Glaubwürdigkeitsdefizit
Die Regierung hat auf die kürzliche Herabstufung der Kreditwürdigkeit Ungarns durch Moody’s mit sichtlichem Unverständnis reagiert. Dass hierbei von keiner Partisanenaktion einer Ratingagentur gesprochen werden kann, zeigt, dass Standard & Poors eine Herabstufung der Bonität des Landes von einem Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) abhängig macht.
Die Regierung argumentierte, dass Ungarn europaweit eines der niedrigsten Haushaltsdefizite habe. Auch mit Blick auf das Budgetdefizit im kommenden Jahr sei weder von den Finanzmärkten noch von internationalen Organisationen ernstzunehmende Kritik geäußert worden. Die Herabstufung der Staatsanleihen Ungarns war für die Regierung auch insofern schmerzhaft, als gerade der Kampf gegen die Staatsverschuldung zu ihren wichtigsten wirtschaftspolitischen Zielen zählt. Hier muss allerdings hinzugefügt werden, dass wegen des deutlichen Wertverlusts des Forint die Staatsschulden in den vergangenen Monaten nicht mehr gesunken, sondern leider gestiegen sind.
Wir stehen einer scheinbar paradoxen Situation gegenüber: Bei Ländern, die ein niedriges Haushaltsdefizit und eine positive Zahlungsbilanz haben (wie Ungarn; Anm.), ist eine Herabstufung auf den Status „Ramsch“ wahrlich ungewohnt. Meiner Meinung nach haben wir es aber weder mit einem Paradoxon noch mit einer Verschwörung zu tun. Der Grund für die Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes liegt eindeutig darin, dass die Wirtschaftspolitik der Regierung nicht nur aufgrund ihres Vorstoßes in Sachen Endtilgung der Fremdwährungskredite inzwischen als inkonsistent und unberechenbar angesehen wird.
Moody’s hat mit der Rückstufung der Bonität Ungarns der Regierung schlicht und einfach die Fähigkeit abgesprochen, das Management der ungarischen Volkswirtschaft auf die Reihe zu kriegen. Standard & Poors wiederum sieht die Finanzstabilität Ungarns nur unter der Aufsicht des IWF und der damit einhergehenden Einschränkung der wirtschaftspolitischen Souveränität des Landes gewährleistet. Doch ist die Frage der Endtilgung wirklich so wichtig oder haben wir es hier nicht viel eher mit der Durchsetzung der Interessen der internationalen Finanzwelt zu tun?
Endtilgung mit verhängnisvollen Endkonsequenzen
Die innenpolitisch paradoxerweise kaum diskutierte Frage der Endtilgung ist deshalb auf einem anderen Blatt zu nennen als andere Maßnahmen der Regierung, weil sie eindeutig auszurechnen ist: Sollte die Regierung den Prozess der Endtilgung ihrem Versprechen gemäß tatsächlich zu Ende führen, dann haben wir am Ende ein Land, das nicht nur eines Großteils seiner internationalen Reserven beraubt sein wird, sondern das sich auch in einer wirtschaftlichen Rezession mitsamt eines in Trümmern liegenden Bankensystems befinden wird, ohne jegliche Aussicht auf eine Befreiung aus der Rezession.
Man kann über die Vor- und Nachteile einer Einheitssteuer diskutieren, auch haben Debatten über Sondersteuern einen legitimen Platz im politischen Diskurs, da sie sich innerhalb des Rahmens akzeptabler und herkömmlicher Politik befinden. Worum es in diesen Debatten geht, sind in Wirklichkeit Kosten-Nutzen-Fragen. Die Endtilgung fällt nicht deshalb aus diesem Rahmen, weil die Banken ein Tabuthema sind, sondern deshalb, weil deutlich sichtbar ein dermaßen großer Schaden angerichtet wird, den wir im Hinblick auf die betroffenen Gruppen beim besten Willen nicht zu kompensieren imstande sein werden.
Ein weiteres makrowirtschaftliches Problem liegt darin, dass durch die Endtilgung zwar Teile der Bevölkerung vom Fremdwährungsrisiko befreit werden, allerdings wird dies hinsichtlich der Situation des Landes rein gar nichts ändern. Es wird bloß ein Positionswechsel vollzogen: Die Position der privaten Schuldner wird ganz und gar der Staat übernehmen. Sollten die Fremdwährungsschulden aber weiter steigen, könnte am Ende gar der Staat in eine Notsituation geraten, angetreten zu helfen, muss plötzlich ihm geholfen werden; die Möglichkeit eines solchen Szenarios ist bereits ein ausreichender Grund dafür, um ein Land herabzustufen.
Das „philosophische Problem“ der Endtilgungspolitik dürfte in den Augen der Ratingagenturen aber vor allem darin liegen, dass sie in erster Linie auf die Hilfe kreditfähiger Staatsbürger abzielt, von solchen Schuldnern also, die noch imstande sind, ihre Kredite zurückzuzahlen. Die unbeabsichtigte Begleiterscheinung einer solchen Politik ist, dass sie das Vertrauen in die Zahlungsbereitschaft des ungarischen Staates untergräbt. Wenn wir zahlungsfähige Schuldner von ihren Zahlungsverpflichtungen per Gesetz befreien, indem wir dem Kreditgeber einseitig Verluste zufügen, dann stellen sich unweigerlich folgende Fragen: Was ist der spezielle Grund dafür, dass dies hierzulande getan werden darf? Und warum sollen wir daran glauben, dass der ungarische Staat gegenüber seinen eigenen Gläubigern nicht zum selben Mittel greifen wird? Solange die Konsistenz, sprich Glaubwürdigkeit der Wirtschaftspolitik nicht wiederhergestellt wird, ist mit Aufwertungen durch die internationalen Ratingagenturen nicht zu rechnen.
Der Autor ist der Generaldirektor der OTP-Stiftungstreuhand. Zuvor war er unter anderem Chefvolkswirt der Ungarischen Nationalbank. Der hier abgedruckte Text erschien am 1. Dezember 2011 in der regierungsnahen konservativen Wochenzeitung Heti Válasz.
Aus dem Ungarischen von Peter Bognar




