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Die Wahrheit darf nicht tabu sein

Offener Brief an die HIPA, dem Verband der ausländischen Korrespondenten in Ungarn

Die Wahrheit darf nicht tabu sein

„Aidan White, der ehemalige Generalsekretär des Internationalen Journalistenverbandes (IFJ) hat in einem Interview mit der von Ihnen als unabhängig betrachteten Zeitung Népszabadság – deren Teileigentümer übrigens eine von der MSZP [Sozialisten; Anm. d. Red.] ins Leben gerufene Stiftung ist – Folgendes gesagt: ‘Die Presse sollte sich einerseits noch stärker an die strengsten fachlichen Kriterien halten, andererseits sollte es ihr ständiges Bestreben sein, das Interesse der Öffentlichkeit zu vertreten.’

Die Frage wiegt natürlich schwer, ob Sie dem überhaupt gerecht werden.
Ich habe in Jahrzehnten die Er­fahrung gemacht, dass in den Woh­nun­gen der meisten Journalisten gerade der Spiegel fehlt. Und wenn ihnen jemand solch einen glänzenden Gegenstand überreicht, dann werden sie sauertöpfisch. Halten dagegen sie jemandem einen Spiegel vor, reagieren sie bei Kritik mit dem dünkelhaften Hinweis, dass sie doch nur der Wahrheit verpflichtet seien.
Es gilt bereits als Gemeinplatz, dass es mit dem Spiegel der Jour­nalisten allerhand Probleme gibt. Und dies ist keineswegs eine neue Erkenntnis. Denken wir nur daran, dass der Pulitzer-Preis­trä­ger Walter Duranty 1932 schlicht abgestritten hatte, dass als Folge der Aushunge­rungs­politik Stalins mehrere Millionen Men­schen in der Uk­rai­ne den Hun­ger­tod starben. Er habe dort nur Kaviar und Sekt gesehen. Als ehemaliger Mitarbeiter von ‘Radio Free Europe’ erinnere ich mich noch sehr gut daran, dass der aus München sendende Radiosender in Westeuropa eine schlechtere Presse hatte – wir waren die „Reliquien des Kalten Krieges“ – als der Gulaschkommunismus unter Kádár.

Panzer in die Slowakei

Um auf die Gegenwart zurückzukommen: In Ungarn, wo Sie stationiert sind, sind viele Men­schen der Ansicht, dass Sie von keinem anderen Land ein derart ein­seitiges Bild vermitteln wie von uns. Dies ist natürlich etwas naiv gedacht.
Da ist zum Beispiel der Fall Irans. Laut einer Studie der beim besten Willen nicht als Iran-freundlich geltenden Organisation ‘Freedom Hou­se’ steht es in der Heimat der Aya­tollahs besser um die Men­schen­rech­te als beim weltweit größten Erdölexporteur Saudi Arabien. Und dennoch: Während ich in Ihren Blättern täglich von Menschen­rechts­verletzungen im Iran lese, gibt es aus dem Land von König Ab­dullah keine derartigen Nach­richten.
Wir müssen geographisch aber nicht so weit gehen: Wenn ich Ihre Blät­ter lese, kann ich nicht ganz verstehen, wie es kommt, dass Sil­vio Berlusconi der am längsten dienende italienische Regierungschef seit 1945 ist. In Ihrem Spiegel ist er im besten Fall ein Populist, ein alter, großmauliger Lüstling und Clown, im schlimmsten Fall ein Verbrecher.
Demgegenüber gibt es Länder, denen offenbar alles erlaubt ist. Allenfalls werden da und dort die Augenbrauen hochgezogen, aber das war’s schon.
Ein solches Land ist die Slowakei. Unter der ehemaligen Regierung – es ist vom Fico-Kabinett die Rede – wurde im Hinblick auf die alteingesessenen Ungarn der Gebrauch ihrer eigenen Sprache gesetzlich beschränkt und unter Strafe gesetzt. Was würden Sie sagen, wenn die Regierung Orbán den öffentlichen Gebrauch des lovári [Sprache eines Teils der ungarischen Roma; Anm. d. Red.] oder des Slowakischen sanktionieren würde? Und wie würden Sie reagieren, wenn Zsolt Semjén [stellvertretender Regierungschef und Vorsitzen­der des Juniorpartners in der Re­gierungskoalition, der Christdemo­kra­tischen Volkspartei [KDNP]; Anm. d. Red.] verkünden würde, dass sich ungarische Panzer morgen Richtung Slowakei in Bewegung setzen werden, um als Vergeltung für das slowakische Sprachgesetz bei unseren Nachbarn für Ordnung zu sorgen? Sie würden dem wohl sicher mehr Aufmerksamkeit schenken als seinerzeit den Aussagen des Vorsitzenden von Ficos Koalitions­partner [Ján Slota; Anm. d. Red.], der versprach, die Hauptstadt Un­garns mit Panzern dem Erdboden gleich zu machen, oder?

