Die psychologischen Faktoren unseres Wohlstands
Die Thematisierung der Psychologie in der Wirtschaftstheorie ist kein Novum. Jener Ökonom, dessen Lehren im zwanzigsten Jahrhundert am wirkungsmächtigsten waren, Keynes, beschäftigt sich in seinem 1936 erschienenen monumentalen Werk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ unter anderem mit der Frage, welche Motivationen die Handlungen der Wirtschaftsakteure antreiben. […]

Die ungarische Gesellschaft leidet unter einem Mangel an Vertrauen.
Dort ist auf den Punkt gebracht folgende Theorie zu lesen: Sind wir optimistisch, investieren wir. Sind wir pessimistisch, hüten wir uns vor dem Risiko. Im Original gebraucht Keynes den Ausdruck „animal spirits“, wobei die etymologische Grundlage von „animal“ das Lateinische „anima“ ist, was lebensspendendes Element bedeutet.
In den sechziger Jahren wurden die Lehren von Keynes von der neoklassischen (oder neoliberalen) Theorie in den Hintergrund gedrängt. Mit Blick auf die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft als Ganzes betrachtete die neoklassische Theorie psychologische Faktoren in der Ökonomie als vernachlässigbare Detailfragen. Demnach seien die Menschen imstande, ihre Interessen zu erkennen, mithin seien ihre Entscheidungen rational, sprich sie dienten der maximalen Entfaltung dieser Interessen. In den achtziger Jahren kam in den Wirtschaftswissenschaften eine neue Welle, die zur neoliberalen Theorie im Widerspruch stand. Nun setzte sich die Sichtweise durch, dass Individuen und Gruppen keineswegs ausschließlich auf Grundlage rationaler Erwägungen entscheiden, was heißt, dass die psychologischen Faktoren keinesfalls außer Acht gelassen werden dürften.
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps verknüpfte in einem 2006 geschriebenen Aufsatz die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes mit der Werteordnung seiner Gesellschaft. Er behauptet, dass die Werteordnung einer Gesellschaft die Modernisierungsbestrebungen befördern, hindern oder gar zum Scheitern verurteilen kann. Ein anderer Nobelpreisträger, George Akerlof, hat gemeinsam mit seinem nicht minder berühmten Kollegen Robert Shiller ein Buch verfasst, für den sie den keineswegs zufälligen Titel „Animal Spirits“ wählten.
Was sie darin fordern, ist die Erweiterung der volkswirtschaftlichen Modelle um psychologische Faktoren wie Vertrauen, Böswilligkeit und eine Aversion gegen Korruption. Hinzu kommen die Geschichten (d.h. Individuen und Gruppen sind empfänglich für Geschichten, die ihre Gegenwart erklären, insbesondere aber für jene, die von ihrer Zukunft handeln) und die sogenannte monetäre Illusion (d.h. die Menschen nehmen die Inflation nicht unbedingt wahr). Das Lesen solcher Gedankengänge ist kurzweilig, aber auch lehrreich, die wirklich interessante Frage ist dennoch, inwieweit sie auf die heutigen Probleme der ungarischen Gesellschaft und Wirtschaft anwendbar sind.
Nun, inspiriert von Phelps’ Aufsatz hat das Meinungsforschungsinstitut Tárki eine Studie im Hinblick auf die Werteordnung der ungarischen Gesellschaft im Kontext der Wettbewerbsfähigkeit durchgeführt. […] Das Ergebnis ist alles andere als beruhigend. Die Studie ergab, dass die ungarische Gesellschaft an einem Mangel an Vertrauen leidet, die Mitglieder der Gesellschaft vertrauen weder einander noch den öffentlichen Institutionen. Was wir gemeinhin als soziales Kapital bezeichnen (Vertrauen, das Einhalten der Normen usw.), ist hierzulande auf einem denkbar niedrigen Niveau, dies erschwert zweifelsohne auch den Anschluss des Landes an den Westen.
Die Werteordnung und Attitüde einer Gesellschaft sind auf den Einfluss einer Reihe von komplexen Gründen zurückzuführen, und sie ändern sich nur langsam. Die Fachleute berufen sich häufig auf das Erbe der Ära von János Kádár (1956-1988; Anm. d. Red.), einige datieren die Gründe für die ungarische Malaise bis auf Mohács (1526) zurück, andere wiederum verweisen auf die inkonsequente Umsetzung des postkommunistischen Transformationsprozesses. Die Ergründung und Erklärung der Ursachen ist wichtig, noch viel wichtiger ist aber die Veränderung der Werteordnung. Weil es um ein komplexes und schwer veränderbares Phänomen geht, ist sowohl auf Regierungsseite als auch auf Seiten der Zivilgesellschaft Handlungsbedarf geboten – im Idealfall auf Grundlage eines nationalen Konsenses. Zuallererst muss die Gesellschaft aber daran gehen, selbst in den Spiegel zu blicken, um in weiten Teilen der Gesellschaft zum Bewusstsein zu gelangen, dass eine Veränderung notwendig ist.
Es wäre ein interessanter Versuch, die Erkenntnisse von Akerlof und Shiller auf die ungarischen Verhältnisse anzuwenden. Es besteht kein Zweifel, dass sich im vergangenen Jahrzehnt neben dem bereits erwähnten Mangel an Vertrauen auch das Unrechtsgefühl und die Frustration über die hartnäckige Korruption verstärkt haben. Der Regierungswechsel im Vorjahr ist gerade auf der Welle dieser Unzufriedenheit vor sich gegangen. Das Versprechen einer raschen und schmerzlosen Entwicklung (siehe: Geschichten) hat die Menschen in seinen Bann gezogen. So konnte die neue Regierung mit einem riesigen Vertrauensvorschuss und unter hohen Erwartungen ihre Arbeit aufnehmen.
Freilich: Es steht außer Frage, dass nur eine Wirtschaftspolitik erfolgreich sein kann, die diese psychologischen Faktoren einkalkuliert. Dies ist allerdings noch nicht genug. Akerlof und Shiller machen darauf aufmerksam, dass die psychologischen Faktoren wandelbar seien. Wenn die Wirtschaftspolitik falsche Wege beschreitet, ist das Vertrauen rasch dahin, das Unrechtsgefühl verstärkt sich, und auch die Geschichten sorgen nur noch für Enttäuschung. Aus einem Rückenwind kann schnell ein Gegenwind werden.
Der Autor war langjähriger Generaldirektor der ungarischen Tochter der Raiffeisen Bank und ehemaliger Vorsitzender des ungarischen Bankenverbandes (2008-2009). Der hier in Auszügen abgedruckte Text erschien in einem Sondermagazin der Wochenzeitung HVG zum Thema Psychologie.
Aus dem Ungarischen von Peter Bognar





