Engagement und Leidenschaft
Moderne und klassische Kunstausstellungen, Vorträge über Literatur und Geschichte, Buchvorlesungen und -vorstellungen, Konzerte für Jung und Alt sowie Beschäftigungen für Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene bietet Deutschsprachigen und denen die es werden wollen das Haus der Ungarndeutschen in der Nähe des Heldenplatzes. Die Budapester Zeitung sprach mit der dortigen ifa-Kulturmanagerin Erika Tempfli über ihre Arbeit, ihre Motivation und die Gründe dafür, warum sie nach Budapest kam.

Vorträge und Lesungen gehören fest zum Programm des HdU.
Das Objekt, in dem das Haus der Ungarndeutschen (HdU) beheimatet ist, wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und dank der Förderung des deutschen Innenministeriums in ein imposantes, architektonisch anspruchsvoll gestaltetes multifunktionales Gebäude umgewandelt. Auf insgesamt 1500 Quadratmetern Fläche sind Veranstaltungsräume, Gästezimmer, das Restaurant „Opus“ und die Büros der wichtigsten landesweiten ungarndeutschen Vereine und Organisationen wie der Bund Ungarndeutscher Schulvereine, das Ungarndeutsche Kultur- und Informationszentrum, der Landesrat Ungarndeutscher Chöre, Kapellen und Tanzgruppen und die Redaktion des ungarndeutschen Wochenblattes Neue Zeitung untergebracht.
Finanzprobleme
Lächelnd wartet Erika Tempfli in einer Ecke des heimeligen Restaurants und bietet neben einem Sitzplatz, passend zur kalten Jahreszeit, auch eine heiße Schokolade an. Ihre Aufgabe sei es, in Ungarn die deutsche Minderheit zu fördern und für diese kulturelle Veranstaltungen im HdU zu planen, zu organisieren und zu konzipieren. „Dabei arbeite ich eng mit den hier ansässigen Gruppen, Verbänden und Vereinen zusammen, die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen ist meine Gastinstitution“. Diese würden unter anderem vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), dem deutschen Ministerium des Inneren und der deutschen Botschaft unterstützt, die verschiedene Projekte fördern. „Es ist durch die finanziellen Kürzungen komplizierter geworden, Veranstaltungen und Projekte auf die Beine zu stellen“, seufzt Erika und fügt erklärend hinzu, dass die Finanzierung vieler kultureller Programme oft von mehreren Parteien getragen werde und im Moment häufig neue Sponsoren und Geldgeber gesucht werden müssten. Dies mache ihre Arbeit nicht gerade einfacher, meint sie bedauernd. Auch gehe es ihr manchmal einfach zu bürokratisch zu, kritisiert Erika leise.

