der Zu­schauer Zeuge des ungeschminkten Alltags dieser Familie, der vor allem von drückenden Geldsorgen geprägt ist. Trotz widrigster Um­stände versucht eine sehr starke Mutter allein – ihr Mann arbeitet irgendwo im westlichen Aus­land – ihre Kinder durchzubringen. Mutig und abgebrüht lässt sie an diesem Tag etwa mal wieder den Wucherer, der regelmäßig bei ihr vorbeischaut und brutal an seine Forderungen erinnert, abblitzen.
Das besondere an dem Film ist, dass sämtliche Hauptdarsteller keine Schauspieler sind, sondern Amateure, die Regisseur Benedek Fliegauf bei Castings ausgewählt hat. Würde man diesen Fakt jedoch nicht kennen, man würde es nicht merken und sich höchstens über die Authentizität der Handlung und der Handelnden wundern. Weiß man allerdings um den fehlenden schauspielerischen Hintergrund der Hauptdarsteller, dann ist man wiederum überrascht, wie gut Fliegauf seine Darsteller auf die komplizierten Rollen vorbereitet hat, wie er ihnen das Drehbuch und ihre Rolle regelrecht auf den Leib geschrieben hat. Oder anders: Wie gekonnt er sie darin bestärkt hat, sich treu zu bleiben und sich für den Film nicht zu verbiegen. So halten die Darsteller auch im Film an ihrer Alltagssprache fest. Der Regisseur hat nicht einmal bei der sehr derben Wortwahl korrigierend eingegriffen. Ein großer Gewinn für den Film.

Produzenten András Muhi und Mónika Mécs zusammen mit Integrations-Staatssekretär Zoltán Balog: „Wichtiger Schritt zur Erneuerung der ungarischen Filmsprache.”

„Gute Augen” bei der Auswahl der Darsteller und sehr gutes Gefühl für das jeweilige Milieu

Für Fliegauf war es keineswegs das erste Mal, dass er mit Amateuren arbeitete. Auch bei früheren Produktionen bevorzugte er statt einer Beset­zung mit Schauspielern lieber einen Mix aus Pro­fis und Amateuren. Bei einem seiner ersten Filme soll er sogar gänzlich auf Profi-Schauspieler verzichtet haben. Dass dies seinen bisherigen Filmen eher zum Vorteil gedieh begründete Co-Pro­du­zent András Muhi vor allem damit, dass Fliegauf „gute Augen“ bei der Auswahl seiner Darsteller und ein sehr gutes Gefühl für das jeweilige Milieu habe, in dem ein Film spielt.

„Ein sehr schöner und eleganter Film.”

