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„Wir profitieren vom Unvermögen der Konkurrenz“

Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank Zrt. András Kozma

„Wir profitieren vom Unvermögen der Konkurrenz“

„Die positiven Maßnahmen der Regierung sollten besser kommuniziert und die negativen besser erklärt werden.“

Wie berühren Sie die staatlichen Maß­­nahmen bei den Devisenkrediten?
Nur marginal, weil wir so gut wie keine Privat­kunden haben. Die neuen Maßnahmen des Staates beziehen sich ausschließlich auf Privat­kunden, bei denen Wohnimmobilien als Sicher­heiten für Devisenkredite existieren. Indi­rekt über den Markt und durch die von den Maß­nahmen ausgehende negative Stimmung sind aber auch wir davon berührt.

Was halten Sie als quasi Nicht–Be­trof­fe­ner von den Maßnahmen des Staates?
Ich glaube der Preis, den das Land dafür zahlen muss, übersteigt deren Vor­teile. Die Zielsetzung ist verständlich und nachvollziehbar, aber die Antwort nicht adäquat. Zumal von der Antwort überwiegend die guten Schuldner begünstigt werden, die ihre Devisen­kre­dite vielleicht sogar aus eigener Kraft hätten tilgen können. Hier wird es Mit­nah­meeffekte geben. Für die guten Schuld­ner stellen die neuen Maß­nah­men des Staates eine willkommene Hil­fe dar, für die anderen spielen sie kaum eine Rolle. Für die Banken bleibt am Ende eine riesige zusätzliche Be­las­tung. Sollten viele Kunden von der neuen Möglichkeit Gebrauch machen, dann wird dies sicher nicht ohne Fol­gen für die Bonität Ungarns bleiben. Na­türlich kann es auch positive Effekte ge­ben. Wenn das Volumen der De­vi­sen­kredite insgesamt sinkt, dann ist Un­garn natürlich auch weniger den negativen Folgen von Wechselkurs­schwan­kungen ausgesetzt. Dennoch werden die hohen Kapitalverluste einiger Ban­ken nicht ohne Folgen für Ungarn sein. Die getroffenen Maßnahmen dienen also nicht so eindeutig wie gewollt den Interessen Ungarns.

Welche besseren Alternativen hätte es gegeben?
Es ist nicht meine Aufgabe, solche Ideen zu erarbeiten, es gab aber einige interessante Vor­schlä­ge in der Presse. Man hätte vielleicht nicht den Kurs fixieren sollen, sondern eher die ursprünglichen Referenzzinssätze und die Margen. So hätte man dafür sorgen können, dass sich die Belastung für die Schuldner in erträglichen Grenzen hält. Auch wäre sie juristisch nicht so anfechtbar gewesen, und es hätte auch nicht so viele negative internationale Schlagzeilen gegeben wie bei der getroffenen Regelung.

Welche Auswirkungen werden diese Regelungen auf Ihren Markt haben?
Es wird zu einer Neuaufteilung des Pri­vat­kun­den­marktes kommen. Die Ban­ken mit einem ver­gleichsweise eher ge­rin­gen Portfolio an De­vi­sen­krediten werden dabei zu den Gewinnern gehören. Wegen dieser unterschiedlichen In­te­ressenlage gibt es diesmal auch keine derartige Einheitsfront der Banken gegen den neuerlichen staatlichen Ein­griff in ihr Geschäft wie damals bei der Einführung der Bankensteuer.