Mit Herzblut bei der Arbeit: Erika Tempfli.
Leidenschaft
Die junge Frau hat einen spannenden Lebensweg hinter sich. Vor ihrer Arbeit bei ifa war sie lange Zeit in Südamerika und lehrte danach als freiberufliche Dozentin „Wirtschaft- und Kulturraumstudien spanischsprachiger Länder“, wobei es mehr um die Praxis als um die Theorie ging. Damals stellte sie fest, dass selbst bei Ländern, in denen dieselbe Sprache gesprochen wird und die als ein Kulturraum gelten große Unterschiede zwischen den Menschen in Verhalten, Kultur und Denken zu beobachten sind. Es wäre interessant gewesen, sich näher damit zu befassen, sagt Erika, und begint mit leuchtenden Augen von ihrer zweiten Leidenschaft neben Spanisch zu sprechen: Amnesty International. Seit zehn Jahren sei sie aktiv dabei, habe als Studentin damit begonnen und eine eigene Gruppe an ihrer Universität gegründet. Schwerpunktmäßig habe sie sich damals mit Kindersoldaten, dem Kampf gegen Folter und den Frauenrechten befasst.
Überzeugung
Ein besonderes Erlebnis, das sie persönlich sehr berührt habe, sei eine Iranerin gewesen, die acht Jahre im Gefängnis gefoltert wurde und durch Briefe von Migliedern von Amnesty International Hoffnung schöpfte und die Tortur durchstand. „Ich habe sie bei einem Vortrag kennenlernen dürfen. Und als sie mir für ihr Leben dankte, wusste ich, dass ich das Richtige tue“. Mit dieser Erfahrung gestärkt ist sie sich sicher, dass all die Kritik – Amnesty könne nichts ausrichten – ins Leere gehe. Obwohl die finanziellen Mittel der Organisation knapp bemessen sind, ist sich Erika sicher, dass ihre Arbeit bei Amnesty dennoch etwas bewirken könne. „Irgendwann gilt die allgemeine Erklärung für Menschenrechte weltweit, ohne Ausnahme“, sagt sie im Brustton der Überzeugung.
Unterstützung
In dieser Tradition sehe sie auch ihre Arbeit beim HdU. Die Minderheitenrechte in den Ländern müssten und sollten unterstützt und gewahrt werden, so die Kulturmanagerin, deswegen erachte sie es als wichtig, die Schulen sowie die Sprache und Kultur besonders zu fördern. Nur durch Kulturveranstaltungen und aktive Teilnahme bleibe die Kultur auch lebendig. Aus diesem Grund bekäme im HdU neben den kostenfreien Veranstaltungen für jedermann auch die Wissenschaft ihren Platz. So wird jungen Forschern, die im Bereich der ungarndeutschen Minderheiten engagiert sind, die Möglichkeit geboten, sich und ihre Projekte vorzustellen.
Kulturvielfalt
Das abwechslungsreiche Programm soll alle Generationen ansprechen und jeder Kultursparte die Chance geben, sich vorzustellen. Erika meint augenzwinkernd, dass die Weinverkostungen ungarndeutscher Winzer bei allen sehr beliebt seien. Auch Konzerte und Theater seien gut besucht. Bei Ausstellungen sei es sehr unterschiedlich, einmal kämen nur wenige, ein andermal seien sie „überlaufen“. Nicht so populär seien wissenschaftliche Vorträge, bei denen großteils Altakademiker und Studenten das Publikum bildeten, und Lesungen. Wobei es bei letzteren sehr stark vom Thema abhängig sei. Stammgäste sein vor allem ältere Personen, die ein hohes Sprachniveau hätten, die Deutsche oder Ungarndeutsche seien. Um auch die jüngeren stärker anzusprechen werde es einige Veränderungen hin zu Entertainment und Unterhaltungsprogramm geben.
Engagement
„Unsere neuestes Projekt ist der Lichthof-Klub, der speziell für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren konzipiert ist“, erzählt Erika freudig. Es gäbe des Weiteren Sprachkaffees und ähnliche Initiativen, bei denen jungen Menschen, die Deutsch lernen miteinander reden könnten. Es sei ihr wichtig, dass alle ihre Programme kostenlos seien, damit der soziale Status der Besucher keine Rolle spiele. Auch die Faschingsparty im HdU, die am 17. Februar stattfindet, sei eintrittfrei. Für die Unterhaltung sorgen DJ Kanada und verschiedene Wettbewerbe wie die Wahl des schönsten Schnurrbarts. Die junge Frau hofft außerdem, dass sie die meisten Besucher später auch kostenlos ins Fogasház mitnehmen kann, um dort weiter zu feiern.

Die Zahl der Besucher hängt stark vom Thema ab.
Heimat
Die Entscheidung, 2010 nach Budapest zu gehen, fiel der Kulturmanagerin leicht. Sie sei in Rumänien in einem Minderheitengebiet in eine deutsch-ungarische Familie geboren und dadurch sehr geprägt worden. Jedoch habe sich ihre Geburtsstadt so stark verändert, dass sie sich eher in Budapest heimisch fühle als dort. Die Rechte der Minderheiten und die Menschenrechte lägen ihr wahrscheinlich deswegen so am Herzen. „Ich definiere mich deutsch und ungarisch, wie viele. Und deswegen ist diese Arbeit ein wenig so wie ein Trip ‘back to the roots’“, meint Erika zum Abschluss lächelnd.
Haus der Ungarndeutschen
Faschings-Schnurrbart-Party
17. Februar, ab 18 Uhr
VI. Lendvay utca 22
www.hdu.hu
www.ifa.de



