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Wirtschaftspolitik der Regierung auf dem Holzweg?

Regierungsnahe Ökonomen kritisieren den Wirtschaftskurs des Landes

Wirtschaftspolitik der Regierung auf dem Holzweg?

Der Wirtschaftskurs der rechtskonservativen Regierung von Viktor Orbán steht dieser Tage heftig unter Beschuss. Was dabei überrascht: Die Kritik kommt nicht bloß von linksliberal gesinnten Ökonomen. Zuletzt ließen auch vermehrt konservative Wirt­schafts­experten kein gutes Haar an der Wirt­schaftspolitik der Regierung Orbán. Im Fa­den­kreuz der Kritiker steht dabei allen voran Volkswirtschaftsminister György Matolcsy, der als Federführer der ungarischen Wirt­schaftspolitik gilt.
Grund für die jüngste Welle von Kritik war die kürzlich gemachte Ankündi­gung von Regie­rungs­chef Viktor Orbán, angesichts des stotternden ungarischen Wirt­schafts­mo­tors eine Korrektur in Höhe von 100 Milli­ar­den Forint im laufenden Budget vorzunehmen. Das ungarische Wirtschafts­wachs­tum ist in diesem Jahr bisher weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dies wiederum hat dazu geführt, dass die staatlichen Ein­nahmen zumal aus der Mehr­wert­steuer nicht im erhofften Umfang in die Staatskasse fließen.
Woran sich die Ökonomen angesichts des klaffenden Budget­lochs am meisten reiben, ist die Pauschalsteuer (Flat Tax) von 16 Pro­z­ent. Die Einheitssteuer ist für die Re­gie­rung Orbán sozusagen eine heilige Kuh. Gebets­müh­­len­artig wurde die Flat Tax von Or­bán und Matolcsy in den vergangenen Jahren als Wun­dermittel gegen die Krise und Treib­rie­men für die lahmende ungarische Volks­wirt­schaft gepriesen. Inzwischen hat es aber ganz den Anschein, als würde sie die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllen. Mithin wird sie immer mehr hin­ter­fragt.
Der ehemalige Leiter des Zent­ralamtes für Statistik (KSH) und frühere Forschungs­di­rek­tor des regierungsnahen Wirtschafts­for­­schungs­instituts Századvég Gaz­­daságkutató, Tamás Mellár, machte seinem Unmut über die „verfehlte Wirtschaftspolitik“ der Regie­rung am vergangenen Freitag auf den Seiten der regierungsnahen konservativen Tageszei­tung Magyar Nem­zet Luft.

Mellár schreibt, dass eine Wirt­schaft, die einerseits ein strukturelles Ungleichgewicht aufweise, andererseits ein wettbewerbsschwaches Unternehmertum habe, nicht mit Steuersenkungen (Flat Tax) zu nachhaltigem Wachstum geführt werden könne. Der Ökonom fordert die Regierung daher auf, die Pauschalsteuer zu verwerfen und eine progressive Besteuerung einzuführen. Zudem spricht er der Ein­führung einer Vermögenssteuer das Wort. Mellárs Fazit: Es müsse eine sofortige radikale Änderung der Wirtschaftspolitik vollzogen werden, der bisherige Kurs der Re­gie­rung könne nämlich als gescheitert betrachtet werden.
Wenige Tage nach dem kritischen Artikel von Tamás Mellár war in Ma­gyar Nemzet eine Reaktion des Ökonomen Károly Loránt zu lesen. Loránt stimmt mit Mellár in Vielem überein. So kritisiert auch er die Einheitssteuer: „Die 16-prozentige Einkommensteuer war ein kapitaler wirtschaftspolitischer Fehler, weil durch sie (laut unterschiedlichen Schät­zungen) 500 bis 900 Milli­ar­den Forint an budgetären Einnah­men verloren gegangen sind.“
Diese Einnahmeausfälle werden in den kommenden Jahren beson­ders spürbar sein, so Loránt. Der Ökonom wies überdies darauf hin, dass mit den 100 Milliarden Forint, die jetzt im Haushalt fehlen, Zehn­tausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Eines der zentralen Wahlversprechen von Vik­tor Orbán war es, eine Million Ar­beits­plätze innerhalb von zehn Jah­ren zu schaffen.