Muhi und Fliegauf arbeiten schon seit Jahren zusammen. „Ich habe als Produzent an allen Filmen von Fliegauf mitgewirkt“, erzählt Muhi. Das seien in den letzten zehn Jahren immerhin fünf Spielfilme, drei Kurzfilme und zwei Doku­men­tarfilme gewesen. Für Muhi ist Fliegauf heute „einer der erfolgreichsten Regisseure Ungarns“. Auch über die Landes­grenzen hinaus habe das Schaffen des Regisseurs bereits Anerkennung gefunden. So hätten etwa seine Filme Forest und Dealer bereits Preise in Berlin und Milky Way in Locarno gewonnen. Muhi ist übrigens sehr angetan davon, dass sich Fliegauf bei seinem neuesten Projekt einmal ohne Schnörkel und intellektuelle Zugaben der „nackten Wirklichkeit“ zugewendet habe. „Es ist ein sehr schöner und eleganter Film geworden“, so sein Fazit.
Ob es nach der bisherigen Erfolgsserie nicht ris­kant gewesen sei, jetzt ausgerechnet mit einem Film wie den aktuellen an die Öffentlichkeit zu treten, wollen wir von Muhi wissen. Dieser hat jedoch keine derartigen Zwei­fel: „Fliegauf gehört schon zu der Kategorie von Regis­seuren, bei denen, egal, was sie machen, am Ende immer etwas Sehenswertes und In­te­ressantes herauskommt.“ Ent­sprechende fach­liche Anerkennungen seien dann nur noch die logische Kon­se­quenz daraus. Und überhaupt: Unabhän­gig vom Thema ist auch der aktuelle Streifen wieder eine echter Fliegauf-Film. Auch hier blieb der Regisseur sich selbst und seinen Gestal­tungs­prinzipien wieder vollständig treu. Um dies zu illustrieren verweist Muhi unter anderem auf den permanenten Einsatz der Hand­ka­mera und einen, an die Ar­beitsweise von Lars von Trier erinnernden, sehr sparsamen Einsatz an zusätzlicher Beleuchtung, zwei der Grundprinzipien des Regis­seurs. Insgesamt hält Muhi den Film für einen „wichtigen Schritt zur Erneuerung der ungarischen Filmsprache“.
Bezüglich der finanziellen Aspekte des Zu­stan­dekommens des Films ist Muhis Kollegin und Co-Produzentin Mónika Mécs die kompetente Ansprechpartnerin. Schon allein, dass der Film überhaupt gedreht werden konnte, wertet sie als großen Erfolg. Beim ersten Anlauf 2010 wäre es fast um ihn beziehungsweise sein Drehbuch geschehen gewesen. Drei Wochen vor Drehbeginn stellte die Ungarische Film­stiftung, die eine finanzielle Unter­stützung der Produktion zugesagt hatte, ihre Tätigkeit ein. So fiel rasch alles auseinander, was zuvor in mühevoller Kleinarbeit zusammengefügt worden war. „Es sah damals so aus, als würde aus dem Projekt nie wieder etwas werden“, bekennt sie heutig freimütig. Der Impuls zur Schaffung des Films kam von der Mordserie an wahllos ausgesuchten Angehörigen der ungarischen Roma-Minderheit nur wenige Monate vor dem ersten Anlauf zu den Dreharbeiten.
Ans Aufgeben dachte damals aber niemand in dem engeren Kreis und so begann eine intensive Suche nach Geldmitteln. Da der alte Filmfonds nicht mehr existierte, der zum Referat von Andy Vajna gehörende neue Fonds aber noch nicht exis­tierte, kamen als Geldgeber zunächst nur Spon­soren aus der Wirtschaft infrage. Am Ende entschieden sich unter anderem die Glücks­spielfirma Szerencsejáték, der Stromverteiler MVM, das Atomkraftwerk Paks sowie der Auto­händler Porsche Hungária dafür, das Projekt zu un­terstützen. Schließlich gelang es aber auch noch, das Ministerim für Nationale Ressourcen, in das das Kulturministerium übergegangen war, für eine Förderung des Projekts zu über überzeugen. Ebenso das Referat, das sich innerhalb des Ministeriums für Justiz und Verwaltung mit der Integration von Bevölkerungsgruppen beschäftigt. Auch von den günstigen steuerlichen Rah­men­bedingungen für Filmproduktionen in Un­garn profierte das Projekt letztlich.

Amateure in den Hauptrollen.