Wer trägt die Verantwortung für die aus­geuferte Vergabe an Fremdwährungs­kre­diten?
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit Mitte der 90er, als das Privatkun­den­ge­schäft in unserer Bran­che noch zweitrangig war. Alle ausländischen Banken stürzten sich nur auf die Firmen­kunden und sahen hier das große Geschäft. Im Privatkundenbereich zu arbeiten, galt für einen Bankangestellten damals fast schon als Tätigkeit im Hintergrund. Dann belebte die erste Orbán-Regie­rung das Privatkundengeschäft mit staatlich geförderten Wohnraum­kre­di­ten. Mit einem Mal bekamen auch die Ban­ken richtige Lust am Privatkunden­ge­schäft. Zu allem Überfluss tauchte bei den Banken plötzlich auch noch die Mög­lichkeit der Vergabe von Devisen­kre­diten auf. Sie waren damals sogar noch preisgünstiger als die staatlich geförderten Wohnraumkredite. Der große Schwenk vollzog sich, als die neue sozialistische Regierung aus Budget­grün­den von der staatlichen Förderung von Wohnraum­kre­diten absah. Zu diesem Zeitpunkt störte das aber niemanden mehr, es gab ja die Devisen­kre­di­te. Es waren also mehrere Faktoren, die zur entstandenen Situation beigetragen haben. Ganz am Anfang waren bei der Vergabe von De­vi­senkrediten übrigens solche Banken dabei, die eine relativ geringe Markt­po­si­tion, kleine Volu­mina an Forint, dafür aber einen umso besseren Zu­gang zu De­visenmitteln hatten. Die anderen Banken sprangen dann aus Wettbe­werbs­grün­den nach und nach auf den Zug auf. Bei den Banken, die damals von An­fang an mit dabei waren, handelte es sich übrigens genau um die Ban­ken, haupt­sächlich österreichischer Her­kunft, die sich heute am stärksten beklagen.

Das sieht nach ausgleichender Gerech­tig­keit aus. Erst werden Marktanteile künstlich erworben, dann gehen sie ebenso wieder verloren…
Durchaus. Ich halte aber nichts davon, nur die Banken einseitig in die Pflicht zu nehmen. Nie­mand musste in den Jahren des Devisenkre­dit­booms solche Kredite aufnehmen. Ich finde es nicht gut, wenn jetzt alle Schuld einseitig auf die „bösen Banken“ abgewälzt wird. Im­merhin gab es bei der Finanzierung von Wohnraum auch viel Spe­kulation. Es ist natürlich nicht egal, ob es um das einzige Heim für eine Familie geht, die dritte Woh­nung eines Besitzers oder um eine spekulative In­vestition. Hier müsste besser differenziert werden. Sollten die Banken mit ihren Klagen juristisch durchkommen, müssten die Steuerzahler für leichtsinnige Schuld­ner und gewiefte Speku­lanten aufkommen. Das würde ich nicht gerecht finden.

Stellt die Verteuerung der Kosten für Devi­sen­kredite nicht auch Ihre Firmen­kun­den vor Pro­ble­me?
Firmenkunden sind im Gegensatz zu Privat­kun­den überwiegend professionelle Wirtschafts­ak­teure mit Finanzex­per­tise. Bei ihnen gibt es also keine derartige Informationsasymmetrie. Zu­meist sind Devisenkredite bei ihnen durch entsprechende Exportein­nah­men gedeckt, oder ihre inhärenten Ri­si­ken werden über Hedging unter Kontrolle gehalten. In der Regel ging es den Firmenkunden nicht um Spe­ku­lation, sondern um eine preiswerte Fremd­währungsfinanzierung mit überschaubarem Risiko. So haben Firmen­kunden überwiegend Euro-basierte Kredite aufgenommen. Hier gab es jedoch keine so drastischen Verän­de­run­gen des Wechselkurses.

Ihre Firmenkunden haben diesbe­züglich also keine Probleme.
Wenn sie Probleme haben, dann zumeist nicht primär wegen Kurs­schwan­kun­gen, sondern wegen der Nachfra­ge­situation und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Wenn sie eine entsprechende Nachfrage haben, werden sie dafür auch die nötige Finanzierung finden. Wenn die Nachfrage zu akzeptablen Preisen führt, können sie die Kosten für die Finanzierung erwirtschaften. Firmen geraten in der Regel nicht wegen Wech­selkursschwan­kun­gen in finanzielle Schief­lage, sondern durch fehlende Nachfrage.