Tatsachen werden verworfen

Wenn ich allmächtig wäre, würde ich Ihnen sogleich folgende Frage stellen: Soll ich verordnen, dass bei uns mit den Zigeunern (wenn die Zi­geuner hierzulande bei der Be­zeich­nung ihrer eigenen Selbstver­wal­tung das Wort ‘Zigeuner’ gebrauchen, dann ist es wohl politisch korrekt, wenn ich sie auch so bezeichne) genauso zu verfahren sei wie in der Slowakei? Ja oder nein? Ich höre Ihre Antwort nicht, wiewohl Sie im Gegensatz zur Slo­wa­kei die schlechte Behandlung der Zigeuner bei uns täglich kritisieren.
Ich habe ihre Stimme auch nicht gehört, als sie mich und einen Kollegen vor Jahren – Ende Februar 2004 – zu einem Pressefrühstück einluden.
Ich habe Ihre Einladung damals deshalb mit Freude angenommen, weil ich meine Hypothese testen wollte. Worin besteht diese: Ich habe den leisen Verdacht, dass Sie sich hier nicht so verhalten wie Korrespondenten in anderen Län­dern, von Mogadischu bis War­schau. Sie unternehmen meines Er­ach­tens nicht alles, um an In­for­ma­tionen zu gelangen. Stattdessen verwerfen Sie Tatsachen, sofern diese nicht in Ihr Konzept passen.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an meine Aussage, wonach die Jus­tiz in Ungarn faulig und korrupt sei. Bei den Gerichten entscheiden sich viele Fälle schon bei der Ver­ga­be, sprich: die richterliche Ad­mi­nis­tration weiß genau, welchen Fall sie an welche Richter vergeben muss, um das gewünschte Urteil zu bekommen. Als Sie diesbezüglich Ihre Zweifel anbrachten, schlug ich vor, Ihnen einen renommierten Richter, einen Senatspräsidenten des Obers­ten Gerichtshofes, vorzustellen, der dies untermauern könne. Die auf dem Tablett angebotene Quelle in­te­ressierte niemanden von Ihnen. Nicht auszudenken, dass mir jemand in Brüssel in einer Korrup­ti­ons­affäre eine Quelle anbietet und ich mich nicht sofort darauf stürze.
Sie schwiegen auch, als ich drei dicke und ein dünnes Dossier auf den Tisch legte. Die dicken Schrift­map­pen beinhalteten die von Ihnen geschriebenen Artikel unter der Re­gierung Orbán [1998-2002; Anm. d. Red.], die dünne jene unter der Regierung Medgyessy [2002-2004; Anm. d. Red.]. Ich rief Sie dazu auf, aufs Geratewohl jeweils einen Ar­tikel aus den Dossiers zu nehmen. Es werde sich herausstellen, dass die Quellen für kritische Ar­ti­kel unter der Regierung Orbán allesamt oppositionelle Politiker und Intellektuelle seien. Demgegenüber gebe es bei den Artikeln aus der Ära Medgyessy kein einziges Zitat von einem oppositionellen Politiker. Sie entflohen dem Experiment in betretenes Schweigen.
Heute betreiben Sie dies in fast schon industriellem Um­fang. Sie haben dieser Tage nicht eine Zeile darüber geschrieben, dass der ehemalige Ministerpräsi­dent Ferenc Gyurcsány [2004-2009; Anm. d. Red.] mit der Gründung einer neuen Par­tei auch die letzte Hoff­­nung begrub, dass die MSZP jemals wieder Wahlen gewinnt. Derweil schrieben Sie seitenlang über die Fa­schis­mus­gefahr, um den Bo­den für das nächste In­ter­view mit György Konrád zu bereiten, der in monatlicher Re­gel­mä­ßig­keit erklärt, dass die heutigen Zustände in ihm das Jahr 1933 wachriefen. Freilich: Er macht Ih­nen gegenüber diese Äußerungen nicht bei der Gestapo, sondern im Gerbeaud während des Verzehrs der zweiten Creme­schnitte. 