Derzeitiges Rezept ist untauglich

Ungewohnt deutliche Kritik am Wirtschaftskurs der Regierung äußerte auch die regierungsnahe rechts­konservative Tageszeitung Magyar Hírlap am Dienstag vergangener Woche. Das Blatt schreibt rundheraus, dass das derzeitige Rezept zur Wirtschaftsbelebung untauglich sei. „Auch auf den höchsten Ebenen muss endlich ausgesprochen werden, dass die Einheitssteuer weder zur Ankurbelung des Wirtschafts­mo­tors noch zur Erhöhung der Be­schäftigung geeignet ist.“
Erklärend fügt die Zeitung hinzu: „Das zur Belebung der Bin­nen­nach­frage gedachte neue Einkom­men­steuersystem hat die Erwar­tun­gen völlig enttäuscht, denn der Kreis der Begünstigten gibt seine Mehr­ein­nahmen nicht in Ungarn aus, son­dern er investiert sie in Ei­sen­stadt (welcher Unterschied!). Darü­ber hinaus hat die Einheitssteuer Zehn­tausende von Minderbe­mit­tel­ten in eine unangenehme Lage gebracht.“

Lehrbuchartig nicht verwirklichbar

Für den ehemaligen Wirtschafts­mi­nister der ersten Regierung Or­bán (1998-2002), Attila Chikán, nimmt sich der Wirtschaftskurs von Volks­wirt­schafts­minister Ma­tol­csy abstrus aus. In einem In­ter­view mit dem Nach­rich­ten­por­tal Origo sagt Chikán wie folgt: „Das wirt­schafts­­po­li­ti­sche Glau­bens­bekenntnis, das von György Matolcsy vertreten wird, und das darauf abzielt, ein nachhal­tiges Wachstum durch die Stärkung der Binnennachfrage zu erreichen, ist bei einer kleinen, offenen Wirt­schaft wie der ungarischen geradezu lehrbuchartig nicht zu verwirklichen.“
Chikán kritisiert auch, dass sich die Regierung Orbán auf die Re­gie­rungs­arbeit nicht gut genug vorbereitet habe. Obwohl Viktor Orbán und die Regierungspartei Fidesz schon lange vor den Wahlen gewusst hätten, dass sie ans Ruder ge­lan­gen werden, hätten sie sich „nicht gründlich überlegt, was sie mit dem Land anfangen wollen“. Als Folge hätten sie an der Regie­rung eine Reihe von Ad-hoc-Ent­schei­dungen getroffen, meint Chi­kán.

Unüberlegte Schritte der Regierung

Der ehemalige Notenbankchef Pé­ter Ákos Bod schlug bereits im Juni gegenüber dem Radiosender Infó­Rá­dió in die gleiche Kerbe wie Chikán. Auch er sagte, dass viele Schritte der Regierung nicht durchdacht gewesen seien. Bod erklärte auch, dass der Staat wegen der Senkung der Ein­kom­mensteuer andere Einnahme­quel­len benötige. Dies könne zur Ein­füh­rung von neuen Steuerarten führen. Der Ökonom betonte ferner, dass durch die Einheitssteuer keine Be­le­bung des Binnenkonsums zu erwarten sei, in der gegenwärtigen Situation würden die meisten Menschen vor allem sparen.
Eine Analyse des Politikfor­schungs­instituts Policy Solutions brachte die Wirtschaftspolitik der Re­gierung kürzlich auf den Punkt. Regierungschef Viktor Orbán habe sein gesamtes Wirtschafts­pro­gramm auf die unorthodoxen wirtschaftspolitischen Vorstellungen von György Matolcsy gestützt. Es habe aber nun immer mehr den An­schein, dass dieses riskante Experi­ment gescheitert sei.

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