Ministerien war das Thema wichtig

Über verschiedene privatwirtschaftliche und staatliche Zuwendungen kamen schließlich so viele Mittel zusammen, dass die in Ungarn anfallenden Kosten in Höhe von schätzungsweise 70-80 Millionen Fo­rint gedeckt werden konnten. Den Rest der insgesamt etwa 150 Million Forint teuren Pro­du­ktion – eine „Low-Budget-Pro­­duktion“ (Mécs) – übernahmen die beiden, an dem Projekt beteiligten deutschen beziehungsweise französischen Co-Produzenten, Rebekka Garrido von Paprika Film (D) und Pierre-Emmanuel Fleurantin von The Match Factory (F). Ob es nicht sehr schwierig gewesen sei, ausgerechnet für einen Film, der sich mit dem Roma-Problem beschäftigt, Sponsoren zu finden, wollen wir wissen. Ohne auf die Motive der einzelnen Förderer näher einzugehen, unterstreicht Frau Mécs, dass insbesondere in den Ministerien sehr wohl zu spüren war, wie wichtig gerade dieses Thema sei.
Sie selbst findet es eine „großartige Sache“, dass sich Fliegauf dem Roma-Problem angenommen habe. „Probleme mit den Roma gibt es überall in Europa. Die Frage ist nur, ob sich die jeweilige Gesellschaft ihnen stellt oder sie unter den Teppich gekehrt werden. Dass der Film in Ungarn gleich von zwei Ministerien unterstützt wird, zeigt, dass ein Prozess der „Hinwendung zur Wirklichkeit“ begonnen hat. Nur so könnten ihrer Meinung nach die Probleme erfasst und gelöst werden. Der Film könne aber nur als ein „kleiner Schritt zur gesamteuropäischen Lösung des Roma-Problems“ aufgefasst werden. An­ge­sprochen auf die Gefahr einer Missdeutung des Films und der Absichten seiner Macher stellt Mécs klar: „Ich will mich nicht mit der Politik beschäftigen. Das ist nicht mein Metier. Als künstlerisch Schaffende fühle und sehe ich aber, was ich zeigen möchte. Bis hierher reicht meine Kompetenz. Was später die Politik daraus macht, wie der Film benutzt wird, das ist nicht mehr meine Sache.“
Der für Integrationsfragen zuständige Staats­sekretär Zoltán Balog, dessen Ministerium den Film mit fünf Million Forint subventioniert hat, sieht in dem Film einen „wertvollen Beitrag“ zur „Be­sei­tigung der gesellschaftlichen Läh­mung“, die infolge der Unfassbarkeit der Roma-Morde in Ungarn entstanden sei. Der Inhalt des Films ist laut Balog, der bisher – wegen der üblichen Festival­auflagen – nicht mehr als knapp die Hälf­te des Filmes sehen konnte, „erschütternd“. Andererseits betont er aber auch immer wieder, dass die Handlung des Filmes wiewohl sehr verblüffend an die Realität erinnere, dennoch eine rein fiktive sei. Zur Zeit der Ent­scheidung über die Förderung habe man nur eine ungefähre Ahnung über die Richtung des Filmes gehabt. Dies war aber genug, um sich für eine Un­ter­­stüt­zung des Projektes zu entscheiden. „Es ist schön, dass wir in unserem Entschluss von der Ent­schei­dung der Juroren der Berlinale, den Film einzuladen, nachträglich bestärkt wurden“, freut sich Balog.
Dass der Film mit seiner schonungslosen Darstellung des tristen Alltags der Roma bei so manchem zartbesaiteten Zuschauer die Grenze des Zumutbaren überschreiten könnte, sieht Balog durchaus als reale Gefahr an. „Sollte es von dieser Seite Kritik geben, dann werden wir uns ihr offen stellen“, versprach er. Auf der anderen Seite merkt der Staatssekretär an dieser Stelle auch kritisch an, dass es löblich wäre, wenn auch andere Länder den Problemen mit gesellschaftlichen Randgruppen „so direkt in die Augen schauen würden wie wir das tun“. Hinsichtlich der noch unter der Vorgängerregierung begangenen Mordserie, merkt Balog noch an, dass es ihn mit Entsetzen erfülle, wenn er sich etwa der Parallelen zwischen den Roma-Morden und den Morden der Zwickauer Terrorzelle vergegenwärtige. In beiden Fällen hätten die Behörden – hier das Amt für Nationale Sicherheit, dort der Verfassungsschutz – die im Vorfeld der Taten überraschend nahe an den Tätern dran gewesen waren, versagt. In beiden Fällen sei der Staat der Verantwortung für die Sicherheit seiner Bürger nicht entsprechend nachgekommen.

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