Das Land kennt Themen und Lügen

Aber Sie bedienen sich der Lü­gen, allein schon um dieses Zerrbild zu verbreiten. Denken Sie nur daran, was die französische Nachrich­ten­a­gentur AFP und der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs am 7. Mai aus Budapest berichtet hatten. Einige Stunden bevor sich herausstellte, dass ein pensionierter Feuer­wehrmann ein Textilstück mit einem David-Stern darauf verbrannte: ‘In Budapest haben rechts­extreme Akti­visten am Freitagabend während einer Protestdemon­stra­ti­on gegen die Re­gierung von Viktor Or­bán eine israelische Flagge verbrannt.’
Sie haben gelogen, weil es Ihnen unangenehm ist, dass der Zündler an einer Demonstration gegen die Re­gierung teilgenommen hat. Und aus demselben Grund schreiben Sie auch nicht davon, dass Gyurcsány in der Causa Sukoró von der LMP [„Eine andere Politik ist möglich“; Anm. d. Red.] angezeigt wurde, ist doch die LMP für Sie ebenso unkritisierbar wie einst der SZDSZ [Bund der Frei­en Demokraten; Anm. d. Red.].
Nicht nur ich, sondern fast schon das gesamte Land kennt Ihre The­men und Lügen. Sie wissen sogar schon, was Sie über uns morgen und übermorgen schreiben werden. Wenn nichts passiert, das Anlass dazu gibt, die Na­zi-Keule zu schwingen, dann stauben Sie Figuren ab wie Magdalene Mar­sovszky in Deutsch­land, die zum zweihundertsten Mal erklärt, dass Viktor Orbán der Ideo­lo­gie Hitlers (völkisches Ge­dan­kengut) nacheifere. Diese Lüge ist bei Ihnen eine ‘News’. Da­rü­ber schreiben sie je Blatt eine halbe Kolumne. Doch hatten Sie kein einziges Wort darüber verloren, dass die Po­lizei im Herbst 2006 Men­schen [mit Gummige­scho­ssen; Anm. d. Red.] die Augen ausgeschossen hat­te. Dies war einer der Haupt­gründe da­für, dass die ehemalige [linksliberale; Anm. d. Red.] Re­gie­rung stürzte. Sie haben auch darüber nichts berichtet, dass ein Groß­teil des Mittel­standes in den ver­gangenen Jahren wieder der Ver­armung anheimfiel.
Sie werfen dieser Regie­rung vor, dass sie den jenseits der ungarischen Gren­­zen lebenden Ungarn ein Wahl­recht geben will, womit sie Europa in Ihren Augen destabilisiere. Tragen dem­gegenüber etwa Rumä­nien, Kro­a­­tien und Italien zur Insta­bi­li­tät Europas bei? Ich frage deshalb, weil in diesen Län­dern dieselbe Praxis herrscht. Sie wer­den nur nicht von Ihnen kritisiert.  
Wenn die Verankerung der Heili­gen Stephanskrone in Ihren Augen ein feudales Überbleibsel ist, was ist dann die Pflicht zur Ehre der Tradi­tion des Großmährischen Reiches in der slowa­kischen Verfassung? Wo­möglich ein Aus­flug ins Zeitalter der Nanotechno­logie?
Sie bekritteln, dass das Grund­ge­setz mit dem ersten Satz aus der ungarischen Hymne eingeleitet wird. Dass die griechische Verfassung im Na­men ‘der Heiligen und Wesens­glei­chen und Unteilbaren Dreifal­tigkeit’ geschaf­fen wurde, ist Ihnen anscheinend egal.
In den vergangenen zwei Jahrzehn­ten habe ich in einem Teil meiner Ar­­tikel versucht, den beispiellosen wirtschaftlichen Erfolg der Länder des Ostens vorzustellen – von Sin­ga­pur über China bis nach Süd­ko­rea. Es war mein Bestreben, jenes Mo­dell verlockend zu machen, dessen An­wendung ein rascher Ausweg aus der Armut sein könnte und einen stabilen nationalen Stolz schaffen könnte. Ohne es zu wissen, haben Sie mir durch Ihre Hass­kam­pag­ne gegen rechte Regie­run­gen in Un­garn beim Erreichen meines Ziels einen äußerst großen Dienst erwiesen. Sie haben viele Men­­schen ausgerechnet in jene Richtung getrieben, die eine Anzie­hungskraft auf mich ausübt.
Vor einem Jahr hat der Minister­prä­sident ausdrücklich eine Aus­rich­tung gen Osten verkündet. Dan­ke für Ihre Hilfe. Nur weiter so!“
Der Autor ist langjähriger Mitar­bei­ter der regierungsnahen konservativen Tageszeitung Magyar Nem­zet. Der hier abgedruckte Text erschien am 14. Mai 2011 ebendort.                                       

Der Autor ist langjähriger Mitarbei­ter der regierungsnahen konservativen Tageszeitung Magyar Nemzet. Der hier abgedruckte Text erschien am 14. Mai 2011 ebendort.                                       
Die hier wiedergegebene Meinung muss nicht den Standpunkt der Re­dak­tion widerspiegeln.


Redaktion

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