Wie ist die Stimmung bei Ihren Fir­men­kunden?
Den Produktionsunternehmen und da­runter vor allem jenen, die für den Ex­port produzieren, geht es sehr gut. Da­bei spielt es keine Rolle, ob es sich um ungarische oder ausländische Firmen handelt. Lediglich Firmen, die für den Binnen­markt produzieren sowie Dienst­leistern geht es nicht so gut.

Trotz guter Zahlen bei den produ­zie­renden Unter­nehmen kommt das ungarische Wirtschafts­wachs­tum nicht so recht von der Stelle.
Das liegt vor allem am Fehlen von öffentlichen Aufträgen. Das produzierende Gewerbe wächst ganz ordentlich. Der Binnenkonsum ist nicht viel schlechter als in anderen mittelosteuropäischen Ländern.

Von Seiten der Opposition gibt es den Vorwurf, dass der Staat zu stark spare.
Ich finde die Absicht der Regierung, die hohe Staatsverschuldung abzubauen, richtig und verständlich. Ich würde es aber begrüßen, wenn die Kommu­ni­kation besser wäre. Statt mehr Überraschungen brauchen wir mehr Kon­sul­ta­tionen. Das müsste auch im Interesse des Staates liegen. Denn gäbe es eine bessere bilaterale Kommu­ni­ka­tion, wären sicher auch die Risikokosten für die staatliche Finanzierung geringer. Zur­zeit haben wir den eigenartigen Zu­stand, dass die Ver­schuldung des Staates zwar abnimmt, die Risiko­auf­schlä­ge aber nicht sinken. Durch eine mangelnde Kommunikation fallen unsere Erfolge beim Schuldenabbau einfach unter den Tisch.

Wie steht es um die Sondersteuer für Finanz­institutionen?
Auch dieses Thema gehört zu den eher wenig transparenten Themen. Ich gehe davon aus, dass sie bleiben wird. Glaubt man einigen Ankün­di­gungen von staatlicher Seite, wird sich aber ihr Ni­veau verringern und dem Niveau der Ban­ken­steuer in EU-Ländern angepasst. Aber Genaues wissen wir nicht. Im Übrigen halte ich die Ban­ken­steuer für keine so große Tragödie. Wenn die Dinge gut laufen, sollte sie für Banken kein Problem sein. Wenn die Banken aber von mehreren Schlä­gen gleichzeitig getroffen werden, Ban­­­ken­steuer, Devisenkreditmaßnahmen, schwä­­­chelnde Konjunktur und weitere Un­sicher­hei­ten, dann stellt sich für einige Banken die Frage nach dem Sinn ihres ungarischen Engagements – wohl­gemerkt nicht uns. Einige Banken stellen sich zu Recht die Frage, warum sie sich in Ungarn um Marktanteile bemühen sollen, wenn die Wirtschaft nicht blüht und man nicht vor bösen Überraschungen von Seiten des Staates sicher sein kann. Dann sinkt natürlich auch die Motivation der Mutter­ge­sell­schaf­ten, ihre ungarischen Toch­ter­ge­sellschaften zu weiterem Wachstum zu befähigen. Ich glaube, das ist ein Zu­sam­menhang, den die Regierung offensichtlich nicht richtig versteht.

Könnte es dazu kommen, dass einige Banken den ungarischen Markt komplett räumen?
Diese Sorge halte ich vorläufig für unbegründet. Auswirkungen auf die Ka­pi­talversorgung der Wirtschaft wird es aber auf jeden Fall geben. Die guten Kunden werden davon nichts spüren. Sie sind nach wie vor begehrt und finden immer eine Finanzierung. Was ist aber mit den durchschnittlichen und unterdurchschnittlichen? Diese werden es deutlich schwieriger haben, bei den zwangsläufig passiveren Banken eine Finan­zie­rung zu finden mit all den daraus resultierenden volkswirtschaftli­chen Auswirkungen. Des­we­gen finde ich die vielen negativen Signale und die mangelhafte Kommunikation der Re­gie­rung bedenklich.

Alles nur eine Frage der Kommuni­ka­tion?
Natürlich nicht alles, aber vieles. Es gibt viele Maßnahmen der Regierung, die prinzipiell positiv für die Wirtschaft sind. Denken wir nur an die Flat Tax oder die Verminderung der Körper­schafts­steuer. Diese Maßnahmen sind gut für die Transparenz und die Verminderung der Schat­tenwirtschaft. Das Problem ist nur, dass unser Bild im Ausland nicht davon geprägt ist. Nicht zuletzt durch eine suboptimale Kommuni­ka­tion der Regierung ist es eher negativ be­stimmt. Wenn ich mit deutschen Kun­den spreche, dann ist bei ihnen als erstes das Thema mit den Son­der­steu­ern präsent – ob sie nun direkt davon betroffen sind oder nicht: dann haben viele von der Verstaatlichung der privaten Rentenkassen gehört – zumeist leider nur oberflächlich –, und schließlich haben viele von den politischen Maß­nah­men der Regierung Orbán gehört. Am Ende entsteht ein Bild von einem Land, in dem die Steuern erhöht werden, in dem das Eigentum nicht sicher ist und dass sich auf eine Diktatur zubewegt. Wer will in einem solchen Land noch gerne investieren! Die positiven Maßnahmen der Regierung sollten also besser kommuniziert und die negativen besser erklärt werden. Diese Mühe sollte sich die Regierung im Interesse des Landes schon machen.

Wie geht es Ihrer Bank?
Trotz Sondersteuern, die uns jährlich mit etwa vier bis fünf Million Euro belasten, sind wir nach wie vor profitabel. Bisher hatten wir ein gutes Jahr, auch unsere weiteren Aussichten bewerte ich als positiv. Es klingt zwar paradox, aber in einem gewissen Sinne ist der enorme, auf den Wirtschaftsakteuren lastende Druck günstig für uns. Dieser Druck ist nämlich auch ein Härtetest für die Kundenbeziehungen der Banken. Ge­ra­de in solchen Zeiten erwarten Kun­den von ihrer Bank verstärkte Fle­xi­bilität, rasche Entschei­dungs­findung und eine individuelle Behand­lung. Da­zu sind aber insbesondere größere Ban­ken immer weniger in der Lage. Bei diesen steht Risiko­vermeidung inzwischen höher im Kurs als die Be­frie­di­gung der individuellen Kunden­be­dür­f­nis­se. Statt auf Wachstum sind ihre Stra­tegien vor allem auf den Abbau oder zumindest das Eindämmen ihrer negativen Kreditportfolios ausgerichtet. Zu diesem Zweck werden beispielsweise die Kunden in verschiedene Schub­laden gesteckt. Bei einigen Zehn­tausend Kunden ist es natürlich unmöglich, dass sich alle darin wohlfühlen. Insbesondere die guten Kun­den, die leichter wechseln können, ziehen aus dieser unbequemen Lage, also aus einer ständigen Ver­kennung ihrer individuellen Bedürfnisse, rasch die Konsequenzen und sehen sich nach einer aufmerksameren Hausbank um. Bei der Com­merz­bank gibt es keine Schubladen. Jeder Kunde wird individuell bedient. Wir beschäftigen uns eingehend mit ihnen und wollen langfristig mit ihnen wachsen. Das Schöne ist, dass sich das rumspricht. In letzter Zeit kommen verstärkt Kunden von Mitbewerbern zu uns, die wegen ihrer dortigen Behandlung frustriert sind. Als relativ kleine Bank sind wir zu einer Flexibilität in der Lage, die viele unserer größeren Mit­be­werber nicht aufbringen können oder wollen. Außer­dem haben wir jahrelange Erfahrungen in der entsprechenden Bedienung insbesondere von Mittel­ständlern.

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